Das Leben ist jetzt. Und hier.

Wenn der Postbote klingelt, dann muss ich immer erst einen Haufen Schuhe zur Seite schieben, damit ich die Tür aufmachen kann.

Ich wasche täglich Wäsche, und einmal am Tag mindestens läuft die Geschirrspülmaschine. Ich habe Taschen und Körbe in denen ich tagtäglich all die Sachen der Kinder räume, die sie in allen anderen Zimmern verteilt haben. Ich mache die Betten, ich gieße die Blumen, ich bessere all die abgesplitterten Farblöcher in den Fußleisten und an den alten Türen aus. Ich sortiere Kinderkleidung aus und neue wieder ein und versuche die Kartons annähernd gut zu beschriften. Ich hänge Bilder auf, sortiere die gesammelten Kunstwerke der Kinder in Mappen, lasse manchmal Dinge unauffällig im Müll verschwinden. Ich kaufe ein, packe das aus, räume in den Schränken auf, bringe den Müll raus, sauge Staub.

Aber hier sieht es aus wie in einer Wohnung mit Kindern.

Und das ist gut so. Manchmal stehe ich Mittags in der Küche, mache mir einen Kaffee, trete auf Lego Steine, stolpere über Puppenwagen und blicke auf all die benutzten kleinen Gläser, die aufgeschlagenen Bücher und die zerkrümelten Salzstangen und denke mir: das Leben ist zu kurz um aufzuräumen. Das Leben ist zu wertvoll um es mit Dingen zu füllen, die mich nicht glücklich machen.

Ich hebe Kinder hoch  damit sie die Müllabfuhr vor dem Fenster sehen können und sie stoßen eine Blumenvase um. Sie füttern eigenständig die Katze und das Futter verteilt sich in der ganzen Küche. Sie fegen mit dem Kinderbesen mehr Dreck herein als heraus. Sie präsentieren mir stolz wie viel Sand in ihren Stiefeln war. Ida räumt gerne sauberes Geschirr in den Geschirrspüler und dreckiges in die Schränke. Sie sortiert es so gut, jeder Teller passt zum anderen. Ist es nicht kleinlich sich jetzt darüber aufzuregen, dass die einen sauber sind und die anderen nicht?

3333
Lieber Postbote, bitte glauben sie mir, manchmal sieht es bei uns auch so aus….

Emil sammelt Stöcke. Er breitet sie im Flur aus. Ich lehne mich an Paul und träume. Aber ich träume nie von einer anderen Wohnung. Einer, in der immer alles sauber und ordentlich ist. Ich teile mir mein Sofa mit Paul und einem ungefähr ein Meter langem Plüsch Hai. Ich sitze manchmal auf Keksen. Und ich sehe lachende Kinder. Die rennen und toben. Die tanzen im Wohnzimmer. Die spielen in ihren Zimmern und räumen alles aus. Die verteilen Kindergeschirr auf alle Zimmer, sagen „heiß“ und „einmal ein Kaffee für dich, bitte“. Und am Abend trete ich auf kleine Kinderteller und finde kleine Tassen im Bad. Und könnte mich ärgern. Tue ich aber nicht. All diese Dinge sind Zeugen eines Tages, eines schönen Tages. Eines Tages an dem alle glücklich waren. Tage, an denen ich auf Pauls Schoß sitze und unseren tanzenden Kindern zu sehe.

Tage an denen es in der Wohnung nach nassem Holz riecht und frischer Erde.

Ich hätte auch noch mehr aufräumen können. Ich hätte noch mehr Wäsche weg sortieren können. Ich hätte meinen Kindern nach einem Tag mit frischem Schokoladenkuchenteig auch mal etwas Neues anziehen können. Dann hätte ich weniger gelacht und weniger im Wohnzimmer getanzt. Dann hätte ich weniger gelesen, weniger gebastelt. Dann wäre ich nicht so entspannt durch den Park gelaufen. Dann hätte ich ständig das Gefühl gehabt, etwas tun zu müssen. Aber für wen? Für mich? Für uns? Aber ist nicht das Wichtigste für uns, dass wir glücklich sind? Ist nicht das Wichtigste, das wir zusammen sind.

Je entspannter wir sind, desto entspannter sind unsere Kinder. Sie tigern durch die Wohnung wie durch eine riesige Fantasiewelt. keiner hält sie davon ab Decken und Kissen zu verteilen und diese zu Schiffen und Höhlen umzugestalten. Sie spielen in ihrer eigenen Welt. So lange sich alle in dieser Welt bewegen und zufrieden sind, so lange alle bereit sind den Tag zu genießen, so lange wird er auch genossen. Präsentiert sich so innig und wertvoll. Und chaotisch.

Wir können der Ordnung jeden Tag ganz hartnäckig hinterher laufen. So wie wir manchmal den fatalen Fehler machen von Wochenende zu Wochenende zu leben. Aber das Leben ist jetzt. Und hier. Und ihm ist es egal, wie ordentlich es ist.

 

Advertisements

9 thoughts

  1. Oh wie bekannt mir das vor kommt. In sämtlichen Punkten. Nur Schuhe haben wir nich hinter der Tür, dafür aber kg von Altpapier welches unser Kleinste genüsslich aus dem Schrank nimmt und verteilt. Auch da muss ab und zu der Pöstler 2x klingeln 😉

    Gefällt mir

  2. Wie wahr.. ich versuche es auch immer zu beherzigen, und doch störe ich mich an der Unordnung. An manchen Tagen habe ich das Gefühl, dass der ganze Tag nur aus Aufräumen bestand.. Ich versuche mich zukünftig an deinen Artikel zu erinnern. Danke 🙂

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s