Wie soll man das verstehen?

Am Wochenende – am häufigsten an denen, an denen Paul arbeitet – frage ich mich manchmal, wieso Kinder pausenlos reden. Auch gerne durcheinander. Sie laufen einem pausenlos vor die Füße und sie sind der festen Überzeugung dass man selbst, in seiner Rolle als Mutter, sich tatsächlich nichts sehnlicher wünscht, als ihnen zwölf Stunden am Tag zuzuhören.

IMG_3126Sie zeigen einem alles! Dinge, die sie gebastelt haben, Dinge, die sie gemalt haben, Dinge die sie unter dem Sofa gefunden haben. Sie zeigen einem was sie angezogen haben, wie weit sie ihr Brot schon aufgegessen haben. Sie zeigen einem wie groß ihr kleiner Zeh schon geworden ist, wie gut sie vom Hochbett aufs Sofa springen können, wieviel Sand in ihren Gummistiefeln war.

Sie sind der festen Überzeugung, dass mich , in meiner Rolle als Mutter, das ganz furchtbar doll interessieren würde.

Das machen sie Stunde um Stunde um Stunde.

Sie zeigen mir im Supermarkt ALLES was in den Regalen steht. Sie erklären mir, woher die Milch kommt und das man Pasta in Italien isst und jemand aus dem Kindergarten schon mal in Rom war, und man selber ja auch, und weißt du noch Mama…? Sie zeigen einem draussen JEDEN vorbeilaufenden Hund. Sie fragen, wie Autos fahren können und Flugzeuge fliegen. Sie fragen, wo die ganzen Vögel im Winter schlafen, wohin die Sonne fliegt, wo man war, bevor man auf der Welt war.

Sie heben Steine auf und zeigen sie und Äste. Sie erzählen mir von den Fischen im Weiher und den Enten, und was die am liebsten essen. Sie streiten sich um die restlichen Gummibärchen und wollen Kakao.

Ja, sie wollen Kakao. Und sie wollen hochgehoben werden. Sie wollen etwas essen, auf Toilette, baden, einen anderen Pullover anziehen. Sie wollen raus, dann wieder rein, sie wollen Puzzeln, Bücher lesen, toben, Lego bauen, Opa anrufen. Sie wollen die Fusseln zwischen den Zehen heraus pulen, sie wollen auf dem Klavier herum hämmern, etwas überambitioniert die Katze füttern (die kann davon jetzt die nächsten vier Tage zehren).

Sie wollen.

Und sie reden.

Und irgendwann stehe ich einfach nur da und in meinem Kopf schrillt etwas. Es wiederholt wie ein Mantra „Seid doch mal KURZ leise. Seid doch mal KURZ leise. Seid doch mal KURZ leise….“

Aber, woher sollen sie das wissen?

Seitdem sie auf der Welt sind hat man ihnen zugehört. Als sie geweint haben, hat man sie heraus genommen, getragen, getröstet, gefüttert. Als sie gelacht haben hat man verzückt zurück gelacht. Auf alles hat man reagiert. Jeden Entwicklungsschritt hat man mit Stolz und Lächeln abgesegnet. Immer sagen wir ihnen, wie gut sie etwas gemacht haben. Wir loben sie, wenn sie etwas geschafft haben. Wir freuen uns mit ihnen. Wir sind in einer ständigen Interaktion mit ihnen. Aber dann werden sie älter. Und Selbständiger. Sie können sich alleine anziehen, alleine auf die Toilette gehen, alleine duschen, alleine die Katze füttern, alleine spielen, alleine Bücher angucken. Aber warum bedeutet das postwendend, dass wir ihnen ab jetzt nicht mehr 24 Stunden Aufmerksamkeit schenken wollen?

Wenn ich im Kinderzimmer sitze und ganz alleine ein Bilderbuch durchblättere, dann spielen sie völlig unabhängig von mir. Sobald sie sehen, dass ich das Bilderbuch gegen eines meiner Bücher tausche, blicken sie auf. Maulen, ich soll mitspielen. Oder vorlesen. Sie merken genau, dass ich ab dem Moment etwas tue, was für mich ist. Und sie verstehen nicht, wieso ich etwas nur für mich machen möchte, wo ich doch SIE hab! Wo ich doch Teil ihres Spielens und Lebens sein kann. Wie sollen sie auch? Ich habe doch immer gerne etwas nur mit ihnen gemacht.

Wenn ich zu Emil sage, dass ich arbeiten muss, dann versteht er das. Aber Emil ist vier. Und Ida erst zwei. Sie versteht das nicht. Sie will immer und überall helfen. Und das durfte sie immer. Und darf sie auch immer noch. Denn wie soll sie verstehen, dass ich mir manchmal wünsche, sie würde einfach weiterspielen?

Das jeder für sich ist, ein Individuum mit Bedürfnissen, dass ist ein Verstehens-Prozess der noch in Gang ist. Ich darf sehr viel zuhören, aber viel weniger selber reden. Ich darf ganz viel vorlesen, aber viel weniger selber lesen. Ich darf ganz viel mitspielen, aber nicht alleine schnell den Geschirrspüler ausräumen.

Der Prozess betrifft uns alle. Wir müssen lernen, dass wir zusammen gehören und dennoch Dinge allein tun wollen. Aber ich muss vor allem lernen, dass es für Emil und Ida bisher nicht Teil ihres Lebens war, dass man bewusst Dinge ohne sie getan hat, obwohl man doch im selben Haus war. Wie soll man verstehen, dass ich vielleicht nicht ALLES was sie am Tag so erzählen, wirklich so spannend finde? Wie soll ich erklären, dass ich es manchmal auch mag, wenn man nicht pausenlos spricht?

Aber dann liegen sie Abends in ihren Betten, Paul ist noch in der Klinik und ich lese ein Buch. Im ersten Moment ist es wohltuend still, aber dann denke ich manchmal über all das nach, was sie mir am Tag erzählt haben und freue mich daran.

(Ich weiß zum Beispiel jetzt, dass wir in Italien ja ein kleines Loch in den Vesuv schlagen könnten und einen Topf mitnehmen. Wenn man den Topf auf das Loch stellt – er darf aber nicht rein fallen – dann können wir uns da Kartoffeln kochen! Und sogar ganz schnell, weil ein Vulkan wirklich extrem heiß ist. Ich sehe uns jetzt schon Löcher außen in den Vesuv schlagen….)

 

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3 thoughts

  1. Sie sind doch noch sooo jung. Sie werden es noch lernen und bei deiner „Engelsgeduld“ wird es sicherlich auch nicht mehr solange dauern, bis sie es respektieren, dass Erwachsene auch mal „Luft“ für sich selber brauchen. Eigentlich braucht das ja jeder, auch die Kinder.
    Irgendwann kommt auch der Zeitpunkt, wo du es sicherlich vermissen wirst, all diese Dinge. Es wird sooo ruhig im Haus werden und wo du dann dich nach dem ständigen „belagern“ sehnst … …
    Super toll geschrieben. „Man“ fühlt sich mittendrin wenn man deine Zeilen liest – und das gefällt mir so sehr.
    Vielen Dank für diesen tollen Artikel.
    LG Ede-Peter

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