Großstadtliebe

Wer in der Großstadt lebt -und das auch noch freiwillig wie wir – der findet die Vorzüge an allen Ecken, aber der größte und schönste Vorteil, die größte Liebe eines Großstädters, ist und bleibt sein Fahrrad.

Ich kann mit dem Fahrrad alles erreichen. Mein Fahrrad trägt mich durch die Straßen dieser Stadt egal wohin ich möchte. Ich kann mit dem Rad den nächsten Supermarkt, den nächsten Bioladen, den nächsten Gemüsemarkt erreichen. Ich kann bis zu Ikea fahren, ich kann in die Innenstadt fahren und zu den Kindergärten. Ich kann alle Parks dieser Stadt erreichen. Ich kann an die Elbe fahren und mein Rad dort im Sommer in den warmen Sand am Strand legen, ich kann Nachts ins Theater und ins Kino fahren, ich kann alle Bars erreichen, alle Cafés, alle Spielplätze.

IMG_5021Mein Fahrrad fährt mich um die Alster mit Blick auf die Segelschiffe. Mein Fahrrad ist gut betreut von all den Fahrradläden und Werkstätten um mich herum. Mein Fahrrad ist treu. Meistens scheint es mir, dass es ein wenig lächelt. Es mag die Straßen, die manchmal nass sind. Es kann auch durch Hochwasser fahren. Es rollt durch jede Pfütze – und davon gibt es in Hamburg genug! Es lehnt an Bänken, auf denen ich mit den Kindern sitzen, an Bäumen, auf die wir klettern. Es ist mein bester Freund – bei Regen und Sonne. Es ist robust und auf seine ganze eigene Art wunderschön. Seine Treue macht es so schön.

Nur Emil, der war sich ganz sicher, er sei ein Kind das niemals Fahrrad fahren würde. Ausgerechnet Emil, der so ausdauernd in seinem Tun ist. Der Stunde um Stunde durch Rom gelaufen ist, durch Venedig und jede Treppe meisterhaft erklommen hat, auch noch die hundertste am Tag. Emil der überall hin läuft. Der manchmal bis zu sieben Kilometer neben meinem Rad herläuft und dabei noch ruft: Schneller, Mama, schneller!

Also haben wir Emils Rad noch mal aus dem Keller geholt Den Winter über hatte es da geschlafen. Und wir haben Emil gesagt, dass wir festgestellt haben, dass er gewachsen sei. Wir malen einen Strich an den Türrahmen und beweisen es ihm. „Jetzt,“ sagen wir. „Sind wir sicher, dass du auch Fahrrad fahren kannst.“

Wir fahren zum Carlebach Platz und halten ihm das Rad hin. Und Emil steigt auf und fährt los. Es regnet. Und Emil fährt und fährt.

Am nächsten Tag regnet es immer noch. Emil fährt vier Kilometer durch den Großstadtdschungel bis zu Greta, es tropft von seinen Haaren. Emil fährt vier Kilometer durch Regen und Dunkelheit zurück. Emil strahlt. Ida sitzt auf ihrem Kindersitz und strahlt mit. Noch nie hat sie auf einem Kindersitz gesessen. Immer saß sie dort unten, trocken und warm im Anhänger. Und jetzt juchzt und strahlt sie, der Regen prasselt ihr ins Gesicht. „Mehr!“ schreit sie.

Wir sind die ganze Woche unterwegs. Egal wohin es uns treibt, Emil fährt Rad. Emil, Ida und ich werden fünf Tage lang nass bis auf die Knochen. Und freuen uns. Denn unsere Fahrräder fahren uns wohin wir wollen. Abends schieben wir sie durch den Regen auf die andere Seite des Ring 2 und fahren nur im Schein unserer Lampen durch die dunklen, leeren Parks. Jeden Tag trocknen wir nasse Hosen und Jacken im Badezimmer.

„Jetzt,“ sagt Emil. „Kann ich ganz Hamburg erkunden. Jeden Tag werde ich woanders hinfahren!“

Ich sitze im Arbeitszimmer und schaue auf den Regen hinaus. Hier ist es warm und trocken. Paul, Emil und Ida sind mit dem Rad los. Ich habe ihnen nachgesehen. Gelacht und gewunken haben sie durch den Regen.

Siehst, du, Emil, jetzt weißt du was deine Großstadtliebe sein wird. Pass gut auf sie auf.. Sie wird dich ein Leben lang begleiten! 

 

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