Das kurze Wunder der Schneekugel

Auch wir haben einen Adventskalender. Der steht auf der Fensterbank. Seit dem ersten Dezember. Wie sich das gehört. Und entgegen all der schönen Konsum-Ideen befindet sich darin fast ausschließlich eine winzige, kleine Schokolade, die am Boden jeden Bechers noch ihr Dasein fristet, bis die Kinder sie juchzend und erfreut herausnehmen. Der Inhalt ist also gar nicht das Charakteristische eines Adventskalenders, sondern der Akt als solches. Etwas zu öffnen. Und auch Geduld zu haben. Auf etwas zu warten. Jeden Tag.

Seitdem es in den Hamburger Läden Weihnachtsartikel gibt (also seit Ende September…) wünscht sich Emil eine Schneekugel. Im letzten Jahr hatte er eine im Adventskalender. Sie war sehr klein, sie passte gut in eine kleine Kinderfaust. Aber sie hatte Schnee. Und Emil war der stolzeste kleine Junge dieser Welt. Ida hatte auch eine. Ob sie mit ihren knapp 1,5 Jahren auch schon die stolzeste kleine Frau der Welt war, vermag ich nicht zu sagen.

IMG_1057Die Schneekugel war so geliebt und der Stolz auf dieses wunderbare, nahezu zauberhafte Geschenk so riesig, dass er die Schneekugel mit in den Kindergarten nahm. Und da zerbrach sie, durch zu viele kleine Hände gegangen, in der Puppenecke, wie Emil heute noch bedauernd berichtet. Kurz danach zerbrach auch Idas, das letzte, kleine bisschen Wunder, dass noch auf der Fensterbank stand. Aber eben nur so lange, bis jemand sie schüttelte, und bei einer dieser Schütteleien fallen lies.

Emil schleicht seit Ende September also um die Schneekugeln herum. Manchmal wünscht er sie sich herzzerreißend, manchmal bockt und schreit er, wenn ich sie nicht kaufe. Jedes mal das kleine Wunder Schneekugel. Er steht davor. Er staunt. Er schüttelt zaghaft und stellt sie mit traurigem Gesicht zurück ins Regal. Ein Euro Fünfzig kostet eine Schneekugel – für Emil die Welt! Und für mich ein geringer Betrag. Aber sie hat einen unschätzbaren Wert und den will ich nicht zerstören. Um sie wirklich zu schätzen zu wissen, muss sie erst einmal als unerreichbar gelten.

Unser Adventskalender besteht aus kleinen Pappbechern. Emil nimmt sie manchmal vorsichtig herunter. Liest mir die Zahlen vor. Misst ihr Gewicht, schüttelt sie manchmal zaghaft. Er weiß, dass sich hinter wenigen darüber gebundenen Tüchern keine Schokolade befindet. Sondern etwas „Besonderes“. Der dritte Becher, so stellte er alsbald fest, ist viel schwerer als die anderen. Deshalb ist es am 2. Dezember auch sehr schwer ins Bett zu gehen, wo man doch so gerne schon wüsste, was sich am 3. Dezember im Pappbecher befindet.

Und dann ist er da. Der dritte Dezember. Und die kleinen, aufgeregten Finger ziehen die Schneekugel aus dem Becher. Emil staunt. Tränen des Glücks in seinen Augen. Das Wunder der Schneekugel ist wieder in unser Haus gezogen. Er schüttelt und betrachtet. Er kann sich nicht satt sehen. Er überschüttet mich mit Dank. Ich bin diesen Vormittag wirklich die beste Mama der Welt. Wie das Glück sich potenziert, wenn man nur lange genug auf das Gewünschte hin fiebert.

Aber dann die gleiche Diskussion. Emil will die Schneekugel unbedingt im Kindergarten zeigen. Er zeigt mir Taschen in die er sie packen will, sogar ein Tuch sucht er, um sie sicher einzuwickeln. Und schon bin ich nicht mehr die beste Mutter der Welt, weil ich versuche ihm das auszureden. Ich weiß einfach, dass sie das nicht überleben wird, die kleine Schneekugel. Durch 26 Hände gereicht zu werden. Und dieses filigrane Glück ist so zerbrechlich! Emil legt die Tasche weg und ist enttäuscht und ein bisschen wütend. Er würde sie so gerne zeigen und ich mache mit meinen Bedenken alles kaputt. Er stapft aus dem Zimmer und nahezu im selben Moment höre ich das Zerspringen von Glas. Da liegt sie, die Schneekugel, in Scherben und Wasser. Einfach so, aus der kleinen Hand gerutscht. „Ausversichtlich!“ schluchzt Emil.

Einen Trost für eine kaputte Schneekugel gibt es nicht. Der Schmerz muss riesig sein. Wer sich so lange auf etwas freut, dem darf man die Freude nicht so abrupt wieder entreissen. Emil weint. Er ist fassungslos über soviel Unglück. Dabei wollte er sie doch bewachen wie seinen Augapfel. Beim Frühstück isst er nicht. Er sitzt auf Pauls Schoß und spricht nicht mehr.

Und jetzt? Jetzt gibt es diese doofen Schneekugeln nicht mehr! Und ich begebe mich jetzt auf eine Fahrrad-odyssee durch diese wunderbar große Stadt und werde irgendwo einen Drogeriemarkt finden, der diese kleinen Schneekugeln noch im Sortiment hat. Vorher kann ich Emil nicht aus dem Kindergarten abholen!

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7 thoughts

  1. Die haben so ein blödes dünnes Glas, diese Kugeln! Bei uns war es letztes Jahr dasselbe: Mein Großer war ganz stolz auf seine Kugel und schüttelte sie fleißig. Und dann fiel sie ihm noch am selben Tag aus der Hand. Auf den Teppich. Aus einem Meter Höhe. Und trotzdem: lauter kleine Scherben und klebrige Flüssigkeit. Es war ein Drama! Die sehen auf den ersten Blick gar nicht so zerbrechlich aus. Aber das Glas ist supersupersuperdünn. Dieses Jahr hat er sich wieder eine gewünscht. Und ich finde auch keine! Ich habe im Adventskalender einen Platzhalter, auf den Platz soll die Kugel. Und es geht mir wie Dir: Keine aufzutreiben. Heute probiere ich es noch mal in so Dekoläden und in einem Eineuroshop. Letzte Hoffnung!

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    1. Hast du eine gefunden? Hier gibt es noch welche. Soll ich dir eine schicken? (Insofern sie die Post übersteht….). Ich habe auch irgendwo gerade gelesen, dass man sie selber machen kann. In Marmeladen Gläsern, die ja auch viel stabiler sind. Google das sonst mal. Ich überlege auch, ob ich mit den Kindern zusammen eine bastel. Eine die hält! Liebe Grüße, Miri

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  2. Ich habe Tränen in den Augen. Bei uns wird es auch eine geben. Und nun überlege ich, ob es sie wirklich geben soll. Das Unglück ist so riesig.
    Ich habe sie aus einem Buchladen, da gibt es solche kleinen Wunder auch öfter. Oder im Bastelladen Sets zum selbermachen. Viel Glück!

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  3. Ohgott, jetzt hab ich doch tatsächlich mit Emil geweint 😅😅 Gut, dass du noch welche gefunden hast, sonst wär ich jetzt glatt losgelaufen…
    Wir haben so eine winzig kleine, die tatsächlich noch nie kaputt gegangen ist – da ist aber auch der Schneeeffekt deutlich geringer…Geschäftsidee würd ich sagen 😎

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  4. Macht das mit dem basteln 🙂 Sucht euch ein schönes Marmeladenglas und eine hübsche kleine Schleich oder Ü-Ei Figur. Ich hab das auch mal gebastelt und Emil findet das sicherlich richtig cool

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