Wir dürfen träumen, so lange es die Realität nicht trübt

Paul und ich sehen uns Bilder eines Hauses an. Es wird auf einem Immobilien Portal angeboten. Es ist ein altes rotes Backsteinhaus, mit original Holzfußboden, weißen Schiebetüren, Sprossenfenstern, einer alten Steintreppe in den Garten. Es sieht so schön aus. Es bündelt so viele Träume von uns. Von dem Gefühl frei zu sein. Von zwei Hühnern, die dort leben könnten, nur 10 Minuten Radstrecke vom UKE entfernt. Draussen und dennoch mitten drin.

Der Preis ist hamburgisch – natürlich. Er reicht ganz genau an unsere Grenze. Die Grenze des bezahlbaren. Aber was bekommen wir dafür? Ein Zuhause. Eine traumhafte Heimat in der Stadt. Einen großen Garten, viel Platz und viel Freiheit. Eine Immobilie, die in ihrem Wert nur steigen wird. Ein altes Haus, wie wir es uns gewünscht haben, dass eine Geschichte erzählt. Eine, die wir weiter führen könnten.3333

Und was geben wir dafür? Was ist es uns Wert? Wir gehen an das Äußerste unseres machbaren. Wir werden nicht mehr spontan am Wochenende wegfahren, wir können nicht mal eben mit den Kindern nach Rom fliegen, unsere Babysitterin bezahlen, damit wir ins Theater und Essen gehen können. Wir geben Freiheit für Freiheit auf. Aber welche überwiegt?

Im Grunde ist es egal. Im Grunde ist es egal wo wir leben. Wir sind in der glücklichen Lage entscheiden zu können. Aber suchen wir wirklich nach dem noch Größeren? Dem noch Teureren? Dem einen Haus, in dem wir alt werden? An dem wir unser Leben lang bezahlen werden?

Wir träumen gerne, aber wir suchen gar nicht nach dem MEHR an Platz und Luxus und Besitz. Weil alles gut ist. Weil das Glück gar nicht an Materiellem messbar ist. Es ist irgendwo in uns. Und hier, in diesen Wänden, in die wir vor zwei Jahren gezogen sind. Diese Wohnung erzählt eine Geschichte. Seit mehr als hundert Jahren. Und jetzt wird sie durch uns fortgeführt. Vielleicht noch die nächsten paar Jahre, oder unser ganzes Leben lang. Wir haben, was wir brauchen. Und wir tragen kleine Pflanzen in unseren kleinen Garten. Und haben damit schon so viel mehr Luxus als die anderen Großstädter. Unsere kleinen Himbeersträucher, der an der Mauer hochwachsende Apfelbaum. Höher, schneller, weiter, grösser? Es ist schön zu träumen. Abends im Bett reden wir von einer freilaufenden weißen Gans, die manchmal an warmen Sommerabenden bis in unsere Küche kommt. Von bunten Tischdecken auf großen Tischen, an denen wir im Sommer bis in die Nacht mit unseren Freunden sitzen. Von barfuss laufenden Kindern, die auf Bäume klettern.

Aber hier ist es schön. Niemals vergessen wir das. Hier, wo wir jetzt sind, da ist es genauso schön wie in unseren Träumen. Hier lebt das Glück ja schon. Und im Sommer laufen immer noch kleine Füße barfuss, auf einem winzigen Stück Rasen, der uns gehört. Auf dem wir liegen und in die Sonne gucken können. Und am Abend ein Feuer im Korb machen – nur für uns. Mitten in der Stadt. Mit kreisenden Möwen über dem Kopf und man kann barfuss zum nächsten Kiosk gehen, wenn der Wein alle ist.

Wir dürfen träumen. Aber nicht, wenn es die Realität trübt. Denn hier, im jetzt, da ist es verdammt schön. Es könnte nicht schöner sein, sondern nur anders schön.

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One thought

  1. Ich finde, das ist eine sehr gute Entscheidung!
    Ein chinesisches Sprichwort drückt es sehr treffend aus: Man besitzt nicht mehr das Haus, sondern das Haus besitzt einen.
    Da ist die Freiheit auf jeden Fall mehr wert.

    Ich hab mich auch mit diesem Thema beschäftigt und denke sogar, dass irgendwann in den nächsten 10 Jahren die Immobilienpreise wieder zurückgehen müssen, weil keiner mehr dann fähig ist diese exotischen Preise zu zahlen. Ist aber auch nur eine Annahme.
    Und ich habe einen echt guten Zeitungsartikel („Hausgeträumt“) zu diesem Thema gelesen, der auch nochmal diese Thematik ausführlich behandelt hat mit all seinen Auswirkungen.

    LG Carina

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