Wanderer zwischen den Welten

IMG_4654Morgens wenn ich das Haus verlasse, auf meinem Fahrrad sitzend, dann fühlt sich die Welt manchmal ganz still an. Und ganz jugendlich. So frei und ein bisschen wehmütig. Wenn ich morgens auf dem Rad sitze, bin ich auf einmal nicht mehr die Mutter. Ich bin irgendwie wieder ich.

Im Büro sind ständig Praktikanten. Sie sehen alle so jung aus,sind so engagiert und laufen die ganze Zeit ganz eifrig herum. Ich sitze dazwischen und fühle mich irgendwie zugehörig. Und irgendwie gar nicht. Die Praktikanten wissen gar nicht, dass ich Mutter bin. Ich bin einfach ich. Die Frau mit der Strickjacke, die ganz vorne sitzt, die meistens friert und Fotos bearbeitet. Die irgendwas kreatives macht, aber genau wissen sie es nicht. Manchmal machen sie Kaffee oder fragen, ob sie mir etwas zu essen mitbringen sollen. Ich finde sie nett. Ich bin auf einmal eine von ihnen.

Wenn ich durch die Schanze gehe und mich mit Freundinnen im Café treffe, bringen die oft ihre Kinderwagen mit. Ich trinke meinen Kaffee und niemand stösst etwas um. Niemand will auf den Arm. Ich rede meine Sätze zu Ende. Ich muss niemanden wickeln, hochheben, trösten oder stillen.

Dann setze ich mich irgendwann wieder aufs Fahrrad und meine Beine treten immer ein bisschen schneller als auf dem Hinweg. Mein Pferd hat das früher auch so gemacht – immer hat sie gemerkt, wenn es nach Hause ging. Ihre kräftigen Beine und die dunklen Hufe wurden immer ein wenig schneller, wenn sie den Stall gerochen hat. Wenn sie wusste, dass es nach Hause geht.

Ich bin so voller Liebe, wenn ich zurück radel. Ich bin so befreit und voller Kraft. In mir schwappt das Gefühl von erster Liebe, von der Aufregung eines Dates, ich werde gleich meine große Liebe sehen – und das gleich zwei mal. Emil und Ida. Ich sehe ihre leuchtenden Gesichter. Die roten Wangen. Ich höre ihre aufgeregten Stimmen. Ich spüre ihre Haut auf meiner. Ihre heißen Wangen an meiner kalten. Ihre warmen Hände in meinem Nacken.

Wenn ich sie Abends ins Bett bringe schnürt es mir manchmal das Herz zu, vor lauter Liebe. Da liegen sie, die beiden besten Menschen dieser Welt. Etwas so wertvolles, das in seinem Wesen noch wächst. So stark und blühend wird. Das mich so oft verzaubert und berührt. Und dann ziehe ich ein Kleid an, bürste meine Haare, betrachte mich im Spiegel. Dann rieche ich ganz seicht den Duft von Pauls Aftershave. Und sehe ihm zu, wie er die dicke Wollmütze über die seine dunklen Haare zieht. Und ich nehme seine Hand und trete in die kalte Luft hinaus. Ich sitze neben ihm im Bus und lehne mich an seine Schulter. Die Leute sehen mich an und wissen nicht, dass ich Zuhause Mutter bin. Das ich zwei wunderbare kleine Menschen in meinem Herzen trage – jede Sekunde meines Lebens. Sie sehen mich und Paul und unsere dicken Mützen, darunter unsere von der Kälte rosigen Wangen. Sie sehen uns in der Theaterpause auf dem dicken roten Teppich stehen und Sekt trinken, sehen, wie ich Paul anlächele, wenn ich ein bisschen betrunken bin (ganz ehrlich, wer schafft es denn einen Sekt in fünf Minuten zu trinken? Bis man dran ist, ist die Pause meistens um…).

Im Dunkeln schließen wir die Haustür auf. Schleichen noch einmal ins Zimmer von Emil und Ida. Sehen ihnen beim Schlafen zu. Schnuppern noch ein mal an ihren weichen Haaren.

Ich bin eine Wanderin zwischen den Welten – und das möchte ich bleiben. Ich möchte mich nicht verlieren in all dem Mutter sein. Und Paul auch nicht. Ich möchte das ganze Leben erfassen. Ich möchte ich sein, weil ich dann besonders stark und besonders mutig und besonders ambitioniert im Umgang mit meinen Kindern bin. Ich kann ihnen meine Welt nur zeigen, wenn ich sie weiterhin erlebe und spüre. Wenn meine Füße auch mal alleine einen Weg gehen. Mein Kopf auch mal alleine denkt, nur für sich. Ich auch mal alleine auf meinem Fahrrad sitze. Ich bin nicht „Die Mutter von…“. Ich bin ich.

 

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5 thoughts

  1. Ich liebe diesen Artikel und kann mich deinen Zeilen so toll wieder finden. Ich fand deine Zeilen so inspirierend, dass ich selbst gern einen Blog eröffnen möchte und hoffe das einigermaßen verbünftig hinzubekommen!

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