Handlungsunfähig

IMG_9012Emil findet bis sechs Uhr schlafen reicht. Er ruft. Einmal, zweimal. Paul ist unter der Dusche. Ich komme nicht so schnell aus dem Bett. Die Katze liegt noch auf mir, ungnädig springt sie herunter. Beim vierten mal rufen ist auch Ida wach. Na, Guten Morgen!

Ida will einen Toast, nur weil der aus dem Toaster hopst. Essen tut sie ihn selbstverständlich nicht. Ida missachtet Kohlenhydrate. Sie empfindet Brote als überflüssig, sie dienen ihr ausschließlich als Teller-Ersatz für ihren Käse. Aber zwei drei mal den Ärmel über die geschmolzene Butter ziehen, das geht schon. Ich ziehe sie noch mal um, habe aber nichts mehr mit einem Häschen drauf. Ida schreit. Sie will das Häschen T-Shirt wieder anziehen. Wütend zieht sie es aus dem Wäschekorb und schmeißt es mir vor die Füße. Sie schreit sehr laut und Emil steht direkt daneben und erzählt mir eine sehr lange Theorie über den Weihnachtsmann, wo genau der wohnt und wie die Rentiere heißen und wie die starten und was die zwischendurch fressen. Ich verstehe kein Wort. „Oder, Mami?“ fragt er gefühlt hundert mal. Als ich nicht antworte beginnt er ein bisschen auf dem Klavier herumzuhämmern.

Ich ziehe Ida ein anderes T-Shirt an. „Mag nicht,“ sagt sie bockig. Paul verabschiedet sich. „Winken!“ schreit Ida. Emil steht schon auf der Fensterbank. „Platz!“ schreit Ida. „Einer Platz für mich!!“ Ich hebe sie hoch. In einem unbeobachteten Moment schubst sie Emil. „Ida ärgert mich immer!“ schreit der. Ich winke Paul. „Nie sagst du was, dabei ärgert sie mich immer!“ Ich winke einfach weiter und lächele.

Ich suche passende Handschuhe. Vielleicht sind passende Handschuhe aber auch überbewertet. In Idas Kita sind auch unterschiedliche Socken nahezu Pflicht. Deshalb kriegt sie heute auch unterschiedliche Handschuhe. Leider haben sie nicht mal dieselbe Größe. „Passt nicht,“ sagt Ida. „Doch.“ Sage ich und versuche ganz überzeugend zu klingen. Der Fahrradanhänger ist schon wieder nass. Ich verstehe wirklich nicht, wozu wir diesen Regenschutz haben, wenn der GAR nicht hält. Ich versuche eine Decke um den Anschnallgurt zu wickeln, so dass man trocken sitzt aber dennoch sicher. Ida findet das unbequem und ich glaube, dass ist es auch. Emil setze ich auf den Gepäckträger. „Ich auch hinten Fahrrad sitzen!“ Schreit Ida. Meine Tasche fällt in den Matsch. Wie aufheben, ohne Emil und Fahrrad fallen zu lassen? Ich hebe Emil wieder herunter. „Ich auch hinten Fahrrad sitzen!“ Schreit Ida noch mal. Der Anhänger wackelt gefährlich, weil sie versucht sich zu befreien. „Oh, guck mal, ein Eichhörnchen!“ Rufe ich und deute auf den kahlen Baum. Ruhe kehrt ein. „Eidhörnchen,“ sagt Ida zufrieden. Ich versuche irgendwo auf die Straße zu kommen, was bei den eng parkenden Autos manchmal eine wahre Kunst ist. Ganz schlimm ist, wenn man meint es würde passen und dann auf halbem Wege stehen bleibt. Man muss dann versuchen den Anhänger wieder den Kantstein hoch zu schieben, was wirklich beschissen geht.

An Emils Kindergarten das Fahrrad abstellen und Ida wieder befreien – fatal, weil sie sich jetzt noch besser dagegen wehren kann gleich wieder angeschnallt zu werden. Das Fahrrad kippt um, aber das ist ja jetzt wirklich nichts neues mehr. (Warum kippen die Fahrräder anderer Leute nicht so häufig um wie meines?). „Dein Fahrrad ist umgekippt,“ stellt Emil nüchtern fest. Ach, denke ich. Wie ich solche Kommentare hasse. Ich stelle es wieder hin und sage besser nichts.

Drinnen ist es warm und gemütlich, in der Küche brennen bereits Kerzen auf dem Tisch. Emils Kindergarten ist in einer ganz gewöhnlichen Altbauwohnung untergebracht. Und genauso heimisch fühlt es sich an. Wir verabschieden uns hundert mal. Dann verpacke ich Ida wieder im Anhänger. „Brot kaufen.“ Sagt sie voller Überzeugung. „Nein.“ Sage ich. „Du hattest Zuhause einen Toast, den wolltest du nicht.“ Ida schreit die Hälfte der Strecke. Alle starren mich an. Rabenmutter, kauft dem armen hungrigen Kind kein Brot.

Ida kann alles alleine und das macht sie auch. Man muss nur etwas Geduld mitbringen. Sie steigt alleine aus dem Anhänger aus, braucht aber sehr lange um dann irgendwie über die Kupplung herüber zu steigen. Sie öffnet alleine die Tür, braucht aber sehr viel Kraft. Sie zieht sich alleine aus und hängt ihre Sachen auf. Sie sucht ihre Hausschuhe und zieht diese alleine an. Ich darf auf keinen Fall helfen, muss aber ungefähr 30 Minuten für das ganze Prozedere einplanen. Dann winkt sie kurz und geht alleine rein. Tschüs, kleine selbständige Ida.

Um drei hole ich sie wieder ab und sehe wieder dreissig Minuten dabei zu, wie sie alles alleine macht. Drei mal biete ich an ihr beim Reißverschluss zu helfen, aber sie möchte nicht. Sie kann den Reißverschluss nicht alleine zu machen. Das weiß sie auch selbst. Aber sie will es so lange versuchen, bis sie von sich aus um Hilfe bittet. Und das dauert.

Wir tauschen den Anhänger gegen den Buggy und gehen an den Weiher, wo wir Emil abholen. Sommer wie Winter, Regen oder Schnee, Emils Kindergarten ist jeden Tag ab ein Uhr draussen im Weiher Park. Emil freut sich. „Lass uns Winterstiefel kaufen.“ Sage ich. „Oh ja!“ Ruft Emil und beugt sich aufgeregt zu Ida herunter. „Ida, heute gehen wir Winterstiefel kaufen. Nur für uns! Für dich und für mich!“ Er freut sich sehr. Ida nickt und sagt, das sie jetzt rutschen will. Ich hebe sie gefühlt hundert mal die Rutsche hoch. „Und noch mal.“ Sagt sie ernst. Immer wieder. Emil möchte jetzt los gehen, aber Ida nicht. Meine Finger sind schon ganz gefroren. Als wir uns endlich auf den Weg machen wird es schon dunkel.

In unserem Viertel gibt es einen kleinen Weihnachtsmarkt und an den Laternen hängen die ersten leuchtenden Sternschnuppen. Emil und Ida wissen gar nicht wohin mit ihrer Weihnachtsaufregung. In den Schaufenster stehen geschmückte Tannen und Geschenk Attrappen. Sie überschlagen sich geradezu mit aufgeregten Wortfetzen. „Ida, oh, Ida guck!“ „Weina-mann da! Emil, da!“ Allerdings fällt Ida dann ein, dass sie jetzt auf der Stelle gewickelt werden muss. Och nö. Ich suche den nächsten Drogeriemarkt und schiebe sie zum Wickeltisch. Emil nimmt einen Kinder Einkaufswagen und schiebt stolz seinen Grüffelo durch den Laden. Nach dem Wickeln möchte Ida auf einem Holzschaukelpferd schaukeln. „Komm, ich hebe dich hoch.“ Sage ich und sehe etwas paralysiert zu, wie eine andere Mutter fix ihren Sohn hochhebt und auf dem Pferd platziert. Ich fühle mich ein bisschen wie kurz vor der endlich gefundenen Parklücke, in die dann schnell ein anderer Wagen sich schlängelt. Die andere Mutter meidet Blickkontakt. Nach zehn Minuten geht das Kind immer noch nicht runter und Ida zieht etwas betrübt hinter mir her. Da Emil aber gerade anderweitig umher stromert greift sie sich den Einkaufswagen. Als Emil das merkt schubst er sie weg. Ida beißt. „Meiner Wagen!“ Schreit sie. „Das war meiner!“ Schreit Emil zurück und bricht in Tränen der Wut aus. Ida kratzt. „Ida kratzt und beißt!“ Schreit Emil. “ Lass sie eine Runde schieben und dann kriegst du ihn zurück. Sie wird ihn abgeben.“ Sage ich ruhig. Emil stellt sich Ida in den Weg. Ida rammt immer wieder mit dem Wagen gegen sein Schienbein. „Ida tut mir weh!“ Schreit Emil weiter. „Du stehst ja auch im Weg.“ Sage ich.

Nach zehn Minuten steht Emil immer noch schreiend im Gang. Ida und ich sind längst an der Kasse. Er schreit so herzzerreißend „Mami!“ das besorgte Erwachsene sich zu ihm nieder knien und eifrig nach der verschollenen Mami Ausschau halten. Ich winke ihnen von der Kasse aus zu. Ida sagt zum hundertsten mal „Abgeben Emil jetzt.“ Und schiebt symbolisch den Einkaufswagen in seine Richtung. „Ich will den blöden Einkaufswagen nicht!“ Schreit der. Na dann.

Vor dem Laden fällt Emil auf, dass er jetzt in den Buggy möchte. Ich glaube, er braucht ein bisschen Zeit und Ruhe. Ich setze ihn hinein und Ida läuft ein paar Minuten neben mir. „Ida,“ höre ich Emil sagen. „Möchtest du auf meinen Schoß?“ Ida nickt. „Weil du doch meine beste Freundin bist, oder?“ Ida nickt. Ich setze sie Emil auf den Schoß. Er schlingt seine kurzen Arme um sie und küsst sie auf die Wange. „Jetzt ist es aber schön, oder?“ Ida nickt. Und ich nicke auch.

 

 

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2 thoughts

  1. Jeder Absatz wäre ein
    Kommentar wert. Aber nur ganz allgemein weißt Du ja, dass es allen Eltern so geht. Hast mich aber daran erinnert, dass ich endlich den Doppelradständer kaufen muss. Zu oft ist das Rad samt Kind umgefallen…
    Im Übrigen bist Du handlungsfähig.

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  2. Du weißt ich möchte dich meistens sätzeweise zitieren. Gerade bei Idad Verhalten erkenne ich meine Kleine so gut. Alles alleine. Bloß keine Hilfe. Und Brot? Wer braucht schon Brot, wenn er Wurst pur essen kann.

    „Ich winke einfach weiter und lächele.“ Ja!!!! Wie ich diese Situation kenne. Dieses Gedrängel auf der Fensterbank.

    Auf dem Schoß fahren ist hier auch manchmal so.

    Schön wenn man seinen Tag aufgeschrieben bei dir findet.

    Liebe Grüße
    Tanja von Rougerepertoire

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