Kinder brauchen Kinder

IMG_3018Ich kann mit Ida spielen. Morgens. Wenn sie Zuhause bleibt. Sie kocht mir Kaffee in ihrer Kinderküche. Ich habe ganz viel Zeit nur für Ida. Wir puzzeln. Ich kann mit Ida auf den Spielplatz gehen. Und da eine Stunde sitzen und ihr zusehen, wie sie Kontakt zu anderen Kindern aufnimmt. Ich kann sie schaukeln. Zuhause lese ich ihr ein Buch vor. Ida braucht mich und ich brauche Ida. Ida Zeit ist wichtig. Für mich und für sie. Wir sind uns sehr Nahe.

Aber Ida braucht vor allem Kinder. Denn Kinder lieben Kinder. Ich kann so viel Zeit und Fantasie aufbringen wie ich möchte, ich bin kein Kind. Ich werde keines mehr sein. Ich bin jemand, der versucht wie sie zu sein. Wie sie zu denken. Wie sie zu spielen. Aber ich bin eine schlechte Kopie. Ich bin nicht annähernd so bereichernd, so lehrreich und inspirierend wie andere Kinder. Ich rede nicht so laut, ich bewege mich nicht so wild, ich lege mir nicht albern eine Nudel auf den Kopf, ich lache nicht annähernd so viel wie andere Kinder.

Kinder bereichern sich gegenseitig. Sie schaffen es, alle sozialen Aspekte des Zusammenlebens auf ihre Art umzusetzen. Sie streiten und vertragen, sie werden körperlich, in der Wut und in der Liebe. Sie sind ehrlich – wann sind wir Erwachsenen das schon mal? Kinder sagen sich, dass sie sich doof finden. Das sage ich meinem Kind nie! Aber sie lernen auch, was das bedeutet. Sie lernen es zu sagen und es gesagt zu bekommen.

Sie lernen voneinander – sie lernen Empathie zu empfinden, sich eine Rolle in der Gesellschaft zu suchen. Sie lernen zu spielen. Und frei zu sein in all ihren Gedanken. Sie lernen, eine Gemeinschaft zu sein. Eine Gruppe, die zusammen gehört.

Sie lernen, dass das Leben mehr Bezugspersonen bietet als nur die Familie. Und das diese Personen im späteren Leben eine große Rolle spielen werden. Sie werden später wahrscheinlich nicht mehr an ihre frühesten Freunde gebunden sein. Aber sie haben Freundschaften früh erfahren. Was es bedeutet, Sympathien zu entwickeln. Und auch Antipathien. Sie lernen zu entscheiden, mit welchen Menschen sie gut und mit welchen sie weniger gut können.

Kinder lernen zu kommunizieren – untereinander. Sie lernen nicht nur die Sprache der Erwachsenen. Sondern die der Kinder. Sie lernen zu schimpfen und albern zu sein. Sie lernen, wie es wirkt, wenn man Dinge ausspricht. Sie lernen auch, dass Gemeinsamkeit in der Kommunikation sie zusammenschweißt.

Wir leben nicht mehr in einer Welt, in der Kinder in größeren Familienkonstellationen aufwachsen. Die Kinder leben mit uns. Mit ihren Eltern und ihren Geschwistern. Ihr Kreis an Bezugspersonen ist auf ein Minimum eingeschränkt. Ihr Vertrauen in uns ist riesig, sie verlassen sich darauf, dass wir für sie entscheiden. Und immer zu ihrem besten. Aber je größer die Gruppe der Bezugspersonen ist, desto mehr Differenziertheit erfahren sie. Mehr Chancen, das Leben aus unterschiedlichen Perspektiven zu sein. Mehr Mut, zu anderen Vertrauen zu fassen. Auf andere zuzugehen. Mehr Vielfalt und auch mehr Liebe. Sie lernen sich zu öffnen.

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Ich mache keine Badewannen Überschwemungen.

Ich wälze mich nicht im Matsch.

Ich springe nur äußerst selten in Pfützen.

Ich bleibe nicht alle zwei Meter stehen.

Ich kann nicht stundenlang Sand in denselben Eimer schütten und mich dabei kringelig lachen.

Ich erfreue mich nicht so sehr daran die ganze Zeit wild auf dem Klavier zu hämmern.

Ich lege mir kein Essen auf den Kopf.

Ich puste nicht mehr in den Strohhalm.

Ich male meistens auf Papier und viel seltener auf die nackten Beine meines Tischnachbarn.

Ich mache das, was eine Mama macht. Und kann. Ich gebe mir Mühe etwas zu sein, was ich nicht bin. Ich gebe mir Mühe, etwas zu spielen, für das mir die kindliche Freude fehlt. Ich lese vor. Ich bastele. Ich bin da. Ich liebe. Ich höre zu. Ich trage und tröste. Aber ich habe eine Rolle. Ich bin die Mama. Die anderen sind die Kinder. Ich kann sie nicht ersetzen. Und möchte das auch nicht. Ich wünsche meinen Kindern so viel Zeit mit anderen Kindern wie es geht. Und wie sie brauchen. Denn Freiheit im Spielen, im Toben, im Quatsch machen, im Klettern und Albern – dass können Kinder nur unter Kindern erfahren.

(Der Beitrag „Kinder brauchen Kinder“ ist vom online Elternmagazin Svoyo zum Blog Liebling Januar 2016 gewählt worden) siegel-scoyo-lieblinge-blogger-januar

 

 

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One thought

  1. Vielen Dank für diesen wunderschönen Text, der mir voll aus dem Herzen spricht!
    Ich habe selbst drei Kinder und arbeite in der Kindertagespflege (bin also Tagesmutter) und kann das nur bestätigen!

    Ich sage den Eltern, die zu Beginn schon mal ein schlechtes Gewissen haben: Ein Kind mit einer Mama zu Hause, das ist keine artgerechte Haltung 😉

    Wenn ich die Kleinsten (unter einem Jahr) bei uns sehe, wie sie die Großen (2 – 3-jährigen) anhimmeln und strahlen, wenn ich sehe was für einen Unsinn sie beim Essen machen, wie sie sich köstlich amüsieren, nur weil sie hintereinander her laufen…. Ich weiß, ich hab den richtigen Job und Kinder brauchen Kinder!

    Danke 🙂

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