Schlechte Laune, schlechte Mutter

IMG_3539Wenn man Abends motiviert zu den Kindern sagt: Morgen ist Wochenende, da schlaft ihr aber mal länger als bis ums sechs! Dann meint man damit wirklich LÄNGER als bis um sechs und nicht 5:30 Uhr. Die Kinder verstehen aber allem Anschein nach fünf Uhr dreissig. Und rufen. Und wir haben uns so gefreut, dass Pauls Wecker erst um 6:30 klingelt! Und das allein ist schon paradox, denn wer zur Hölle freut sich darüber, wenn er seinen Wecker an einem Samstag auf 6:30 stellen darf?

Zwei Wesen kuscheln sich an mich, aber nur 15 Minuten, dann kriechen sie unter Bettdecken, schubsen sich von der Bettkante, heulen und wollen aufstehen. Tage, die um 5:30 beginnen kratzen an meiner gute Laune, aber – was noch viel schlimmer ist – an der meiner Kinder. Ich kann einem Tag auch bei frühchristlicher Zeit noch etwas Gutes abgewinnen, aber wenn man dann Kinder hat, die auf Grund ihrer Müdigkeit nur streiten, kratzen und heulen, dann kippt auch meine positive Einstellung irgendwann.

Ich baue einen Kletterparcours im Flur und die Kinder spielen: Man darf nicht den Boden berühren. Ich stelle Sessel, Klavierhocker, mehrere Leitern, den Sitzsack und sonstiges Equipment hintereinander. Die Kinder klettern – ich schaffe es die Wäsche zu machen. Ida versucht Emil von der Leiter zu stossen. Emil heult. Ich sage ihr noch zwei mal dass sie das nicht machen darf. Danach baue ich als Konsequenz alles ab. Beide heulen.

Meine Kinder sind wie Hunde. Bis spätestens zehn Uhr morgens müssen die raus und mehrmals um den Weiher gejagt werden. Sonst drehen die durch. Ich drehe aber manchmal durch, wenn ich bei Regen und miesem Wetter an einem Wochenende schon vor zehn Uhr raus soll. Ich sehe, dass meine Nachbarn gerade aufstehen. Neid. Ich lasse die Kinder nicht raus und öffne alle Türen. Hamburger Altbauwohnungen verfügen über sehr lange Flure. Wenn man dann alle Türen, einschließlich der riesigen Flügeltüren öffnet, dann kann man durch den Flur und durch Küche, Wohnzimmer, Esszimmer und Schlafzimmer zurück. Das geht zu Fuß, rennend und noch besser mit Puki und Skateboard. Ich lasse sie machen. Sie machen das gefühlt hundert bis hundertfünfzig mal. Danach sagt Emil: Dürfen wir jetzt endlich toben?

Ich mache das Frühstück, aber alle Anschein nach das Falsche. Emil bockt und isst nicht mit. Ich sitze an meinem gedeckten Tisch bei Kerzenschein und frischen Blumen und grummle.

Emil sagt, er will als erster Zähneputzen. Ich gehe ins Bad und rufe zig mal nach den Kindern. Als keiner kommt, gehe ich selbst Zähne putzen. Und Emil bricht in Geschrei aus. Er wollte zuerst putzen. Ich sage mehrmals ruhig, dass ich ja gewartet hätte, es sei aber niemand gekommen. Emil schreit und wütet. Was für eine gemeine Mama ich sei. Ich finde den Tag jetzt schon doof.

Nach dem Einkaufen schreit Ida sie will auf den Arm. Ich packe drei Tüten Einkauf aus während Ida heulend an meinem Bein hängt. Am Ende schnalle ich sie mir auf den Rücken und sie ist mal kurz ruhig. Schlaf doch, denke ich inständig, schlaf doch, wenn du so müde bist. Ida findet, dass ist eine absolut absurde Idee.

Emil findet, dass ich alles falsch mitspiele. Ich soll in der Kinderküche bei xy sagen, dass es sehr heiß sei und bei x nicht. Ich mache es falsch und er wütet. Ich mache es anders und er wütet auch. Mit mir kann man wirklich überhaupt nicht gut spielen! Er wirft ein bißchen Holzgemüse auf den Boden. Das knallt so schön. Ich fühle mich selber wieder wie ein Kind und denke: Nee, so mag ich nicht mitspielen. Ich gehe in die Küche und mache mir einen Kaffee. Ida heult, Emil tritt irgendwo gegen.

Wenn die Woche sonst entspannt gewesen wäre, dann wäre das vielleicht alles noch erträglich. War sie aber nicht. Und ich bin genervt.

Morgen – am Sonntag -muss ich arbeiten und ich erreiche die Babysitterin nicht. Paul hat Rufdienst, da wird man NIE angerufen, außer immer dann, wenn ICH parallel auch arbeite. Ida hängt an meinem Bein und heult. Wenn ich du wäre, denke ich, dann würde ich ein Fest feiern, wenn ich jetzt schlafen dürfte. Ida findet das immer noch völlig absurd.

Um halb drei kommt Emils Freund John. Jetzt aber echt raus, sonst drehen alle durch. Ida will ihren Schneeanzug nicht anziehen und als sie endlich anhat entscheidet sie, dass sie ihr Puki mit raus nehmen möchte. Emil und John laufen über die Ampel, ich schreie, Ida kommt mit dem Puki keinen Meter vorwärts. Mitten auf der Verkehrsinsel bleiben die Jungs stehen und albern mit dem Roller herum. Vierspurige Straße, ich bin wütend, aber ich schreie nicht herum, obwohl ich es gerne würde. Ida kommt immer noch nicht vorwärts. Ich sehe Emil mit dem Roller herum turnen und platze vor Wut. Noch nie, nie, nie ist der alleine über die Ampel gegangen. Grün oder nicht. Immer wartet er auf mich. Und jetzt steht er mitten auf dem Ring 2 auf einer kleinen Verkehrsinsel und albert mit John und seinem Roller herum. Ich erkenne mein eigenes Kind nicht wieder. Es nieselt und ich würde Ida gerne vom Puki reißen, so sehr nervt mich ihre Langsamkeit gerade. Es wird grün, die Jungs hauen doch tatsächlich ab. Ich brülle und schreie, Ida kommt keinen Schritt vorwärts. Ich packe ihr Puki und versuche sie über die Straße zu zerren und dabei den beschissenen Reisebuggy zu schieben. Der fährt aber grundsätzlich im Kreis, wenn man ihn nur mit einer Hand schiebt und somit rammt er immer gegen Idas Puky. Die Autofahrer gucken bedauernd. Es wird grün und ich bin immer noch nicht rüber. Emil und John sind weg.

Schreien nützt nichts mehr, die sind längst außer Hörweite und Ida bewegt sich im Schneckentempo. Sie hält vor, in und hinter Pfützen, betrachtet ihre schlammigen Stiefel, einen Vogel, ein Eichhörnchen und eine Ente. Ich würde so gerne wütend im Kreis herum springen, stehe aber im Nieselregen da und versuche Ida sanft zu sagen, das wir weiter müssen. Wenn sie auch nur ein klitzekleines bisschen merkt, dass ich es eilig habe, bewegt sie sich besonders langsam. Die Tarnung muss stehen.

Wie erwartet (und erhofft) sind John und Emil auf dem Spielplatz. Sie klettern einen aus Seilen gestalteten Kubus hinauf bis unter die Spitze und da lässt Emil sich von einem Seil hängen, bis er merkt, dass er mit den Füßen kein Gegenstück mehr erreichen kann. Er schreit wie am Spieß um Hilfe, mehrere Meter vom Boden entfernt und ich versuche mindestens die Pforte noch hinter Ida zuzuknallen und klettere wie eine verrückte den Kubus hoch. Oben angekommen verlassen Emil endgültig die Kräfte und er lässt sich gutgläubig fallen. Ich greife mit einem Arm nach ihm, mich zerreißt es fast, ein Seil schlägt fies gegen meinen Brustkorb. Ich ziehe Emil neben mich und der klettert ohne ein Wort runter. Ida sitzt auf dem Puki, fühlt sich verlassen und heult.

Alles ist nass. Nirgendwo auf dem Spielplatz kann man sich hinsetzen. Nach zwei Stunden tun meine Beine weh und ich bin müde. Immerhin sind alle zum heimkehren bereit, als ich vorschlage Waffeln zu backen. Wie konnte ich nur!

Emil und John finden es äußerst komisch, den Puderzucker in Massen unter den Tisch zu kippen. Wie Schnee, rufen sie. Kann sein, denke ich, aber entgegen all der pädagogisch wertvollen Assoziationen: ich mag Puderzucker gerne auf Waffeln und sehr ungern in den Ritzen des alten Holzfußbodens. Sie wirbeln so wild mit ihren Sieben herum, das zwei Vasen herunter fallen. Sie lachen sich tot. Ich lache nicht mehr.

Ida möchte den ganzen Puderzucker weg saugen, weil sie sehr gerne staubsaugt, aber die Jungs nehmen ihr den Staubsauger weg und finden es urkomisch auch auf dem Tisch und diversen Kommoden zu saugen. Als Stifte verschwinden, lachen
sie schon wieder fast hysterisch. Ich bin gleich hysterisch und nehme ihnen endgültig den Staubsauger weg. Ida heult, weil ihr Stift jetzt im Staubsauger ist.

Ich weiß, ich bin verletzlich und angreifbar wenn ich wütend bin. Kinder merken das. Je gereizter ich bin, desto mehr Mut entwickeln sie, das auszunutzen. Es ist ein Teufelskreis. Wir reden nicht mehr auf einer Höhe miteinander. Ich werde laut und demonstriere ständig wie schwach ich gerade bin, sie werden frech und nutzen die Situation schamlos aus. Es wird zu einem einzigen Machtspiel. An guten Tagen passieren mir Situationen wie heute nie.

Wir verlieren völlig die Basis, auf der wir sonst miteinander agieren. Das ganze Kartenhaus bricht zusammen, wenn ich Schwäche zeige. Weil ich müde bin. Und unzufrieden. Und meinen Kindern das Gefühl gebe, unzufrieden mit ihnen und ihrem Verhalten zu sein. Die Spirale setzt sich in Gang und findet kein Ende mehr.

IMG_6379Erst um neun liegen Emil und ich in seinem Bett. und ich sage ihm, wie es mir ging, dass ich sehr müde war. Und das er und John sich nicht besonders gut benommen haben. Ich sage aber auch, das ich sehr stolz war, als John in der ganzen Alberei gesagt hat, Ida könne ja noch gar nicht gut mit dem Sieb Puderzucker verteilen. Und gelacht hat er, über die kleine Ida. Da hat Emil sofort Partei ergriffen und gesagt: ich finde, Ida macht das super!

„Da war ich sehr stolz auf dich, dass du so mutig warst und das gesagt hast. Und das du so ein guter, großer Bruder bist.“ Emil küsst mich. Dann ist es lange still. „Ich finde stolz, dass Ida tatsächlich das so gut konnte. Sie hatte das kleinste Sieb von uns und sie hat kaum etwas daneben geschüttet.“

 

 

 

 

 

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4 thoughts

  1. Mein Wochenende ist bisher genauso. Und meine Kinder sind ebenso wie Hunde. Sie müssen raus, sonst drehen wir alle durch. Hach du, gestern Abend ging ich furchtbar unzufrieden ins Bett. Alle inkl mir motzten. Mein Mann war in der Klinik. Schwäche zeigen darf man nicht. Genau das dachte ich gestern auch. Ich sende dir Kraft und viele Nerven. Du bist nicht allein.

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  2. „Ich weiß, ich bin verletzlich und angreifbar wenn ich wütend bin. Kinder merken das. Je gereizter ich bin, desto mehr Mut entwickeln sie, das auszunutzen. Es ist ein Teufelskreis. Wir reden nicht mehr auf einer Höhe miteinander. Ich werde laut und demonstriere ständig wie schwach ich gerade bin, sie werden frech und nutzen die Situation schamlos aus. Es wird zu einem einzigen Machtspiel. An guten Tagen passieren mir Situationen wie heute nie.“

    DAS ist es! Genau so!Ich habe schon so oft versucht die Dynamik zu entschlüsseln oder anderen zu beschreiben, aber bei mir klingt das immer so verschwurbelt und Du hast es so klar auf den Punkt gebracht. Oh, wie ich diese Spirale hasse!Und grade, wenn auch noch Freunde-Kinder da sind. Ich denke dann die ganze Zeit:“So bin ich nicht, so sind wir eigentlich nicht. Das ist das falsche Drehbuch, merkt das denn keiner?“

    Aber es hilft mir so sehr, das es Menschen – deren Ansichten und Auffassungen von gutem Miteinander ich teile – auch so geht. Dann fällt es mir etwas leichter zu akzeptieren das wir „das“ eben auch sind und nicht jeder Tag vor gleichwürdiger, achtungsvoller Lehrbuch-Kommunikation überlaufen kann.
    Vielen Dank fürs Teilen und eine Portion Drahtseil-Nerven für Dich aus Berlin!
    Saskia

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  3. Der beste Satz in diesem Text „Immerhin sind alle zum heimkehren bereit, als ich vorschlage Waffeln zu backen. Wie konnte ich nur!“ fasst alles zusammen, was man zu solchen Situationen sagen kann. Es gibt Tage, die sind einfach GRAUENHAFT!:Aber faszinierend, wie wir sie überstehen und ja es menschelt bei Müttern. Wenn wir den Kindern aber erklären, was uns zu diesen hysterischen Tigermüttern macht, dann zeigen gerade auch die Kleinen manchmal ein ganz goßes Verständnis. Und eine kleine warme Hand auf der Stirn der Mama, die uns zeigt: „Ich versteh dich und hab Dich lieb.“ wirkt da manchmal Wunder. Diese kleine Hand „fordere“ ich manchmal sogar ein, wenn ich mich überfordert fühle. Ich bin ja auch nur ein Mensch. LG Tanja

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