Wie lange warten wir darauf, dass unser Leben endlich beginnt?

IMG_7768Wenn die ersten Sonnentage kommen fühle ich mich als spränge ich auf einem Trampolin. Nicht diese großen, Netz umzäunten, die jeden Garten zieren in dem Kinder Zuhause sind. Sondern diese leicht federnden Trampoline, in dessen weißen Netzen man tief hinab gezogen wird um hoch hinaus zu fliegen. Hoch hinaus, über sich selbst wachsend. So fühle ich mich. Als würde ich springen, den ganzen Tag, immer höher. Und im Bauch kribbelt es.

Das ist der Frühling, denke ich, dass ist worauf ich die letzten Wochen gewartet habe. Auf Sonne und Licht. Die Kinder laufen draussen herum. Wir graben die Hochbeete um, bestaunen die Krokusse und Schneeglöckchen. Der Himmel ist blau, die Möwen weiß und kreischend. Wie schön, denke ich.

Abends suche ich im Internet nach Unterkünften in Neapel. Und ich rieche jetzt schon frischen Basilikum auf heißer Tomatensauce. Und ich freue mich. Auf die Zeit mit Paul und den Kindern. Auf Sonne und Meer, auf Emils Gesicht, wenn er den Vesuv besteigt und Pompej sieht. Auf die Sprache, die ich so liebe und viel zu selten höre und spreche.

Ich freue mich auf die Wochenenden, ganze Tage mit den Kindern, voller Leben und Lärm, voller Liebe und Zuneigung. So viel intensive Zeit. Und mit jedem Mal wird diese harmonischer und glatter, als hätten wir uns jetzt, zum Ende endlich eingefunden in unserem winterlichen Höhlendasein. Spielen und tanzen, liegen gemeinsam auf einer bunten Decke und erzählen uns Geschichten, gehen raus nur um uns danach auf drinnen zu freuen. Auf heißen Tee und gute Bücher. Und auf die Zeit, die wir haben.

Emil und Ida spielen mal laut mal leise, sie tigern durch die Wohnung wie durch eine sichere Höhle – ihre Höhle. Ihr Zuhause. Sie erobern es sich langsam. Manchmal finde ich sie hinter dem Sofa, sie lassen kleine Tiere im Bücherregal verschwinden, manchmal finde ich sie auf Emils Bett lesend, manchmal finde ich sie im Bad, sie waschen Steine, die sie im Park gefunden habe. Ich lese und koche, ich backe und bastele und bin da, präsent, auch als Ansprechpartnerin. Aber ich bin nicht mehr allumfassend. Ich bin nicht mehr die Animateurin des Wochenendes. Ich bin ein Teil – Teil einer Familie die funktioniert.

Ich freue mich auf die Abende an denen Paul und ich ausgehen. Und auf die Abende, an denen wir es nicht tun. Ich freue mich auf die Zeit mit all unseren Freunden, die Tage, die wir am Elbstrand sitzen werden und ich freue mich auf die Tage an denen wir alleine sein werden. Ich freue mich auf das erste Wochenende ohne Kinder und genauso auf jedes mit den Kindern. Ich freue mich auf jeden Wochentag und und jedes Wochenende. Ich trenne nicht mehr. Denn dafür ist das Leben zu kurz.IMG_7787

Wenn ich 50 werde, sind Emil und Ida 18 und 16. Dann sind sie (fast) erwachsen. Und ich bin es auch. Dann werden sie eines Tages ausziehen und uns noch zum Essen besuchen kommen. Bis ich 50 bin, das ist nicht lang, denke ich.

Jetzt sind sie vier und zwei. Und bezaubernd. Und anstrengend und nervig. Sie sind Zeit raubend und Nerven zehrend. Sie sind 24 Stunden da, sie sind davon mindestens die Hälfte aktiv. Sie rennen und reden durchgehend. Sie glauben, meine Aufgabe bestünde darin, ausschließlich für sie da zu sein. Sie dürfen das glauben. Ich glaube es auch.

Als Emil und Ida klein waren, haben wir wenig geschlafen. Wir haben Nachts gestillt und gewickelt, getragen, getröstet. Wir haben vielleicht hin und wieder gedacht: Ach, wäre es schön, wenn wir auch mal wieder durchschlafen könnten. Aber Kinder schlafen nicht durch. Und das Leben ist zu kurz, um sich darüber zu ärgern. Sie werden irgendwann durchschlafen. Und so lange ist das Leben nicht weniger lustig, nicht weniger aufregend und nicht weniger lebenswert.

Ich höre auf zu warten. Denn so wie es ist, ist es gut. Und besser.

Als Paul noch in der Chirurgie war hat er die Kinder in der Woche häufig nicht ein einziges Mal wach erlebt. Für Paul war das traurig, für mich war das anstrengend. Es war aber so. Und ich konnte es nicht ändern. Und ich habe nicht auf den Moment gewartet, wo Paul endlich die Klinik wechselt. Denn so wie es war, so war es gut. Und besser.

Ich möchte nicht warten, auf den Moment, wo alles besser ist. Und einfacher. Und der Moment wo wir endlich durchschlafen. Und der Moment, wo sie endlich alleine spielen. Und alleine bei Oma und Opa schlafen. Der Moment wo sie endlich alleine Rad fahren. Alleine ihre Freunde besuchen oder alleine ihre Schuhe zu machen können. Es ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass wir nicht warten. Denn warten tötet Zeit. Zeit, die so wertvoll ist.

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8 thoughts

  1. Ich warte auch viel zu oft auf den nächsten Schritt. Auf die nächste Phase..weil es es dann immer besser sein wird … einfacher sein wird … entspannter sein wird..ich mehr Freiheiten haben werde!? Aber es ist nicht richtig und ich möchte auch NICHT mehr warten!
    Danke für den Text.

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  2. Schön, dass es Dir auch so geht. Ich finde es sehr erstaunlich, daß so wenige Menschen das hier und jetzt genießen können, auch bzw. gerade die Kinder betreffend. Es gibt furchtbar anstrengende Phasen, aber wenn man sie annimmt, ist es nur noch halb so schwer. Ich warte nicht mehr. Denn es wird immer besser sein können. Und einiges werde ich sicher auch vermissen. Meinen Sohn stundenlang im Arm zu halten, weil er sonst aufwacht, das bringt mich manchmal an meine Grenzen, aber ich weiß, es wird mir auch furchtbar fehlen.

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  3. Mmmmmh… diesen Text müsste ich mir eigentlich ausdrucken und übers Bett hängen. Viel zu oft warte ich auf die nächste Veränderung. Was für ein Quatsch. Danke für den Denkanstoß.

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