Lieber Emil,…

…bitte verzeih mir. Ich bin laut und ungeduldig und ungerecht. Ich werde dir nicht gerecht. Ich bin wie ein Teenager. So voller Wut und Unausgeglichenheit. Ich laufe so konform neben dir her, so lange alles so läuft wie es soll, aber so bald du neben die ausgetrampelten Pfade trittst, explodiert mein Mutterkopf. Explodiert etwas in mir, dass da schmort und brodelt. Ich spüre das. Da ist so viel Wut die herausplatzt.

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Lieber Emil, du isst verlegen dein Brot und sagst: Ich wollte dich nicht ärgern, Mama. Und mein Kopf schreit und schreit, lass doch den kleinen Emil in Ruhe. Aber ich sage nichts. Ich nehme dich nicht in den Arm. Ich bin einfach nur wütend. Seit zwei Stunden versuche ich Euch ins Bett zu bringen. Und immer schreit einer. Du trittst Ida, weil sie zuerst auf dem Schoß war, Ida kratzt und kreischt. Du versuchst sie herunter zu stossen. Ich versuche euch beiden einen Platz einzuräumen, aber euch ist nicht nach fairem teilen. Ihr wollt alles alleine haben. Und ich weiß, wir haben euch Wochenlang zu zweit ins Bett gebracht. Und jetzt ist nur noch einer da. Und das gefällt euch nicht. Zu Recht. Aber ich bin jetzt wieder alleine und ich verzweifele, weil es nicht mehr so läuft wie zuvor. Nach zwei Stunden schreien, kreischen, schubsen, ruft ihr einstimmig, dass ihr furchtbaren Hunger habt. Es ist gleich einundzwanzig Uhr. Muss man da noch Hunger haben? Vielleicht, weil ihr seit Stunden im dunklen Zimmer um den besten Platz streitet. Ich bin erschöpft.

Ich stehe morgens auf und ziehe euch an. Ich suche passende Socken, ich wickele Ida. Ich räume dreckige Wäsche weg, packe meine Tasche, Dusche – aber immer dann fällt jemand vom Stuhl, braucht ein Taschentuch oder nimmt dem anderen Steine weg. Ich sehe in den Regen, ich mache euch Frühstück, ich hebe heruntergefallene Dinge auf, ich putze eure Zähne, ich fange euch hundert mal wieder ein, wenn ihr irgendwo hin lauft. Ich suche eure Gummistiefel und eure Regenjacken, ich höre mir kurzes Geschrei an, weil es die falsche Regenjacke sei. Ich bürste eure Haare während ihr vor mir davon lauft, ich überlege, ob es wirklich Sinn macht die Tasche ÜBER der Regenjacke zu tragen. Wird das Laptop und die Kita Dokumente und alles andere dann nicht nass? Ich suche den Fahrradschlüssel und den Kuscheltiger, ich sehe auf die Uhr, ich finde meine eigenen Schuhe nicht, ich sehe noch mal auf die Uhr, ich fange euch ein, ihr lauft die Treppe im Treppenhaus hoch und lacht. Ich trete in den Regen, ihr lacht nicht mehr, steht ungeduldig herum, mir fällt zwei mal der Schlüssel in den Matsch, ich schließe das Rad auf, es kippt um, ich ziehe den Lenker aus dem Dreck. Mir läuft der Regen die Stirn herunter, im Anhänger ist es feucht, ihr habt keine große Lust einzusteigen, ich versuche das Schaf-Fell gemütlich zu drapieren, der Regen tropft von meiner Kapuze. Ihr seid in Kanada gewachsen, die Anschnallgurte passen nicht mehr, ich nehme euch wieder raus, ihr seid grummelig weil ihr nass werdet, ich werde noch nasser.

Ich merke, dass der Anhänger nicht einrastet, ich schiebe und trete gegen den Mechanismus, ihr beklagt euch über den Regen und das zu euren Füßen Wasser steht. Das Fahrrad fällt noch einmal in den Matsch. Endlich knackt es, ich steige auf und an der ersten Ampel passiert das unvermeidliche. das schlimmste was in Kombination mit Fahrrad und Regenjacke passieren kann: Die Regenjacke verhakt sich unter dem so geliebten Brooks Sattel und ich und das Fahrrad kippen stumpf gemeinsam um. Die Pedale schlägt hart gegen mein Schienbein, die Kinder rufen: “ Was ist, Mama?“ Und ich schreie durch den Regen zurück. „Nichts ist! Ich bin mit dem Rad umgekippt!“ Als ob die Teilnehmer da hinten im halbtrockenen etwas dafür könnten.

Auf der Grindelallee zieht sich eine Baustelle entlang und der Gehweg ist für mich mit Anhänger zu schmal berechnet. Auf einem Schild steht: Fahrradfahrer bitte neue Radspur benutzen! Wäre ich nicht schon nass und das Handy auch, ich hätte sehr gerne ein Bild gemacht. Nirgendwo sonst parken so dicht aneinandergereiht die Autos wie auf der neu markierten Fahrradspur. Ich nehme doch den Gehweg und schiebe brav, werde aber trotzdem beschimpft.

Fahrradanhänger lassen sich echt beschissen anschließen. Egal wo man das Schloss montiert, es sind alles leicht abbaubare Teile. Das Schloss ließe sich also mit einem Klick entfernen. Mir fällt eh gerade auf das ich die externe Festplatte zuhause vergessen habe. Ich kämpfe mich zurück durch den Regen. Wenn ich weinen würde, würde es zumindest niemand sehen.

Seitdem die Kinder in zwei unterschiedlichen Vierteln in den Kindergarten gehen, habe ich das Gefühl fast zwei Stunden fürs Abholen zu brauchen. Ich fahre durch den Regen und hole Ida, ich versuche sie in den klammfeuchten Anhänger zu bekommen. Sie sitzt dort klaglos, aber unglücklich. Ich bin es auch. Zuhause wirft mich der Jetlag um. ich schlafe mehrmals für ein paar Sekunden ein, während ich auf dem Boden liege und spiele. Es ist kaum Essen im Haus. Wir streunen durch den regen zum einkaufen. Die Lust hält sich bei allen in Grenzen. Ich bin müde. Und ich fühle mich hier fremd und unzufrieden.

Und dann bringe ich euch ins Bett und finde euch undankbar. Ich baue euch ein Nest auf dem Sofa. Und lese euch vor. Ihr zeigt auf die Bilder, ihr lacht und denkt nach. Ihr erzählt mir was, was ihr denkt und entdeckt. Ich schlage das Buch zu und ihr schreit. Ich solle mehr lesen. Aber ich bin so müde. Ich rede leise aber es interessiert euch nicht. Ida will kuscheln, aber Emil drängt sie weg.

Ihr schreit und kreischt und kratzt. Sätze, die ich beginne, interessieren euch nicht. „Ich will eh lieber das Papa mich ins Bett bringt!“ schreit Emil. Ich atme tief durch. „Und ich will lieber bei Opa wohnen!“ schreit er hinterher. Undankbar, denke ich. Das Geschrei zerrt an meinen Nerven. Undankbar, ungerecht, zu laut, zu rücksichtslos. Und vier. Vier und zwei. Kommen aus einem anderen Land, von einem anderen Kontinent, leiden auch unter dem Jetlag. Merken, dass hier gerade alles wieder anders läuft. Und finden das doof.

Ja, Emil, wären nicht Oma und Opa als Hauptargument, ihr wäret gerne in Kanada geblieben. Ich auch. Aber wir haben hier auch ein Leben, das ziemlich schön ist. Wir müssen uns nur an den Regen gewöhnen. Und den Tagesablauf.

Ich weiß, dass du klein bist, dass du das nicht sagst um mich zu ärgern. Ich weiß, dass ihr müde seid. Und euch wünscht, dass zwei Menschen euch ins Bett bringen. Das ihr euch wünscht, den ganzen Tag draussen herumzurennen. Und euch eingesperrt fühlt. Aber ich bin auch müde. Und ungerecht. Und undankbar. Ich habe mit euch beiden etwas so wertvolles, so bezauberndes und bereicherndes bekommen. Und trotzdem sitze ich zwischen euch und heule. Weil ich nicht weiß, wie ich euch zufriedenstellen soll. Ich baue euch Nester und Kuschelplätze. Ich nehme euch mit in unser Bett. Aber Ida mag nicht in unserem Bett schlafen. Das mochte sie noch nie. Sie wollte immer allein sein. Sie will immer kuscheln, so lange sie will, und irgendwann kabbelt sie in ihr Bett. Wie eine Katze. Sie entscheidet über ihre Unabhängigkeit. Sie braucht Raum und Ruhe zum schlafen.

Ich würde euch so gerne ins Bett bringen wie vorher. So voller Ruhe und Liebe, mit ganz viel Geborgenheit und Zeit. Aber ich sitze zwischen euch und in der Küche verbrennt gerade das Essen. Ich rieche den Reis, der am Topfboden anschmort. Ich heule und öffne kurz das Fenster. Ihr schreit und kreischt weil ich das Zimmer verlassen habe. Ihr schreit und kreischt seit zwei Stunden. Ihr könnt nichts dafür. Aber ich kann nichts dafür, dass auch ich irgendwann nicht mehr kann.

„Morgen gehen wir wieder ganz lieb ins Bett, Mama, okay?“ Emil streichelt über meinen Arm.

Morgen mache ich es besser. Versprochen. Denke ich.

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11 thoughts

  1. Gern würde ich dich einfach mal in den Arm nehmen, einfach sagen leg dich hin ich mache das schon. Würde gern den Flöhen sagen“ Mama ist so müde wie ihr, wir lesen jetzt was und schlafen wir alle eine Runde. Nur geht es nicht. Es gibt diese Tage an denen der Abend nie kommt und das Schlafen schon gar nicht. Hinterher sitze ich in der Stube und mache mir selbst Vorwürfe, dabei war ich menschlich, habe meine Gefühle zugelassen, war machtlos und hätte gern ein Schneckenhaus. Die Kinder aber auch. Gut ist, dass diese Tage auch ein Ende haben, gut ist dass ein neuer Morgen kommt und gut ist auch dass wir uns trotzdem lieben, vielleicht auch, weil die Kinder wissen Mama ist nicht immer so und dass sie selber auch mal so sein dürfen und trotzdem geliebt. Ruh dich jetzt aus, es wird wieder schöner

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    1. Vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Ich hab mich so gefreut! Das einen das Muttersein so Nahe bringt, obwohl man sich nicht kennt. Das ist ein schönes Gefühl. Und auch, dass ehrliche Beiträge nicht auf negatives Feedback stossen.
      Ganz liebe Grüße,
      Miriam

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  2. Ja, es ist sehr schwierig zwei Kindern gleichzeitig gerecht zu werden. Das erfahre ich gerade auch und weiß daher, dass man manchmal einfach nur verzweifelt ist. Ich wünsche Dir viel Kraft! Sicher spielt es sich bald wieder ein.

    Liebe Grüße
    Nadine

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  3. Ich liebe Deinen Blog…weil ich mich darin so wiederfinde… So Tage kenn ich nur zu gut und das mit 3 Kindern, 4 Pferden, 2 Hunden Haus und Hof… Eben: Real Live! Und auch Kinder lernen aus solchen Tagen. Alles wird gut!
    P.S.: Ist der Reistopf schon wieder sauber?

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    1. Seid ihr auch zurück? Jetlag so rum ist aber ein bißchen angenehmer finde ich. Die ersten vier Tage in NY waren die Kinder immer morgens um drei wach. Was machst du denn um drei? man kann ja auch nicht Nachts um drei auf den Spielplatz gegenüber gehen. Seitdem wir hier sind schlafen sie immer zu lange. Das ist irgendwie angenehmer. Zumindest wenn man zur Arbeit gehen kann, wann man will 🙂
      Liebe Grüße!

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      1. Ja, wir sind schon seit 3 Wochen zurück und ich fand es so rum auch angenehmer. Wobei wir schon 2 Wochen gebraucht haben, bis wir alle wieder in der Spur waren. Nun sind die Kids wieder pünktlich um 6:30 Uhr wach 😉

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  4. Danke für diesen Eintrag. Ich fühle mit Dir, meine beiden sind auch 4 und 2 und Nr 3 ist auf dem Weg. Gerade ziehen wir um und uch könnte auch jeden Tag heulen, dass die Kinder quengeln undder Job nervt und der Rücken so schmerzt, dass ich nicht mehr vom Sofa hoch komme, wenn ich denn dort mal ankomme und dass ich so unbeweglich bin wegen des Bauches…ich fühl mich auch undankbar, aber manchmal muss das alles eben raus und dann ist es irgendwann auch wieder besser. Ich denke, wir wachsen irgendwie alle daran! Kopf hoch, Leidensgenossin!

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    1. Vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich kann so mit Dir mitfühlen, obwohl ich nicht schwanger bin 🙂 Das Gute ist, dass man weiß, dass irgendwann auch wieder anders kommt. Als Ida ein Jahr alt war hab ich mir gedacht, oh, ich muss unbedingt noch eins und am besten noch ein Kind haben. Alles war so einfach“! Und jetzt gerade denke ich, mein, Gott, ein drittes Kind würde ich jetzt überhaupt nicht schaffen. Und ich weiß, in ein paar Monaten sind sie wieder so pflegeleicht, dass man kaum noch weiß, worüber man sich beschwert hat.
      Liebe Grüße!
      Miriam

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  5. Denk dir immer „es ist nur eine Phase“! Sie wird wieder kommen, sie wir nicht nur dich ereilen.
    Selbst wenn die Kinder älter sind und eigentlich verstehen können, dass Mama doch mal nicht mehr kann… Genau dann kann es passieren, dass zB das Kind Übernachtungsbesuch hat und beide aufdrehen und kichern, wie man es nur von Mädchen erwartet. Sie lauter statt leiser werden und man sagt ‚Schatz, ich habe Kopfweh. Ihr seid letzte Nacht so lange kichernd wach gewesen, dass ich ebenfalls nicht schlafen konnte. Bitte seid etwas leiser‘. Man bekommt ein zuckersüßes Lächeln zurück und ein liebe gemeintes ‚Ja Mama‘. Nach 30 Minuten rufst du dein Kind und es sagt wieder ‚Ja Mama‘. Man räumt nebenbei die Spülmaschine aus, wieder ein – verschüttet Wasser, weil die Gläser nicht leer sind. Man will die Sachen vom Tisch räumen und haut die Schale mit den Pistazienschalen um – yeah. Man ist wütend auf sich selber, Tränen in den Augen und wieder dieses untypische laut Verhalten des Kindes… Man schimpft und wird lauter, ja schreit irgendwie auch… Der Übernachtungsbesuch wird abgeholt, das eigene Kind wird ruhiger und geht lesen…

    Es geht also nicht nur dir so. Jede Mama kommt mal in das Erlebnis… Aber immer dran denken ‚es ist nur eine Phase. Mal kurz mal länger, aber sie geht vorbei‘ (… kommt aber auch wieder)

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