So lange der Zauber lebt

IMG_6084Im Harz laufen wir durch eine moosgrüne Landschaft. Es duftet nach Erde und Feuchtigkeit. Noch nicht nach Frühling, sondern nach einer Zeit dazwischen. Wie etwas märchenhaft Ungewisses, dass auf den Winter folgt aber noch nicht bereit ist für eine Welt der Blüten und Knospen.

Opa geht vor, gefolgt von Emil und dem Hund. Baba läuft weiter hinten. Sie ist Opas Lebensgefährtin. Seitdem ich Paul kenne. Ich kenne Opa nur mit Baba. Und Baba ist eine ganz wunderbare Frau. Sie läuft am Rande des weichen Mooses und hält inne. „Emil! Ida!“ ruft sie leise. „Da war ein Hase. Im Gebüsch.“ Der Hund läuft weiter, ungeachtet dessen, einen Hasen, hätte er den nicht gerochen? Die Kinder hocken sich hin. Sehen ins Gebüsch. „Ich sehe ihn nicht,“ flüstert Emil. „Ich sehe ihn auch nicht mehr,“ sagt Baba. „Aber manchmal sind es die Osterhasen, die um diese Zeit schon herum hopsen.“ Emil erhebt sich. „Oh!“ schreit er. „Oh, Ida, guck mal. Ein Osterei!“ Im weichen grün des Mooses liegt ein kleines, hellblau verpacktes Ei.

Das ist der Zauber der Kindheit. Und der Zauber des Glaubens. Wie lange wird der euch kleinen Menschen noch begleiten? Wie lange werdet ihr diese Aufregung verspüren, vor all dem, was die Welt erschaffen hat, um euch zu begeistern?

Kurz vor Weihnachten gehen wir im Wöltingeroder Kloster auf den Weihnachtsmarkt. Wer den kennt, wird jetzt ausrufen, oh! Denn er ist wunderschön. Ein fast mystischer Zauber, mit allem drum und dran. Auf dem Wöltingeroder Weihnachtsmarkt gibt es ein winzig kleines Zirkuszelt. Emil und Ida sitzen bei Oma und Opa auf dem Schoß. Aufgeregt sind sie. Ein bisschen ängstlich. Ein Clown führt etwas vor. Und ein kleiner Hund springt durch einen Reifen. Sie applaudieren und staunen. Sie strahlen und lachen. Sie hoffen so sehr, dass der kleine Hund es schaffen wird. Der Zauber der sie umfängt, wie lange bleibt der noch?

Vielleicht übertreibe ich es manchmal mit meinen Geschichten und Fantasterien. Ich erzähle Geschichten im Wald, von Bären und versteckten Wölfen, von Osterhasen und Weihnachtselfen, von grasenden Rentieren, die fliegen können. Ich erzähle von sprechenden Tieren in der Weihnachtsnacht. Vom Nikolaus, der unsere Kekse stibitzt hat.

IMG_6061In Venedig sehen sie Feuerspucker, im Oman einen Schlangenbeschwörer und im Dorfzirkus eine Seiltanznummer in einem halben Meter höhe. Es ist egal. Es ist der Zauber des Kleinseins. Der Faszination für all das Unbekannte. Und der ist so wunderschön, dieser Zauber, weil er uns die Welt so zeigt, wie sie sein sollte. Bewundernswert, aufregend, voller Abenteuer, aber immer Gut. „Das Gute gewinnt immer,“ sagt Emil. Ach, wenn es doch so wäre.
Es macht mich traurig zu wissen, dass er mehr und mehr verschwinden wird. Das sie Dinge in ihrem Sein und nicht mehr ihrem Schein erkennen werden. Das sie vieles schon „so oft“ gesehen haben. Das sie kleine Tricks entlarven, über meine Geschichten irgendwann lächeln werden. Aber so lange werde ich weiter machen. Und mich so sehr daran erfreuen. Die Zeit rennt. Und wir müssen versuchen so viel Zauber wie möglich festzuhalten.

 

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One thought

  1. Einen wundervollen guten Morgen …
    ich hoffe du nimmst es mir nicht übel, wenn ich mal behaupte, das DU diesen Zauber auch vermittelst.
    Es ist einfach wundervoll wie du, nicht nur deine Kinder in der „Zauberwelt“ hälst und und sie immer wieder darin eintauchen lässt. Nein – durch deinen Schreibstil schaffst du es sogar mich, einzufangen und dir zu folgen. Es ist eine wundervolle Welt, voller Fantasie und Träume.
    Super schön, machte möchte gar nicht diese Gedanken und Gefühle verlassen und in diese, teils sehr grausame und harte Welt zurückkehren …
    Vielen Dank, dass du mich schon einige male mitgenommen hast – auch dieses mal.

    “Das Gute gewinnt immer,” sagt Emil.

    In diesem Sinne, einen schonen Tag
    Gruß Ede-Peter

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