Das letzte Mal

IMG_0493Wir wünschen uns Selbständigkeit – und dass sie klein bleiben.

Wir wünschen uns Unabhängigkeit – und dass sie uns immer brauchen werden.

Wir wünschen uns auch mal wieder Zeit für uns – und dass sie nie von unserem Schoß kriechen mögen.

Wir wünschen uns Kinder, die fürs Leben wachsen – und doch auch die, die uns immer nach Rat fragen werden.

Heute wache ich auf und höre die Kinder. Sie reden und sie lesen. Emil liest Ida etwas vor. Es ist 6:30. Ich liege im Bett und und lausche. Keiner kommt. Ich drehe mich um und mache die Augen wieder zu. Keiner kommt.

Um sieben höre ich Schritte, nackte Füße auf dem Holzfußboden, trappeln, können nie langsam gehen. Die Tür öffnet sich, zwei kleine Menschen huschen unter meine Deck. Ich rieche ihre Haare und spüre ihre warme Haut. Sie kichern, verstecken sich unter der Decke. Jetzt beginnt mein Tag, so wie ich ihn kenne. Kaffee im Bett, Krümel unter den nackten Beinen, Bilderbücher, kuscheln. Viel kuscheln.

Um halb acht stehen wir auf – natürlich viel zu spät. Ich mache das Frühstück, Emil zieht an mir vorbei und murmelt: Ich geh mal duschen.

Ich sehe ihm nach. „Ich geh mal duschen?“ denke ich. Ich dachte, dass sind Sätze die man zum ersten mal hört wenn Kinder zwölf sind und vom Fußballtraining kommen. Aber nicht mit vier! Er nimmt ein Handtuch und verschwindet. „Ich auch duschen.“ Sagt Ida und folgt ihm, kommt aber kurz darauf zurück, der Kopf steckt in der Öffnung des T-Shirts fest. Ich helfe ihr und sehe ihr nach, wie sie von dannen zieht. Als ich kurz darauf das Bad betrete, steht sie neben Emil unter der Dusche. Irgendetwas stimmt hier nicht, denke ich.

In Idas Kindergarten nehme ich ihre Hausschuhe aus dem kleinen Fach. Ich knie mich zu ihr runter, ihre kleinen Beine baumeln über dem Boden. „Ich alleine,“ sagt sie und greift nach den Hausschuhen, zieht sie über, hüpft von der Bank, sagt „Tschüs, Mama!“ und geht. Irgendetwas stimmt hier nicht.

Am Nachmittag will Emil Lieder auf der Kinderklarinette spielen. Die ist aus Plastik und hat unterschiedlich farbige Klappen. Anhand der Farben in seinem „Notenbuch“ kann man ganze Stücke spielen. Seit einem Jahr liegt sie in einer Kiste. Jetzt hat er sie wiederentdeckt. Er hat noch nie darauf gespielt. Er nimmt das kleine Notenbuch und sagt: „Ach ja, die Farben einfach nachspielen.“ Ich setze mich zu ihm und sage ihm die einzelnen Farben an. „Mama,“ sagt Emil. „Ich kann das besser alleine.“ Ich gehe in die Küche und höre ihn spielen. Irgendetwas stimmt hier nicht.

Ich trage dich Abends ins Bett, denn das gehört zu meinem Leben. Ich decke dich zu und ich lese dir vor. Ich wickele dich in ein Handtuch, wenn du aus der Dusche kommst, ich wasche deine dicken lockigen Haare, ich putze deine Zähne. Ich binde deine Schuhe zu, ich halte deine Hand an der Ampel, ich helfe dir aufs Klettergerüst. Ich mach deinen Reißverschluss zu und öffne dir die Klebe, wenn du etwas basteln willst. Ich erkläre dir, wie man liest, ich zeige dir Buchstaben und lese dir Schilder vor. Ich erkläre dir die Verkehrsregeln, die Vögel, die Bäume, wie man schnitzt und zeichnet, wie man Fahrrad fährt und wie die Planeten heißen. Dachte ich. Bis jetzt.

Aber ich sehe, ich tue Dinge zum letzten Mal. Und ich weiß nicht, wann ich dich zum letzten Mal nach dem Baden in ein Handtuch gehüllt habe. Dich warm gehalten habe, ganz dicht bei mir. deine Haare getrocknet habe und dich in warme Sachen gepackt habe. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal Deine Schuhe zugemacht habe, weil ich es anfangs so genossen habe, wenn du es morgens alleine tust. Aber das heißt nicht, dass ich es nie mehr tun wollte!

Ich weiß nicht, wann ich dich das letzte Mal an die Hand genommen habe an einer Ampel. Ich weiß nicht, wann ich dir das letzte Mal die Klebe geöffnet habe. Aber ich weiß, dass du alleine unsere Tür aufschließen kannst, mein Fahrrad festhalten, wenn es droht umzukippen, Idas Jacke zumachst. 

Ihr könnt Dinge alleine, ohne mich. Und ich möchte Euch so gerne ziehen lassen. Und platzen vor Stolz. Ihr erleichtert mir den Alltag mit allem was ihr könnt, ihr kocht und schneidet Gemüse mit mir, ihr wischt selber auf, wenn euch etwas zu Boden fällt, ihr holt eigenständig Kräuter aus dem Garten, ihr füttert die Katze, ihr lest euch gegenseitig vor. Aber was ist mit mir?

Ich sehe Euch zu und platze vor Liebe. Aber ihr werdet groß. Könnt ihr nicht noch ein kleines bisschen länger klein sein? Nur, bis ich mich wirklich daran gewöhnt habe, dass ihr wachst und unabhängiger werdet? Kann ich nicht noch einen kleinen Moment länger Eure Hand halten, Euch im Arm halten. Werdet doch nicht so schnell so groß, dass ihr euch kaum noch auf meinem Schoß zusammenrollen könnt. Werdet doch nicht so schnell so groß, dass ihr langsam schwer werdet auf meinen Schultern. Ich will euch ja ziehen und lernen lassen, ich will euch die Unabhängigkeit und die Selbständigkeit so gerne schenken. Aber wartet doch noch ein klitzekleinen Moment – so lange, wie ich brauche, um mich von Euch als Kleinkindern zu verabschieden. Denn ihr werdet mir furchtbar fehlen.

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20 thoughts

  1. Ich habe ein Tränchen in den Augen- so ein toller Text. Ich habe auch große Angst vor diesen ersten letzten Malen und merke sie jetzt schon, wenn sich mein Kind die Schuhe versucht auszuziehen oder einfach mal allein in ihrem Zimmer spielt. Dann frage ich mich, wie lange sie mich noch braucht und hoffe, für immer. LG Bella

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    1. Ich finde, die ganze Zeit denkt man, genau in dem Alter in dem mein Kind gerade ist, da ist es perfekt für mich. Aber jetzt ist es schon manchmal so dass ich tatsächlich denke, bleib doch noch einen Moment stehen. Das zweite Kind ist ja auch viel schneller groß geworden als das erste….

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  2. Ein wundervoller Text, er hat mich sehr berührt. ❤️
    So geht es mir ja jetzt schon bei jedem zu klein gewordenen Kleidungsstück, jeder neu erlernten Fähigkeit, jedem neuen Meilenstein.
    Dann denke ich mir: „….Und gerade noch war ich der glücklichste Mensch auf Erden, als Du mir im Kreißsaal auf die Brust gelegt wurdest. Und das ist schon wieder eine gefühlte Ewigkeit her.“
    Ich habe schon zu meinem Mann gesagt, dass wir wohl noch mindestens 5 Kinder bekommen müssen. 😉
    Ich kann mich einfach nicht „verabschieden“.

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  3. So ein schöner Text! Nach einer sehr, sehr anstrengenden Nacht heute mit meiner kleinen Maus, genau das Richtige 🙂 Da ist man gleich viel weniger müde und genervt und am liebsten würde ich sie jetzt wecken, um mit ihr zu kuscheln! Danke dafür! 🙂

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    1. Ich kann manchmal gar nicht schnell genug Rad fahren, wenn ich Emil oder Ida aus dem Kindergarten abhole. Manchmal überkommt es mich und ich denke dann, jetzt, jetzt sofort will ich sie abholen und sehen, wie sie strahlen und in meine Arm laufen!

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  4. Und so begreift man erst und endlich mit den eigenen Kindern, wie sich die Eltern gefühlt haben müssen, wie schwer es wohl war, loszulassen bei jedem kleinen Schritt, und als man in den Zug stieg um in der fremden Stadt zu studieren, als man sich dort verliebte und es irgendwann klar war, daß man dort leben würde. Ich denke, noch immer schmerzt es meine Eltern. Wie großartig sie waren, mich einfach ziehen zu lassen. Und ich fühle genau wie Du mit meinen Kleinkindern. Und frage mich, ob ich später auch so großartig sein werde wie meine Eltern. Es wird immer schmerzen.

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    1. Ja, da kommt noch so einiges auf uns zu. Ich denke jetzt schon manchmal: was ist, wenn Emil in der Schule keine Freunde findet oder die falschen? Wie kann ich Ida nur trösten, wenn ihre erste Liebe sie verlässt? Es geht immer weiter, und jeder Moment ist genauso wertvoll wie die anderen. Ich wünsche mir auch, so großartig zu sein wie meine Eltern!

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  5. So anrührend.
    Ich hab schon lange auf einen neuen Blogeintrag gewartet und dann kommt gleich so ein schöner Eintrag. Einfach die perfekten Worte gewählt.

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    1. Weißt du, was mich furchtbar glücklich macht, seitdem ich Deinen Kommentar gelesen habe? Die Vorstellung, dass tatsächlich jemand auf einen neuen Beitrag wartet! Das sind Dimensionen, die ich mir gar nicht habe vorstellen können. Vielen Dank!

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