Tage wie dieser

IMG_2351Paul ist seit ein paar Tagen auf einer Tagung. Das ist eigentlich okay. So bald man weiß, dass man ab jetzt alles alleine organisiert kriegt man das auch ganz gut hin. Also zumindest so lange alles glatt läuft. Dazu zählt zum Beispiel nicht, dass wir am falschen Tag zum Schwimmkurs gehen. Wie konnte ich mir Donnerstag notieren? Wozu habe ich einen Kalender, der immer Seite für Seite voller Notizen ist, wenn ich diese dann falsch eintrage?

Morgens ziehe ich zwei Kinder an – zumindest in meiner Vorstellung. In der Realität ziehe ich nur eines an, das andere – nennen wir es Ida – ist der Überzeugung, man könne auch ohne Jacke raus gehen. Ich stopfe eine große Tasche unter den Buggy, in dem sich a) sehr viele Unterhosen und Strumpfhosen befinden, denn, ab jetzt ist Ida Windelfrei im Kindergarten und b) Idas Schneeanzug, falls die ihre Meinung draussen noch ändern sollte. Immerhin sind Minus 4 Grad. Sie ändert ihre Meinung. Ich ziehen sie am Straßenrand um.

In Emils Kindergarten – einer Elterninitiative – erinnert mich Emil daran, dass schon wieder ein ganzer Sack dreckiger Handtücher darauf wartet, von mir gewaschen zu werden. Wo soll ich die denn jetzt noch lassen? Ich packe den Sack in den Buggy und Ida muss laufen. Sie läuft SEEEEEEEEEEEHR langsam. Wenn ich ihr das sage, läuft sie noch VIIIIIIEL langsamer.

Am Auto merke ich, dass ich seit Wochen mal wieder den Kofferraum nicht leer geräumt habe. Wie soll denn der Buggy da jetzt noch rein passen? Mit Gewalt. Ida schreit, sie möchte vorne sitzen. Ich sage gefühlt hundert mal, da sei aber kein Kindersitz und ich hätte nicht vor, jetzt noch irgendetwas umzubauen. Ida schreit weiter. Dann schreit sie, ich solle auch hinten sitzen. Eigentlich bin ich total genervt aber dann auch ein bisschen belustigt und tue das. Wir sitzen nebeneinander hinten im Auto. „Jetzt los fahren!“ ruft Ida. ich erkläre ihr, dass das nicht geht. Ida schreit und zetert, ich solle jetzt los fahren. Wenn Papa da sei ginge das ja auch. Endlich gibt sie klein bei und sagt, ich solle dann aber auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. Oh man. So kommen wir irgendwie nicht weiter.

Im Grindelviertel steht ein verwirrter Mensch hinter einer Hausecke, springt nach Gutdünken dahinter hervor und schreit unschuldigen Studentinnen „Du Hexe!“ ins Gesicht. Ida erschrickt zu Tode. Ich auch. Ich stopfe die Strumpfhosen alle in Idas Fach und ich werde sie einige Stunden später alle nass wieder zurück bekommen. Erster Tag Windelfrei – noch nicht so ein grosser Erfolg.

Ich bringe ein paar Sachen ins Büro und nehme meinen Computer mit. Zuhause ziehe ich zurück ins Arbeitszimmer. Noch vor ein paar Monaten war ich so froh, ausgezogen zu sein, jetzt ziehe ich ganz motiviert wieder ein. Ich brauche Ruhe und Einsamkeit – der Raum ist winzig, Blick auf den tristen, winterlichen Garten. Hervorragend um zu schreiben.

Die Babysitterin für den morgigen Abend sagt ab. Ich habe einen Fotoauftrag im Theater. Paul ist immer noch auf der Tagung. Ich telefoniere erst Babysitter ab. Dann Fotografen Freunde. Nichts klappt. Was mache ich denn jetzt?

Um zwei renne ich rüber zu Emils Kindergarten und mit Emil zum Schwimmbad. Er ist sehr aufgeregt. Erst verlaufen wir uns und dann stellen wir fest, dass der Kurs erst morgen ist. Emil schwimmt trotzdem ein bisschen und braucht dann sehr lange um zu duschen, sich anzuziehen, fremde Menschen zu beobachten. So lange, dass wir den Bus nicht bekommen und  lustig 3,5 km zu Idas Kindergarten rennen, weil der um 16:00 Uhr schließt.IMG_1235

Heute das gleiche Spiel von vorne. Zwanzig vor sechs stehen die beiden vor meinem Bett. „Wir wollten nur mal gucken, ob Papa vielleicht doch da ist.“ Das ist ja nett. Das hätte man ja auch um sieben gucken können. Zwei Kinder gehen duschen, werden abgetrocknet, angezogen, wollen dies nicht, aber statt dessen unbedingt das, was in der Waschmaschine ist. Schmeißen Gläser um, wollen nur Mangos frühstücken und reagieren ganz unangemessen garstig, weil nur zwei davon im Haus sind. „Dann müssen wir eben nachher noch mal welche kaufen,“ schlage ich vor. „Ja. JETZT!“ schreit Ida.

Ida geht wieder ohne Schneeanzug raus. An der Straße ziehe ich sie wieder um. Wie viele Tage wir das Spiel wohl noch spielen? Emil abgeben, Ida ins nächste Viertel bringen, Ida abgeben, neue Unterhosen und Strumpfhosen da lassen (und keine einzige nasse am Nachmittag mitnehmen!). Zurück nach Hause, arbeiten. Stille. Kurz vor zwei wieder panisch alle Schwimmsachen zusammen suchen, los rennen zu Emils Kindergarten. Folgender Plan: Diesmal das Auto mitnehmen! Schwimmkurs absolvieren. Emil anziehen. Irgendwie alle Locken unter die Mütze bekommen, denn zum föhnen keine Zeit. Zum Auto laufen. Zu Ida fahren. Parkplatz suchen. Aussteigen, zu Idas Kindergarten rennen. Heute ist tanzen. Immer Freitags ist Eltern Kind tanzen. Ida liebt das. Den ganzen Tag erzählt sie allen: Meine Mama kommt tanzen. Emil und ich stürmen in den Kindergarten. Die Musik ist aus. Fünf vor vier. Ganz hinten auf einem Stapel Matten sitzt Ida. Ganz alleine. Es bricht mir das Herz. Manchmal wird man eben doch zwei Kindern nicht gerecht.

Ich bekomme eine SMS vom Theater, sie haben einen Ersatz bekommen. Ich bin trotzdem kurz genervt. Paul geht einfach immer nur zur Arbeit – ich muss immer alles drum herum organisieren. Zuhause merken wir, dass wir nichts eingekauft haben. Draussen ist es dunkel und kalt. Emil müde vom schwimmen. Kurz vor sechs gehen wir los – Ida mit dem Laufrad. Sie kommt noch weniger vorwärts als wenn sie läuft. Emil sagt alle paar Sekunden dass er friert. Im Supermarkt pinkelt Ida in ihren Schneeanzug. Verständlicherweise möchte sie jetzt nicht mehr Laufrad fahren. Ich möge sie doch bitte tragen. Ich trage die Tasche mit dem Einkauf, das Laufrad und Ida. Die Tasche rutscht mir alle paar Meter von der Schulter. Emil konstatiert weiterhin wie kalt ihm sei.

Beim Kochen hängt Ida zwanzig Minuten heulend an meinem Bein. Läuft doch ganz gut ohne Paul, denke ich. Paul ruft an und sagt, dass er am nächsten Tag doch erst um 17:00 Schluss hat. Ich hab einen Termin um 18:00. Vorher bin ich mit den Kindern auf einem Geburtstag in Altona. Ich habe für Sonntag nichts eingekauft. Ich habe kein Geschenk für den Kindergeburtstag. Ich hatte irgendwie gedacht, ich würde die Kinder auf der Party an Paul übergeben und dann schnell weiter radeln. Gut, bringe ich sie eben noch nach Hause.

Ist es wirklich so viel schwieriger alleine mit zwei Kindern? Nein. Eigentlich, wenn man mal ehrlich ist, ist es genauso. Und damit meine ich kurz allein. Einige Tage. Nicht alleinerziehend allein. Im Grunde läuft es wie die anderen Tage auch. Morgens ist man meistens zu spät, zwischendurch ist man meistens total erfüllt und glücklich, zwei Kinder in zwei Kindergärten in zwei Stadtteilen ist genauso nervig wie sonst auch und Abends sind alle müde – einschließlich mir und es fühlt sich auch so an wie sonst. Nur eben allein. Und nicht zu zweit.

Man wächst mit seinen Aufgaben? Bestimmt. Früher hätte ich auch gelacht, wenn jemand gesagt hätte, ab jetzt würde ich die nächsten vier Jahre immer um sechs Uhr aufstehen. Geht aber. Und wenn man will, dann eigentlich auch ganz gut. Und die kurzen Momente wo man nicht will, da ruft man eben Paul an, und murrt herum. Dafür hat man einen Mann. Und der kommt ja auch zurück. Wenn auch zwei Stunden später als erwartet….

 

 

 

 

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3 thoughts

  1. Danke sehr!Es klingt irgendwie gemein das zu schreiben, aber ich fühle mich so viel besser, in dem Wissen das es anderen genauso geht!Statt Schwimmkurs,Schneeanzug und Kindergeburtstag biete ich Kurztrip inkl. ausgefallenem ICE, Fieberkind mit Rotznase und Dramen über verlorene Handschuhe bei -4 Grad. 😂

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  2. …mir geht’s genauso… Ich kann aber noch drauf setzen, dass unsere Zuleitung der Waschmaschine seit einer Woche zugefroren ist. Der worst case wäre die noch fehlende Magen-Darmgrippe. Schmeißt man dann die Bettwäsche direkt in den Müll?

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