Auf geht es!

IMG_4634Wer sein Leben gerade trist findet, der muss es eben ändern. Und ganz ehrlich? So trist es ja nun eigentlich auch gar nicht. Wir müssen nur die Augen öffnen!

Emil und ich fahren am späten Vormittag los ins Maritime Museum. Weil Emil Nachts mehrmals gekotzt hat bin ich müde, habe zu viel Wäsche gewaschen, nur Betten bezogen und war schon wieder kurz davor den Tag öde zu finden. Aber kein Tag ist öde. Kein Tag ist von sich aus langweilig. Wir lassen die Langeweile nur manchmal gewinnen. Die Müdigkeit die Oberhand gewinnen. Und dann? Das Leben wird nicht lustiger, wenn wir müde sind. Aber wenn wir keine Wahl haben, dann müssen wir uns eben aufraffen. Denn überall da draußen, da ist es wahnsinnig schön. Und wartet nur darauf entdeckt zu werden.

Mit Emil an der Hand laufe ich durch den beginnenden Schnee über die rutschigen Brücken der Speicherstadt. „Hier ist es schön,“ sagt Emil und sieht auf das schwarze Wasser hinab, auf dem die Schneeflocken lautlos landen und schlimmen. Wie Recht er hat. Mit allem. Ständig sagt er so schöne, kluge Dinge. Ständig bringt er auf den Punkt, was wirklich wichtig ist. Wie haben wir es nur früher geschafft unsere Augen für all das Gute zu öffnen, bevor wir einen kleinen Emil und eine kleine Ida hatten, die das jetzt für uns tun?

Im Museum ist es warm. Emil läuft ein bisschen durch den Museumsshops. „Oh,“ ruft er. „Hier ist ein Buch in dem man etwas lernen kann!“ Ich erinnere mich häufig an den Text den ich über Emil geschrieben habe, darüber, dass er keinen Sportkurs zu Ende macht, nein, noch nicht mal etwas ausprobiert. Und dann war der Text Thema zwischen Paul und mir. Und erst dann wurde uns bewusst, dass Emil sich sehr viel interessiert. Das Emil viel zu Ende bringt. Wir haben es nur häufig nicht gesehen. Emil ist vier und schreibt ganze Briefe an Oma und Opa. Er fragt viel, aber seine Buchstaben sind wunderschön. Groß und manchmal wie kleine eigene Gemälde. Wörter, die er einmal beherrscht merkt er sich. Überall schreibt er etwas hin. Jeden Buchstaben den er sieht malt er konzentriert ab. Und Emil will alles wissen. Er fiebert jedem Wissensbuch entgegen. Er möchte alles lernen und begreifen. Und Emil malt. Er malt überall. Immer. Er malt Bagger und Raketen, und Bäume an einem See in Kanada, und viele Menschen und ganze Geschichten. Wie konnte ich nicht sehen, was Emil alles kann?

Ich kaufe das Wissensbuch über das Meer, auch, weil ich ein schlechtes Gewissen habe. Emil ist zu klein um Eintritt zahlen zu müssen und ich habe einen Presseausweis. Manchmal fühle ich mich schlecht, überall umsonst rein zu kommen. Emil bekommt eine Schatzkarte mit Rätseln. Auf neun Stockwerken muss er die Lösungen suchen. Ein bisschen zu viel, für so einen kleinen Menschen, denke ich. Aber Emil sucht. Bis zum Ende. Mit seiner Schatzkarte bewaffnet erkundet er jedes Stockwerk. Ganz still ist es hier. Manchmal stehen wir am Fenster und sehen auf den Schnee hinaus, der auf die Elbe fällt, auf die Schiffe, auf die Brücken. „Hamburg ist schön,“ sagt Emil nachdenklich. „Nur Canada ist schöner…“

In einem Film wird gezeigt, wie auf einem Segelschulschiff in den fünfziger Jahren ein Hai an Bord gezogen wird. Emil ist den Tränen nahe. Angewurzelt steht er da, wie bewegungsunfähig. „Mama,“ flüstert er leise. „Ich mag das nicht sehen.“ Es ist die Faszination der Angst oder die des Bösen. Niemand zwingt ihn hinzusehen. Aber sein Kopf verliert die Macht selbst Entscheidungen zu treffen. Ich nehme seine Hand und ziehe ihn weg.

IMG_9027Nach dem Museum gehen wir in ein Café. Emil blättert in seinem Wissensbuch. „Mama,“ frag er aus dem Nichts. „Gibt es eigentlich Kinder Räuber?“ Ich denke kurz nach. „Ja,“ sage ich. „Was machen die, wenn die ein Kind geraubt haben?“ Oha. „Das weiß ich nicht,“ sage ich. „Ich glaube, sie geben es dann zu anderen Erwachsenen,“sagt Emil. Er denkt kurz nach. „Aber das wäre doof, weil man die ja gar nicht kennt.“ Er denkt wieder kurz nach. „Ich will dich ja auch behalten!“ insistiere ich. Er nickt. „Aber weißt du was, Mama, als ich auf die Welt gekommen bin, da kannte ich dich ja eigentlich auch nicht.“

Ich würde manchmal gerne so denken wie Emil. Einfach so. Frei heraus. Ohne all das Wissen, das schon in meinem Kopf verankert ist. Ohne all die Erfahrungen, die ich schon gemacht habe.

Emil und ich gehen durch den Schnee zurück. „Mama,“ sagt Emil. „Das war aber schön, oder? Können wir nicht öfter mal alleine ins Museum gehen?“ Ja! Denke ich. Wie konnte ich denn die letzten drei Wochen vergessen haben, wie wunderbar das Leben mit dir ist?

Abends gehen Paul und ich essen. Was war noch mal das Problem mit dem Januar? Ich hab es vergessen. Und das ist auch gut so. Denn schön ist er, der Januar. Schön ist es, das Leben mit den Kindern. Und mit Paul. Am Nebentisch sitzt eine Familie mit einem erwachsenen Sohn. Ein paar Wortfetzen dringen immer mal wieder zu uns herüber. Der Vater spricht – erzählt Dinge aus seinem Studium. Damals. „…und dann,“ höre ich ihn sagen, „stehe ich mit Professor Neuhaus und Professor Burdelski am Bett und sie haben tatsächlich diese Transplantation geschafft!“ Paul und ich sehen uns kurz verdutzt an. Der Mann blickt auf und unsere Blicke treffen sich. „Habe ich etwas komisches gesagt?“ erkundigt er sich. „Nein,“ sagt Paul. „Aber sie sprechen von meinem Vater.“ Die Welt ist so klein. Der Mann erzählt, das er vor gut zwanzig Jahren einmal im Hause von Pauls Eltern in Hannover gewesen. Damals muss Paul so drei gewesen sein. „Ich erinnere mich an sie als sie ein Kind waren,“ lächelt er. Mir kommt das Leben gerade so überschaubar vor. Wir sind Kinder, dann Eltern, dann Großeltern. Alles geht vorbei – die Frage ist nur wie. Wir haben uns Berufe ausgesucht, wir haben eine Familie gegründet. Wir sind irgendwie ins gesellschaftliche Leben eingebettet. Wir müssen uns an Regeln halten. Aber alles andere steht uns frei. In unseren Köpfen und in unseren Herzen. Wir können jeden Tag so wunderbar machen, so schön, und unvergleichlich. Wir dürfen das nie vergessen.

 

 

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6 thoughts

  1. Jedes, aber auch jedes einzelne mal rührt es mich zu Tränen wenn ich das hier lese. Ich fühle mich berührt. Und ich bin so dankbar für jede Sekunde die ich mit meinen Kindern verbringen kann. Vielen Dank!

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    1. Ja, das bin ich auch! Es geht so schnell vorbei. Heute war Ida zum ersten mal einen ganzen Tag ohne Windel bei ihren Tagesmüttern. Dabei ist sie doch erst zweieinhalb. Und alle haben gelacht, als ich bedauernd festgestellt habe, dass die Zeit des Wickelns jetzt wohl bald vorbei sei. Ich wickele auch gar nicht hingebungsvoll gerne. Aber ich merke, dass eine Dekade zu Ende geht. Auch Ida wird groß….

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    1. Gerne. Vor allem erinnere ich mich mit meinen Texten so häufig selbst daran. Manchmal merke ich, ich wäre gerne die Mutter aus meinem BLOG und bin es im Alltag gerade so gar nicht. Aber dann hilft es zu schreiben und sich immer wieder vor Augen zu führen: Ich mache das was ich mache gar nicht so schlecht. Und ich muss mehr genießen. Jeden Tag. Immer mehr. Ich muss es einfach lernen zu genießen! Meistens klappt das 🙂

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  2. Hallo! Ich lese immer wieder einige Blogs. Unter anderem auch deinen. Ganz, ganz selten kommentiere ich einmal etwas, weil ich das nicht gerne tue und vielleicht auch etwas schüchtern bin in diesem Bereich. Aber heute muss ich unbedingt etwas loswerden. Deine Texte bringen mich dazu ein besserer Mensch und eine bessere Mutter sein zu wollen. Jedes Mal, wenn ich etwas von dir lese gebe ich mir ein bisschen mehr Mühe. Irgendetwas berührt mich anscheinend ganz tief drinnen. Das wollte ich dir nur einmal sagen. Danke!

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