Hallo neues Jahr…

IMG_2842…hier hat sich vieles geändert seitdem du da bist. Einer in dieser Familie isst auf einmal vegan (und das bin NICHT ich!) und einer in dieser Familie spielt auf einmal mehrere Stunden alleine (und das ist NICHT Ida!).  Zwei wollen bei 3 Grad und Nasskälte partout im Garten spielen und eine will das nicht, und das bin in diesem Falle tatsächlich mal ich.

Ansonsten hat sich aber doch nicht viel geändert. Nachdem wir Silvester die herausragende Idee hatten den ungeheizten Keller aufzuräumen hat Emil dort einen alten Karton aus der Ecke gefischt, der voll mit kleinen Matchbox Autos aus Pauls Kindheit war. Emil ist bekennender NICHT-Auto Spieler. Wenn jemand ihn danach fragt, sagt er immer sehr ehrlich: Nein, ich spiele nicht gerne mit Autos. Aber diese Kiste hat sein Leben verändert. (Parallel hat er es aber noch geschafft, Ida alle fünf Minuten darauf hinzuweisen, dass hinter der Keller Tür etwas gar nicht spannendes sei. Und das nur, nachdem wir ihn gebeten hatten zu vermeiden, dass Idas Blick auf den auseinander gebauten Kaufmannsladen fällt, den wir aufarbeiten und ihr zum Geburtstag schenken wollen. „Gar nicht spannend!“ höre ich Emil sagen. „Du brauchst da gar nicht hingucken. da ist nichts. GAR NICHTS!“ Dann blinzelt er mir verschwörerisch zu. Klappt super….)

Emils Autos sind in wilde Verfolgungsjagden involviert. „Mama,“ sagt er. „Meine Autos können mit Seilen schießen. Die Seile verheddern sich dann in den Reifen des anderen Autos. Dann ist man gefangen. Das habe ich mir ausgedacht, weil ich schießen nicht mag.“ Ich stehe in der Küche und sehe ihm zu. Manchmal würde ich Emil gerne die Weltherrschaft übertragen.

Am ersten Januar fahren wir immer an den Elbstrand und suchen Raketenstöcke. Aber der Wind hat uns den Spaß geraubt. Vom Altonaer Balkon haben wir zu den Schiffen gesehen, das Poltern der Container im Rauschen des Windes vernommen, den Möwen zugehört. Sind durch den Park gelaufen und haben Raketenstöcker gesammelt. IMG_2884Nur Emil rannte schon den Weg zum Strand hinunter. „Zu kalt“ haben wir gesagt und „zu windig“. Emil war enttäuscht. Zusammen mit den Griechen suchten wir nach einem Café um Kakao zu trinken. Kaum etwas hat Neujahr geöffnet und die, die geöffnet haben, waren zu voll für uns. Emil lief an meiner Hand zurück durch den Hamburger Wind und konsternierte: „Heute habe ich mich zwei mal geärgert. Einmal, weil wir gar nicht wie versprochen bis zur Elbe gegangen sind und einmal, weil ihr versprochen habt, wir gehen Kakao trinken und das haben wir auch nicht gemacht.“ Es ist gut, dass man mir mal klar macht, dass ich nicht so ungestraft über kleine Köpfe hinweg entscheiden darf.

Manchmal sehe ich Ida kleine Schokoladenfiguren von Weihnachten durch die Wohnung tragen. Vom einen zum anderen Zimmer. Bis sie endlich auf mich trifft. „Mama, ich essen darf?“ fragt sie dann. Wieso tut sie das? Sie hatte so viele Möglichkeiten heimlich, ungefragt, diese Schokolade zu essen. Aber sie fragt. Wenn ich nein sage, legt sie sie zurück in die Schale. Ständig bestimmt jemand über ihr Leben. Ganz selbstverständlich. Sagt, wann sie ins Bett muss, dass sie ihre Zähne putzen muss und nicht ohne Jacke raus darf. Setzt sie ins Auto oder in den Fahrradanhänger und fährt sie irgendwo hin. Sie kommt immer mit. Sie beklagt sich nicht. Sie diskutiert nicht. Sie nimmt das hin. Sie folgt einfach mir und dem was ich sage. Sie verteidigt auch ihre Meinung. Sie kämpft auch für ihr Recht. Aber die meiste Zeit folgt sie mir und dem was ich sage – ist es dann nicht meine Aufgabe alles so gut und richtig zu machen, wie ich es kann?

IMG_2896Ich finde, Emil hat ein Recht darauf enttäuscht zu sein, dass wir nicht an den Elbstrand gelaufen sind. Am nächsten Tag frage ich ihn, ob er heute hin möchte. Oder ins Museum und Kakao trinken. Innerlich feiere ich ein Fest als er sich fürs Museum entscheidet, denn heute ist es noch kälter und windiger als gestern.

Im Museum ziehen wir uns in ein Tipi zurück und sitzen im Dunkeln um ein künstliches Lagerfeuer herum. Ida erklärt, dass Tipi ist da, damit nicht ein Bär kommt und den Indianern das Essen klaut. Emil sagt, dass Feuer sei nicht echt, damit nicht das Museum anbrennt, denn sie könnten nicht so viele Leute anstellen, dass immer jemand auf ein echtes Feuer aufpasst. Ich sitze da und sehe den beiden zu. Im letzten Jahr musste ich Ida ständig an die Hand nehmen, damit sie nicht nach allen Ausstellungsstücken greift. Jetzt läuft sie zwischen den Relikten entlang und deutet alles. Ich würde gerne jeden Satz, jede Erklärung, jedes Wort festhalten. Ihre Sicht der Welt. Wie sieht eine Zweijährige das Leben? Wenn sie die Stufen nicht alleine herunter kommt nimmt Emil ihre Hand. Manchmal drückt sie sich ganz eng an mich. „Ich liebe dich, Ida,“ flüstere ich dann. Sie lächelt selig und antwortet: Und ich liebe Emil.

Manchmal wünsche ich mir, ich könnte alles festhalten. Wenigstens in einem Film. Alles was sie heute gesagt und getan haben. Dann stelle ich mir vor, wie es ist, wenn Paul und ich alt sind. Dann sitzen wir zusammen und sehen uns diese ganzen Filme an. Immer und immer wieder. Weil dieser Zauber niemals endet.

Wir gehen ins Café´und sehen aus dem Fenster hinaus. Opa sagt, es würde Schnee geben. Die Kinder warten. Ist Hamburg schön im Winter? Ich weiß es nicht, vielleicht wirkt es grau, immer ein bisschen klamm und windig. Aber ich finde es schön. Die Hamburger haben gelernt alles so zu nehmen, wie es ist. Und selbst an Neujahr sitzen sie draussen vor den Café´s, der Atem wie kleine Wölkchen in der Luft. Emil und Ida gehen gemeinsam an den Tresen um sich einen Kinderkaffee zu bestellen. Emil schiebt das Geld rauf. „Meins auch, Emil,“ bittet Ida ihn. Er nimmt ihre Münze und schiebt sie auf den Tresen. Sie sind gross, denke ich. Jede Art der Selbständigkeit lässt sie wieder über sich hinauswachsen. „Manche,“ beginnt Emil. „Von den Skeletten in der Ausstellungen, die hatten eine Mähne dabei.“ Ich sehe ihn fragend an. „Eine was?“ Er überlegt kurz. „Eine Mähne,“ wiederholt er. „Mit der man das Gras mäht.“ Ich versuche mir ein Lächeln zu verkneifen. „Ach, eine Sense,“ sage ich. Er sieht mich ernst an. „Manchmal lachst du über mich.“

Ich bestimme so oft über sein kleines Leben. Und ich lache über ihn. Ich bestimme, weil ich ihn schützen will. Weil ich ihm die Regeln dieses komplizierten Lebens zeigen will. Und ich lache aus Liebe. Aber es ist gut einen kleinen Emil zu haben, der einen mit seiner Ehrlichkeit immer mal wieder auf den Boden seiner Tatsachen zurück holt.

 

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7 thoughts

  1. Ein sehr schöner Text.

    Ich finde es wichtig sich auch mal – so wie du das hier tust – Gedanken darüber zu machen, wie wenig Kinder selbst entscheiden dürfen.
    Wir als Eltern müssen wirklich mit Bedacht handeln und immer wieder reflektieren was wir machen, erlauben oder verbieten.

    Liebe Grüße, Biene

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    1. Ja, irgendwie Wahnsinn, oder? Man vergisst auch, welche Macht man dadurch hat – also auch, dass man diese positiv nutzen kann. Und vorhin war ich in der Situation, dass ich kurz weg musste und ich habe zu Ida gesagt, sie solle mit meiner Freundin mitgehen so lange. Das hat sie einfach so gemacht. Und ich war gar nicht stolz oder gerührt sondern ich habe mir nur gedacht: Wahnsinn, wenn ich ihr sage, dass es so gut ist, dann glaubt sie mir das. Dann greift sie sich eine andere Hand mit der Gewissheit: Mama hat gesagt, dass es so in Ordnung ist. Also mache ich das.
      Liebe Grüße, Miri

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  2. Wunderschön! Mir geht’s genauso! Diese Unterhaltungen, diese Worte, die vielleicht nur heute ausgesprochen werden, festhalten. Das wärs!<3
    Welches Museum ist das mit dem Tipi?

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    1. Das Völkerkundemuseum in Hamburg. Ich glaube, es nennt sich nicht Tipi aber wir haben es so genannt. Es ist so eine Iglu förmige Hütte. Die Kinder fanden es toll und wir waren nahezu komplett alleine im ganzen Museum. Liebe Grüße!

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  3. Ach wie schön! Ja, Kindermund… Der Küstenjunge steckt auch mitten in der „Sprachexplosion“ und es ist so süß, was er da oft von sich gibt!!!
    Alles Gute für Dich und Deine Familie im neuen Jahr und viele liebe Grüße von der Ostseeküste!

    Küstenmami

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    1. Manchmal nehme ich mir vor immer ein Notizbuch dabei zu haben, aber das sieht in der Realität natürlich anders aus. Schade, weil so viele lustige Sachen vergesse ich wieder. Euch auch ein tolles neues Jahr! Liebe Grüße, Miri

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