Mein Wohntraum

Ich sitze hier, genau drin, denke ich. In meinem Wohntraum, mitten in der Stadt, in 5 Zimmern Altbau und Garten. Wer in Hamburg lebt, der weiß was Wohnen kostet. Und manchmal auch, was es einem bedeutet. Ich zahle nicht für die Immobilie, ich zahle auch für die Geschichte, die dahinter steht, für den Flair und den Charme, und für das Viertel, für mein Umfeld, meine Nachbarn.

Aber tief in meinem Inneren, da lebt ein anderer Traum. Er ist groß und voller Zauber, aber unerreichbar, in einer Stadt wie dieser.

IMG_4538Mein Wohntraum lebt von seinen Bewohnern – den festen und denen, die darin vorkommen. Es ist ein Haus irgendwann aus der Gründerzeit. Verwunschen steht es zwischen alten Bäumen, ist weiß oder grau, alt aber nicht marode. Eine Veranda davor und Jugenstilelemente in den Glastüren. Die Stufen zur Veranda knartschen, ein alter Schaukelstuhl, ein großer Tisch an dem viele Menschen Platz haben. Eine Vase mit gepflückten Blumen, es duftet ein wenig nach Lavendel. Hier spielt das Leben, hier vor dem Haus, weil es mich immer so bedrückt in den Kleinstädten dieses Landes, wenn im Sommer sich alle hinter ihre Häuser verziehen. Ein paar einsam rollernde Kinder auf den leeren Straßen, und so wenig sichtbares Leben. In den Gärten sitzt man allein oder mit Freunden, sieht links und rechts die Nachbarn, grüßt freundlich und gähnt in die Sonne.

Ich kann Menschen verstehen, die sich nach Ruhe und Beschaulichkeit sehnen, aber ich gehöre nicht dazu. Auf meiner Veranda werden abends Menschen sitzen, nach vorne hinaus blickend, als wollten sie die Welt ein wenig hinein lassen in ihre Leben. Und auf den knartschenden Stufen sitzen die Kinder, halten Papierlaternen und stecken ihre nackten Füße in den staubigen Boden.

Im Haus ist es hell und nicht perfekt. Der weiße Holzfußboden hat ein Jahrhundertlang nackte Kinderfüße über sich ergehen lassen. Hier und da mal gestrichen und ausgebessert, aber ohne seinen Charme zu verlieren und seine Geschichte – eine Geschichte von Generationen. Das Haus verliert sich nicht in zu vielen Möbeln, es ist klar und eine Mischung aus skandinaischem Design und alten, mal mehr und mal weniger aufgearbeiteten Möbeln. Hellblaue Kommoden, auf denen Kinderbilder in schiefen Rahmen stehen, weiße, schwedische Kinderbetten, eine schnurrende Katze auf einer pastellfarbenen Überdecke. Durch die halbgeöffneten Fenster zieht der Sommerwind, und lässt die hellen Gardinen ein wenig flattern. IMG_4738

Die Stufen der alten Treppe knarzen, das Geländer ist schon von Tausenden Händen berührt worden. Hin und wieder eine schwarz-weiß Fotografie, die sich abhebt von all dem unberührtem, klarem und minimalistischem Design.

Ind er Küche duftet es nach frischen Kräutern, die sich auf der breiten Fensterbank reihen, neben gestreiften Leinenkissen, auf denen die Kinder im Winter sitzen und in den herabrieselnden Schnee hinausblicken. Der Tisch ist groß, gesäumt von Stühlen aller Art und einer weißen Küchenbank. Buntes Geschirr, und Silberbesteck, dessen Initialen von einer Zeit lange vor uns erzählen.

In einem angrenzenden Wintergarten steht ein Sekretär. Ich blicke auf die alten Bäume hinaus, einen Bauerngarten und eine Streuobstwiese, in der manchmal Paul steht, in Jeans und T-Shirt und barfuss, und Äpfel vom Baum pflückt.

In meinem Wohntraum gibt es keine Nachbarn, und doch können sie gerne irgendwo sein, nur nicht zu dicht. Nicht so, dass ich auf ihre Tische gucken kann, und ihre Webergrills.

Am Ende des Gartens ist ein Steg der nicht unbedingt in einen See führen muss, denn ich schwimme gar nicht so gerne. Lieber in einen kleinen Fluß, über dessen Ufer sich die Bäume wiegen, manchmal bis ins Wasser hinein. Wo kleine Kinderkescher an den Baumstämmen lehnen und nackte Füße ins eiskalte Wasser gehalten werden. Von einem Baum hängt eine Schaukel, und wer genug Schwung holt, wird hoch über das plätschernde Wasser getragen.

Im Wohnzimmer gibt es einen alten Flügel. Er muss nicht ganz perfekt gestimmt sein, aber es muss reichen, um die Musik noch tragen zu können. Den Holzboden hat seine schwere Last längst in den Furchen zerkratzt, aber hin und wieder setzt sich jemand daran und spielt.

Das Haus ist voller Kinder, den eigenen und denen unserer Freunde, und unser Leben nie einsam. Zwei weiße Gänse laufen frei herum und wenn man nicht aufpasst findet man sie hin und wieder in der Küche wieder, wo sie schnatternd beim kochen zu sehen, bis eines der Kinder sie wieder hinaus scheucht.Bildschirmfoto 2016-02-26 um 21.33.59

Abends kommen unsere Freunde, eine illustre Schar an Menschen, die voller Ideen sind. Die fürs Theater und für den Film arbeiten, Bücher schreiben und Start-ups gründen. Die reisen und davon berichten, die Geschichten teilen, lachen, im Sommer Wein und im Winter Tee trinken. Die gemeinsam kochen und essen und den vielen kleinen Kindern die dreckigen Münder abwischen.

Es gibt Platz, aber nicht zu viel. Das Leben soll nicht auseinander, sondern zusammen geführt werden. Zwei alte Fahrräder lehnen an der Veranda und tragen uns in den Wald oder an den nächsten See. Die Kinder auf dem Gepäckträger, auf Feldwegen, ohne Helm und ohne Schuhe.

Da, ja da, möchte ich leben. Wer mir das nach Hamburg zaubert: Bitte sehr, eine sehr empfängliche Käuferin sitzt hier bereit, die beim Thema wohnen immer gerne über ihre Verhältnisse lebt.

Aber dieser Traum steht irgendwo. Vielleicht in einem kleinen verwunschenen Wald in Brandenburg. Oder an einem See in Schleswig Holstein.

Aber mein Leben lebt am meisten von dem, was sich darin abspielt, und den Menschen mit denen ich es teile. Und die sind hier. Die sind in der Stadt, an den Theatern, den Filmproduktionen, den bio und fair trade Start-ups. Die kann man nicht hinaus katapultieren. Auch mich und die Fotografie nicht. Und Paul und die Klinik nicht. Dieses Haus, von dem ich träume, das liegt zu weit da draussen irgendwo. Da, wo uns nur ein zwei mal im Monat jemand besuchen kommen würde von unseren „alten“ Freunden. Und einen Kompromiss kann ich mir nicht vorstellen. Das Haus in der Kleinstadt? Der Garten, der an den meines Nachbarn grenzt, die Stille im Sommer, wo in Hamburg das Leben auf der Straße spielt.

Also lebe ich hier, den Traum, den ich mir verwirklichen kann. In 5 Zimmern Altbau, auf dessen Holzfußboden auch seit einem Jahrhundert kleine Kinderfüße laufen. Einem Klavier, von dessen Kerzen das Wachs manchmal auf die Tasten tropft, einer schnurrenden Katze auf der Tagesdecke, einem Garten, mit Apfel- und Kirschbaum, mit Kräutern und kleinen Himbeersträuchern. Mit Jugendstilelementen in den alten Türen und gußeisernem, verschnörkeltem Zaun zum Garten.

Und mit all den Menschen, die dazu gehören. Mit unseren Kindern und den ganzen Kindern unserer Freunde. Mit unseren Freunden, die im Sommer Wein und im Winter Tee trinken und ihre Geschichten mitbringen. Ihre Ideen und Projekte. Die mit uns kochen und lachen und essen und den Kindern ihre dreckigen Münder abwischen.

Aber die Gänse, die hätte ich wirklich gerne….

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