You don’t need to be perfect!

Wir sind auf einem Kindergeburtstag. Um einen Tisch herum sitzen kleine Menschen. Kleine Menschen, die einen eigenen Kopf haben. Mit eigenen Ideen und Vorstellungen. Kleine Menschen, die in sich völlig perfekt sind. Die morgen schon anders sind als sie es heute sind. Aber jeden Tag perfekt.

IMG_3946Auf dem Tisch stehen kleine Holztruhen. Und sehr viel buntes Papier, Leim, glitzernde Sterne in kleinen Schüsselchen. Hinter den Kindern sitzen Eltern. Die kleinen perfekten Kinder greifen nach den Pinseln und beginnen ganz unperfekt ihre kleinen Holztruhen mit Leim zu bekleistern. Es geht auf den Tisch und in die Haare. Ihre Augen sind konzentriert. Sie sind dabei etwas zu erschaffen. Ganz alleine. Sie tauchen ihre Pinsel in den Leim. Es tropft auf das bunte Papier. Es vergehen keine drei Minuten da greifen die ersten Eltern ein. Helfen, die Pinsel zu führen, räumen Papier aus dem Weg, damit es nicht bekleckert wird. Akribisch verteilen sie den Leim auch bis in die Ecken. Sparen die kleine Metallöffnung der Truhe aus.

Ich sehe meinen Kindern zu. Eifrig. Stolz. Voller Leim. Sie zerreißen das bunte Papier, kleben es auf ihre mal hier mal da  geleimte Kiste. Manches hält, manches fällt. Sie erschaffen. Und sie sind stolz darauf. Ida taucht ihren Pinsel abwechselnd in den Leim, dann in die Haare, dann auf die Truhe. Riesige Papierschnipsel hängen links und rechts von ihrer Truhe unförmig herunter. Sie streicht mit den Fingern glatt, wischt diese in der Strumpfhose ab. Mir gegenüber sitzen Mütter, halten Holztruhen in den Händen, kleben an die Ecken perfekt angepasste kleine Stücke Papier auf die Truhen ihrer Kinder. Daneben sitzen Kinder und sehen zu.

Emil klebt immer mehr Schichten auf seine Truhe, neue Schicht Leim, neue Schicht Papier. Immer wieder. Jemand murmelt: „Na, das reicht glaube ich jetzt.“ Ja, denke ich? Sagt wer? Sagt nicht Emil, wann es reicht? Entscheidet er nicht, wann seine Arbeit zu Ende ist? Wann sein Schaffen beendet ist? Woher wollen wir wissen, wann er fertig ist?

Einige Kinder sehen ihren Müttern beim kleben zu. Schön werden die Truhen. Ganz gleichmässig und ordentlich. Die machen sich bestimmt später gut im Regal. Ida klebt derweil Glitzer Steine auf. Sehr viele, auch übereinander. Als sie versucht ihre Truhe zu öffnen, die sie komplett zu geklebt hat, reißt eine ganze Menge Papier wieder ab. Es stört sie nicht. Es ist ihre Art etwas herzustellen. Es ist so perfekt, wie sie es macht.

Mein Vater hat auf dem Dachboden alte Setzkästen gefunden. Emil wollte gerne einen haben für seine gesammelten Steine. Zusammen mit Ida sitzt er im Kinderzimmer und bemalt den Kasten weiß. Jedes einzelne Fach. Ida hilft ihm. Die Lackfarbe hat sie schon in ihrem Gesicht verteilt. Sie sieht aus wie eingecremt. Es bleiben ein paar Lücken. Ein bisschen male ich mit. Aber am Ende liegt er da, der bemalte Setzkasten. Mal mehr mal weniger weiß. Ich hätte viel mehr helfen können. Dann würde er jetzt auch viel schöner ins Kinderzimmer passen. Dann würde er nicht so unperfekt wirken. Sondern so wie die perfekten Kinderzimmer aus den Oliver Furniture Katalogen.

Ich weigere mich Perfektionismus in die Zimmer und die Leben meiner Kinder zu lassen. Ich weigere mich, sie dauernd zum aufräumen zu zwingen. Ich weigere mich, ihnen zu verbieten die hässlichen Werbeballons aus Bankfilialen ewig aufzubewahren. Ich weigere mich ihre Arbeiten zu verbessern. Ihre Sicht von Schönheit durch mein Ästhetik Empfinden zu dominieren. Ich weigere mich ihre Bücher nach Farben zu sortieren, ihre kleinen Zimmer in Pastelltönen zu streichen und mit Kunstdrucken zu behängen, wenn sie lieber mit Klebestreifen ihre eigenen Bilder und ausgeschnittenes aus Werbeprospekten aufhängen wollen.

Ich weigere mich für sie zu entscheiden, was Schönheit ist. Was Perfektion ist. Und auch was Konsum ist. Ich weigere mich sie in eine Welt aus überteuerten Möbeln zu setzen, die mir das Blut in den Adern gefrieren lassen, wenn sie ihre Hände mit Fingerfarben darauf verewigen.

Die Welt ist schön. Und auf ihre Art perfekt. Jeder schief gewachsene Baum ist perfekt. Jede krumme Pflanze, jedes gescheckte Tier. Und alles was Kinder mit ihren Händen erschaffen ist schön. Alles was sie für schön empfinden das sollten wir in uns aufnehmen.

Wir räumen ständig auf wenn Besuch kommt. Wir umgeben uns mit den Dingen die wir schön finden. Wir geben Geld für teure Möbel aus. Wir denken, die Welt, die uns umgibt soll schön sein, ästhetisch definiert. Vielleicht fühlen wir uns besonders wohl darin. Vielleicht fühlen wir uns auch wie sonst. Weil das Leben etwas viel Wichtigeres bereit hält. Die Chance, anders zu sehen. Durch die Augen unserer Kinder. Die Chance ihre Perfektion als unsere an zu sehen. Uns bereit zu machen für ihre Schönheit. Für ihre unglaubliche Unbefangenheit, Offenheit und ihre Kreativität.

Unsere gebastelten Truhen stehen in der Küche. Manchmal löst sich ein Glitzerstein und fällt lautlos herunter. Unten zerfetzt das Papier ein wenig. Emil und Ida gehen oft in die Küche und bestaunen sie. Und vor ein paar Minuten kam Emil ins Kinderzimmer und schien selbst ganz überwältigt: „Oh, wie schön unser Setzkasten geworden ist! Ganz ohne kahle Stellen!“ In seinen Augen ist das so. Und soll auch so bleiben.

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22 thoughts

  1. Hallo Miriam,

    Vielen Dank für deinen Text.
    Ich erkenne mich leider in den Müttern wieder, die ihren Kindern spätestens beim Kleckern mit dem Leim bei der Pinselführung geholfen hätten.

    Dein Text regt mich zum Nachdenken an. Wie oft habe ich bereits meine Kinder etwas nicht tun lassen, weil sie ihre Sachen oder anderes fleckig gemacht hätten und ich Angst hatte die Flecken nicht mehr weg zu bekommen? Wahrscheinlich viel oft!
    Sollte ich nicht lieber meinen Perfektionismus hinten an stellen und ihnen einfach die alten Sachen oder eine Schürze anziehen und den Boden abdecken? Ja, das sollte ich noch viel öfter tun.

    Dank deines Textes wird mir das in Zukunft vielleicht leichter fallen.

    Viele Grüße
    Mama Maus

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    1. Liebe Mama Maus,
      ich glaube, manchmal muss man tatsächlich darüber nachdenken, und manchmal tut man auch ganz gut daran einzugreifen. Als ich gestern die Lackfarben Hände Richtung Sofa laufen sah, war ich auch kurz panisch 🙂
      Liebe Grüße, Miri

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      1. Dazu fällt mir nur der Satz einer weisen Person ein: „Eigentlich müssten wir die Kinder früher bekommen, dann ist die Wohnung noch mit billigen Möbeln ausgestattet und erst wenn die Kinder größer und vernünftiger sind, sollten wir unseren Einrichtungsvorlieben nachgeben.“
        Wie recht sie hatte.

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  2. Da sitz ich hier grade am Laptop, vor einer Seite mit Kinderzimmer-Möbeln und Deko in eben diesen Pastellfarben und zerbreche mir den Kopf über die Zimmergestaltung, jetzt nach dem Umbau unseres Hauses…als ich plötzlich diesen Text bei Facebook entdecke.
    Und ich fühle mich ertappt und muss mir eingestehen: Du hast recht!
    Meine Ida liebt bunte Farben, alle Farben, sie passt gar nicht in einen zartrosa Mädchentraum, warum sollte ich also ihr Zimmer entsprechend einrichten?! Mit ihren 2,5 Jahren kann und darf sie doch schon ihren eigenen Geschmack haben.
    Beim kleinen Bruder (11 Monate) „muss“ ich wohl noch entscheiden, aber auch er würde sich wohl kein perfektes Katalog-Zimmer wünschen…
    Danke, dass du mich noch rechtzeitig zum Nachdenken angeregt hast!

    Lieben Gruß

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    1. Liebe Ida-Mama,
      bitte nicht aufhören zu planen! Ich plane doch selber so gerne! Und dann hätte ich ein schlechtes Gewissen. Ich glaube, man kann sehr schöne Kinderzimmer haben, einrichten und planen, aber man darf dann nicht um der Perfektion willen die Ideen der Kinder außer Acht lassen. Und wenn die furchtbare Poster aus Medizini Heften an die Wand hängen wollen, oder irgendwelche scheußlichen Sachen vom Flohmarkt auf der Fensterbank abstellen, dann ist es eben so. Dann ist das ihre Art zur Schönheit des Zimmers beizutragen. Und selbstbeklebte Truhen und selbstbemalte Setzkästen gehören wohl auch dazu. Man kann glaube ich einen ganz guten Kompromiss finden.
      Liebe Grüße, Miri

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  3. Da sitze ich hier grade am PC, vor einer Seite mit Kinderzimmer-Möbeln und Deko in eben diesen Pastellfarben und zerbreche mir den Kopf über die Zimmergestaltung, jetzt nach dem Umbau unseres Hauses…als ich plötzlich diesen Text bei Facebook entdecke.
    Und ich fühle mich ertappt und muss mir eingestehen: Du hast recht!
    Meine Ida liebt bunte Farben, alle Farben, sie passt gar nicht in einen zartrosa Mädchentraum, warum sollte ich also ihr Zimmer entsprechend einrichten?! Mit 2,5 Jahren kann und darf sie doch schon ihren eigenen Geschmack haben! Beim kleinen Bruder (11 Monate) „muss“ ich wohl noch entscheiden, aber auch er würde sich wohl kein perfektes Katalog-Zimmer wünschen…
    Danke, dass du mich noch rechtzeitig zum Nachdenken angeregt hast!

    Lieben Gruß

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  4. Super Text! Bei uns ists im Zimmer vom Großen voller Rewe- Star- Wars- Werbefähnchen und Werbeluftballons…gruselig, aber er findet sie schön! Am Anfang habe ich auch immer beim Basteln geholfen, aufgepasst, dass nichts tropft, gezeigt, wie man etwas „richtig“ macht! Inzwischen habe ich aber gemerkt, dass es meinen Kindern gut tut, wenn sie es selbst ausprobieren und stolz sein dürfen auf ein (wenn auch aus Erwachsenensicht nicht ganz so) respektables Ergebnis! Und mir tuts im Übrigen auch gut, denn ich kann mich entspannt zurücklehnen und meinen Kaffee schlürfen und mit meiner Freundin quatschen:-) ich habe eine Bekannte, da dürfen die Kinder zum Spielen noch nicht mal ins Kinderzimmer, da man sie da erstens nicht im Blick hat und zweitens sie sonst das zugegebenermaßen perfekt eingerichtete Kinderzimmer verwüsten würden. Bei uns ists auch schön, aber wenn die Kinder es mit Medizini- Postern oder Stempelfarbe an den Wänden (wie haben die nur die Stempel gefunden?) noch schöner finden…so what!? Kinder sollten sich ausprobieren dürfen und auch einen eigenen Geschmack haben. Ich bin jedes Mal gerührt, wenn mein Großer sagt:“Das ist jetzt aber wirklich schön geworden, was ich gemacht habe, oder Mama?“

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  5. Ein wunderbarer Post (wie so viele hier)! Danke dafür.
    Meine Kinder haben zu Weihnachten dicke Stumpenkerzen verschenkt, in welche sie Reisszwecken zur Verzierung gesteckt/gehämmert haben. Das allein hat schon für Staunen und zum Glück einiges Gelächter gesorgt. Zumal auch die Verteilung derselbigen – naja – „perfekt“ war. (Zum Glück hab‘ ich Kunstvermittlung studiert, da getraut sich niemand, auch nur irgendwie aufzumucken…) 😉

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    1. Liebe Frau Krähe, jetzt hab ich ganz vergessen, Deinen Kommentar frei zu schalten, dabei mag ich den so gerne! Ich hätte mich auch sehr über die Kerzen Kreation gefreut!! Ich finde das wunderschön – auf seine eigene Art.
      Liebe Grüße,
      Miriam

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  6. Liebe Miriam,
    danke sehr für diesen Impuls!!Diese Perspektivwechseln schätze ich an deinem Blog sehr!Ich erkenne mich beim Lesen auch eher in den „anderen“ Müttern und finde das gerade für meine Kinder furchtbar schade!Erst vorgestern wollte meine Tochter das Geburtstagsgeschenk für Ihre beste Freundin selbst einpacken und ich habe „geholfen“. Faktisch habe ich verpackt und sie hat zugeschaut. Es war ein sehr hübsches Päckchen und trotzdem fühle ich mich grade sehr dämlich!Gelobe hiermit Besserung!

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  7. Die perfekte Unperfektheit der Kinder – ich liebe sie 😉 Dein Post erinnert mich ans Weihnachtsbasteln im Kindergarten meines Sohnes. Wir haben Engel gebastelt (mit Holzkugelköpfen und Wattehaaren) und der Engel meines Sohnes sah eher aus, wie Opa, wenn er gerade aus dem Bett kommt, aber er hat ihn wahnsinnig stolz auf unsere Fensterbank im Esszimmer gestellt und dort stand er auch die ganze Weihnachtszeit 🙂 Ich finde es wahnsinnig spannend, meinem Sohn beim kreativ sein zuzusehen. Er hat manchmal einfach Ideen, auf die ich selber nie gekommen wäre 😀

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  8. Liebe Miriam,
    Ein sehr inspirierender Artikel. Ich ertappe mich selbst oft dabei einzugreifen wenn es für meinen Geschmack zu viel „Dreck“ macht (beim Malen zum Beispiel), oder wenn es doch „so viel schöner wäre“.
    Ich werd das nächste Mal an deinen Artikel denken.

    Liebe Grüße, Kornelia.

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  9. Vielen vielen Dank! Noch ist mein Sohn erst 2 und meine Kleine kommt erst in 4 Wochen. Dennoch ist es gut, dass ich diesen Artikel gelesen habe, bevor es zu spät ist. So rührend und so wahr!!! Ich gelobe hiermit in Zukunft meine Finger aus dem kreativen Schaffen meiner Kinder zu lassen. Noch bittet mich mein Sohn sehr süss darum ihm eine Schnecke oder einen „Haschisch“ (Haifisch, bevor hier falsche Vermutungen aufkommen) zu malen und ich komme diesem Wunsch gerne nach, auch wenn meine Haifische schrecklich aussehen, aber mein Sohn quietscht immer vor Freude. Ich versuche ihn aber immer wieder dazu zu motivieren doch selber Schnecken zu malen und lobe ihn auch immer. Allerdings ich gebe zu, dass es mich ein wenig nervös macht, wenn er anfängt Wände oder den Tisch zu bemalen.

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    1. Ich finde, Wände, Tische und Stühle anmalen, darf man auf jeden Fall unterbinden! gestern hat Ida meine ganze Tastatur orange gemalt. Das fand ich auch doof. Aber gesagt habe ich es ihr nicht, sie war eh schon ganz woanders. Sie fand es wahrscheinlich schön…. Bei Deinem Haifisch muss ich an meinen Papa denken. Der sollte Emil letzt eine Katze malen. Es wurde auch beim zehnten Versuch noch ein Frosch. Dann hat er aufgegeben 🙂

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