So lange ich frei bin

IMG_6634Die Schulentscheidung liegt immer noch vor uns. Aber jetzt, in diesem Moment, diesen Tag, da sind meine Kinder vier und zwei. Und nicht sechs. Jetzt sind sie da. Und nicht in der Schule. Jetzt kann ich sie noch jeden Tag halten. Jetzt kann ich sie noch jeden Tag Zuhause behalten. Ihnen die Schuhe zubinden, ihre Reißverschlüsse hochziehen.

Denn jetzt bin ich noch frei. Und möchte es bleiben so lange es geht.

Ich denke darüber nach in welche Schule ich sie schicken werde. Eines Tages. Aber das sind meine eigenen Gedanken. Die mache ich mir still und leise. In Momenten in denen ich alleine bin. Oder mit Paul spreche. Oder mit anderen Eltern.

Aber sie spielen heute keine Rolle. Denn heute sind meine Kinder noch frei. Noch krabbeln sie morgens in mein Bett und liegen da. Noch krümeln sie Kekskrümel auf mein Laken, sehen mir zu wie ich meinen ersten Kaffee trinke. Noch schmiegen sie morgens ihre zarten Gesichter an meines. Duften noch ein wenig nach Wärme und Schlaf. Noch muss ich sie nicht hetzen. Zum Aufstehen zwingen. In ihre Jacken drängen. Noch liegen sie hier und sind frei. Und sollen frei sein. So lange sie können.

Noch kann ich sie wann immer ich will ins Auto packen und sagen, dass wir wegfahren. Noch kann ich zusehen, wie sie ihre kleinen Koffer selber packen. Ihre Aufregung. Noch höre ich sie im Kindergarten stolz erzählen, dass sie die nächsten Tage nicht kommen werden. Weil sie frei sind. Und einfach kommen und gehen wann es passt. Wann immer es in unsere Familie passt.

Noch sind sie frei und nicht mehr lange. Und so lange sollen sie einfach loslaufen können. Sollen sie früher abgeholt und später gebracht werden. Noch sollen sie trödeln und morgens Löwen in meinem Bett spielen, unter der Bettdecke kichern, mit der Katze kuscheln. Noch sollen sie morgens lange am Frühstückstisch sitzen und das flackern der Kerzen betrachten. Noch sollen sie aufs Land zu Oma und Opa fahren können wann immer sie wollen. IMG_6732

Sie werden groß werden. Sie werden Schulkinder werden. Schneller, als ich es fassen kann. Und ich greife nach ihren kleinen freien Leben, so frei werden sie nie wieder sein. Und ich öffne ihre Käfige, ich lasse sie laufen. Der Käfig der Gesellschaft kommt schnell genug. Ihre kleinen Hände berühren alles, ihre Köpfe denken ständig nach, ihre Münder plappern aufgeregt. Noch sind sie frei, ganz frei. Und ich möchte das sie fliegen wohin sie wollen. Ihre kleinen Flügel sollen ihre Gedanken tragen. Jeden Tag.

Ich sehe sie morgens an und platze vor Glück. Und es bedrückt mich zu wissen, dass sie eines Tages nicht mehr morgens in dieses Bett klettern werden. Weil ich ihnen Brote schmiere in der Küche, während sie ihre Zähne putzen. Weil ich sie jeden Tag, fünf Tage die Woche in ihre Jacken drängen werde, sie auffordern werde sich zu beeilen. Sie nie eher abholen werde. Sie nie ins Auto setzen werde um einfach weg zu fahren. Irgendwohin wo es schön ist. Irgendwohin wo sie einfach nur laufen können.

So lange sie frei sind versuche ich auch jeden Moment mit ihnen frei zu sein. Denn die Freiheit verschwindet viel zu schnell.

 

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5 thoughts

  1. Hach… mit gerade eingeschultem Kind kann ich nur mit einem Kloß im Hals und einer Träne im Augenwinkel sagen: So wahr!

    Ich bin jeden Tag dankbar dafür, dass wir zumindest die Möglichkeit hatten, aus den Alternativen die kindgerechteste zu wählen (freie Montessori-Schule) – mit einer Regelschule wäre ich außerordentlich unglücklich gewesen. Bei der kann ich zwar den Zeitrahmen nicht ändern, aber das Lernen und die Sicht auf das Kind unterscheidet sich schon sehr gravierend von der „normalen“ Grundschule. Sie haben deutlich mehr Freiheiten und können nach ihrem Tempo und ihren Fähigkeiten in Ruhe lernen, ohne in Schablonen oder Schubladen gepresst zu werden.

    Liebe Grüße
    Danielle

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  2. Als ob du meine Gedanken geschrieben hättest. Die Zeit vergeht so schnell. Wir waren gerade ein halbes Jahr mit unseren kleinen (2/4) mit den Fahrrädern in Europa unterwegs um so viel Zeit wie möglich zusammen zu verbringen…noch geht das ja!Viel Freude beim genießen!!!

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  3. Du sprichst mir aus der Seele. Unser Muckel wird zwar erst 3. Aber ich denke jetzt schon sehr viel darüber nach. Vorallem weil Schule für mich nicht schön war. Und leider habe ich hier auf dem Land wenig bis gar keine Wahl. Grundschule gibt es nur eine.

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  4. Ach nein, so schlimm ist es nicht. Im Gegenteil: Grundschule ist so toll. Sagt eine, die vor der Einschulung des Großen vor 2 Jahren ganz ähnlich gedacht hat. Und dann hab ich ganz schnell gemerkt, dass es eigentlich meine Bedenken und Ängste sind, nicht die meiner Kinder. Ich selbst hab die Schule nicht als so super empfunden und hatte auch nie wirklich gute Lehrer. Meine Kinder aber genießen das – und ich kann mich jetzt so ganz anders drauf einlassen. Der Große hatte die Möglichkeit, ganze neu Freunde zu finden, was ihm sehr gut getan hat. Beiden gefällt, dass sie gefördert und gefordert werden. Sie erleben einfach ganz viel. Spontan wegfahren konnten wir vorher auch nicht, weil wir Eltern Verpflichtungen haben. Und grad liegen sie beide im großen Bett. 🙂
    Aber ja, ich kenne auch diesen Gedanken: Oh nein, das geht alles viel zu schnell. waren sie nicht grad noch in meinem Bauch. Ich muss sie loslassen, aber will ich das wirklich?

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