Warum wir unserer Erziehung keinen Namen geben müssen

IMG_7220Ich bin nicht die perfekte Mama. Ich weiß nicht, ob ich je den Anspruch hatte. Ich glaube nicht. Ich bin einfach ich. Ich arbeite an mir. An meiner Geduld, meiner Gelassenheit, meinem Engagement. Ich versuche meinen Kindern vieles zu vermitteln. Vieles, was mir wichtig ist. Ich versuche, ihnen das Gefühl zu geben für sie da zu sein. Immer. Und egal was kommt. Im Grunde ist das genau das, was ich als Kind erfahren habe. Egal was kommt, meine Eltern sind immer für mich da.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Freundin darüber, dass man sein Kind guten Gewissens abgeben kann. Auch wenn es dann mal weint. So lange man weiß, dass man es in gute Hände gibt. Das klingt schlüssig. Aber ich kann das nicht. Ich weiß, dass meine Eltern mich egal wo und wann immer überall abgeholt haben wenn ich unglücklich war. Und als ich mit Anfang zwanzig alleine durch Marokko gereist bin, hat mein Vater mir beim Abschied gesagt: Egal was ist. Egal was es uns kostet. Wenn es dir nicht gut geht, hole ich dich ab.

Für mich ist das das Wichtigste, was ich meinen Kinder vermitteln will. Ich habe manchmal schlechte Laune und ich bin oft sehr ehrlich, wenn ich sage, dass ich keine Lust hab zu spielen. Denn ich habe tatsächlich keine Lust zu spielen. Ich verstelle mich nicht, nur um immer und jeden Tag meinen Kindern gerecht zu werden. Bedürfnisoreintierte Erziehung klingt für mich manchmal danach, als würde man seine eigenen Bedürfnisse vernachlässigen, um immer und ständig im Sinne der Kinder zu handeln. Mach ich nicht. Ich mag mich selber auch ganz gerne. Ich sage, wenn ich keine Lust zu spielen habe. Und wenn sie mich anstrengen, dann mach ich kein Geheimnis daraus, dass auch ich als Mutter mal genervt bin. Und schlechte Laune habe. Und Abends irgendwann möchte dass sie schlafen. Denn ich selber schlafe auch ganz gerne.

Ich bin fehlbar. Sehr sogar, Ich bin ein Mensch. Der zwei Kinder hat, eine Beziehung, eine Familie. Die ich liebe. Aber mich selber liebe ich auch.

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Es gibt Dinge, die mir wichtig sind. Und es stimmt, mein weicher Punkt sind ihre Tränen. Ich kann es nicht ertragen, wenn sie weinen. Es bricht mir das Herz. Es schmerzt in mir. Ich habe das große Bedürfnis meine Kinder zu schützen. Vor dem Gefühl einsam oder verlassen zu sein. Vor dem Gefühl, nicht für sie da zu sein. Ich bin für sie da. Immer. Koste es was es wolle.

Aber ich bin nicht immer gut gelaunt. Ich sitze manchmal im Kinderzimmer und lese und sage nur „hm“ und „oh, toll“ obwohl ich gar nicht hingucke. Gestern habe ich Ida auf der Galerie gehört. Sie wollte puzzeln, und rief ständig nach mir. Bis Emil neben sie getreten ist und ganz freundlich und sachlich konsternierte: „Mama spielt nicht gerne. Erwachsene spielen nicht so gern. Ich kann das mit dir puzzeln.“ Hab ich jetzt die kindliche Welt meiner Kinder zerstört? Diese Luftblase aus „Ich tue alles für dich“? Aber ich bin einfach nur ehrlich. Ich spiele nicht gerne. Ich mache es manchmal. Aber selten. Und eigentlich hat es für mich überhaupt keinen Stellenwert, ob meine Kinder glauben, dass Eltern unglaublich gerne über den Fußboden kriechen und Holzautos herum schieben. Viel wichtiger ist es mir, das sie spielen. Das sie oft und viel und ganz intensiv spielen. So sehr, dass es sie stört, wenn man sie zum Essen ruft. Sie spielen mit Holz und Steinen, mit Ästen, und Kastanien. Sie spielen im Wald und am See unten. Und ich erinnere mich gut an das Gefühl, diese Konzentration und Erfüllung, während man spielt. Wie in einer anderen Welt. Ich wünschte ich würde das noch fühlen können. Aber weil ich es nicht tue, erzwinge ich es nicht.IMG_7240

Ich habe viele eigene Interessen. Die ich liebe. Die mich erfüllen, so wie das Spielen die Kinder erfüllt. Ich lasse sie daran teilhaben. Ich nehme sie überall mit hin, wenn sie es möchten. Und ich lasse sie ziehen, wenn es sie nicht interessiert. Ich urteile nicht. Und ich erzwinge nichts. In diesem Haus muss es Platz geben für alle. Für alle Meinungen. Für alle Interessen und für alle Bedürfnisse. Nicht nur die der Kinder.

Wir suchen uns das, was uns liegt. Denn das können wir mit Hingabe weitertragen. Wir können das, was uns selbst fasziniert am autentischsten weitertragen. Wir können das, was uns selbst am Wichtigsten ist, am Besten in ihre Herzen pflanzen.

Aber wir dürfen uns nicht verstellen. Und nicht ständig das Gefühl haben, über uns hinaus zu wachsen, was die Liebe und Hingabe und Aufopferung für unsere Kinder betrifft. Denn wir sind alle wichtig. Und es wäre nicht die Realität, wenn wir die Kinder während ihrer Kindheit glaubhaft machen würden, dass das Leben sich nur um sie dreht. Sozialisation ist ehrlich. Und authentisch.

Jemand hat mir von einer Familie erzählt, deren Kinder immer nur auf dem Markt kaufen. Sie waren noch nie in einem Supermarkt. Wie romantisch, sagt sie. Wie weltfremd, denke ich.

Ich möchte nicht, dass meine Kinder so ungeduldig werden wie ich. Ich möchte nicht, dass sie so viel arbeiten werden wie ihr Vater. Ich möchte, dass sie den Mut finden, ihren eigenen Weg zu gehen. Das sie Misstände erkennen. Das sie der Gerechtigkeit einen hohen Stellenwert einräumen. Ja, im Grunde möchte ich, dass sie bessere Menschen werden als wir. Aber ich glaube, das geht nur, wenn sie die Welt so sehen wie sie ist. Und ihre Familie so erkennen, wie sie ist. Eine Familie, die aus Einzelpersonen besteht, die alle Bedürfnisse haben. Die alle Interessen haben, die nicht immer konform laufen mit denen der anderen. In der alle mal schlechte Laune haben dürfen. In der man Zeit für sich fordern darf. Und Unabhängigkeit erlernen kann. In der man lernt, sich aus der Langeweile selbst heraus zu helfen, und in der man lernt, dass man Rücksicht nehmen muss. In der man Liebe lernt und Vertrauen. Und das Gefühl, niemals allein zu sein. Niemals ungeliebt zu sein. Und dass dieses Gefühl auch noch gilt, wenn man sich streitet. Wenn man mal genervt voneinander ist. Dieses Gefühl trägt das ganze Konstrukt Familie. Es ist die Basis, auf der man lebt. Auf der jeder Einzelne lebt, und wir alle zusammen.

In dem wir unserer Erziehung einen Namen geben, wird sie nicht besser. Sie wird nur steifer. Sie will in eine Rolle gepresst werden. Wir glauben, weil jemand es niedergeschrieben hat, festigt es sich in unserem Kopf. Aber in unserem Kopf muss sich einzig und allein das festigen, was wir für richtig halten. Und wir können dieses Konstrukt ändern, ständig, weil auch wir uns ändern. Und unsere Kinder sich verändern. Niemand sagt uns, dass wir Erziehungskonzepte einhalten müssen. Manchmal glaube ich, je weniger wir über Erziehung lesen, desto mehr entscheiden wir aus dem Herzen heraus. Nicht, weil jemand anderes es für richtig hält. Nicht, weil alle um uns herum ihren Erziehungsstil in Fachtermini betten, Jesper Juul zitieren und vergessen, selber auszubrechen aus all dem Geschriebenen. Denn im Grund ist es unsere ganz eigene Theorie, die unsere Familie zusammen hält. Unsere Einzigartigkeit. Und unsere Chance uns eben nicht in eine Rolle schieben zu lassen. Sondern unsere eigene Rolle zu kreieren. Und aufzuhören, links und rechts zu gucken. Aufzuhören, uns zu vergleichen. Aufzuhören, an uns zu zweifeln, weil wir nicht perfekt sind. Wir sind perfekt. Jeden morgen wachen wir mit dem Gedanken auf, es perfekt zu machen. Und so wie wir es umsetzen wird es perfekt sein. Für uns. Für alle in der Familie. Und wenn wir am Abend mal merken, dass es gar nicht perfekt war. Dann wissen wir, dass wir es am nächsten Tag anders machen werden.

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8 thoughts

  1. Hallo,

    schon länger lese ich hier immer mal wieder mit, aber diesmal muss ich einfach einen Kommentar da lassen, weil ich mich so 100% in Deinem Text wiederfinde.
    Tolle – und wie ich finde, sagte – Worte!

    Monika

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    1. Vielen Dank! Ich freu mich, dass ich nicht die einzige bin, die so denkt, Ich fühle mich manchmal vom Perfektionismus der anderen erschlagen, Dabei geht es gar nicht darum perfekt zu sein. Man selbst sein reicht eigentlich ganz gut 🙂

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  2. Ausdrucken und Rahmen würde ich mir die Kernsätze deines Textes gern, zum Drüberlesen an den Tagen, an denen es schwierig ist und man unachtsam ist sich selbst gegenüber und sich dabei ertappt, wie man lieblos wird mit sich und den Kindern. Wenn der Ton schrill wird und man vergisst: Sie sind klein, es ist nicht persönlich, es ist an dir, deine innere Ruhe zu finden. Ich glaube, dass Erziehen Üben ist, keine Perfektion. Und ich weiß: Ich war noch nie so gut, wie seit ich Kinder habe. Das Üben führt also doch irgendwohin. Dass du deine Erfahrung teilst und mich dadurch oft spiegelst und zum Hinterfragen einlädst, dafür danke ich dir sehr.

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  3. So wahr. Dass ich mir nicht zu 100% bedürfnisorientierte Erziehung auf die Fahnen schreiben muss, nur weil es der Erziehungsansatz ist, der mich gerade am ehesten anspricht.
    Dass auch ich Bedürfnisse habe. Auch wir als Paar. Dass es auch eine Umwelt gibt mit Bedürfnissen oder eben Realitäten, innerhalb derer man sich nun mal bewegt und es deshalb halt auch den Kindern zeigen muss, das zu tun. Dass es wunderschön ist zu sehen, wie sie sich selbst genügen und miteinander spielen und kommunizieren, dass man nicht als Animateur gebraucht wird, sondern als Mama. Dass es ok ist, wenn sich Ansichten ändern, denn auch ich ändere mich, die Kinder ändern sich, alles ändert sich doch dauernd. Und dass es auch für mich das wichtigste ist, dass sie wissen, sie können immer, immer kommen und ich werde da sein, auch wenn ich sage, ich hab grad keine Zeit. Dass ich trotzdem da bin. Das ist auch meine einzige Erziehungsgrundregel. So wie im Lied „Zeugnistag“ von Reinhard Mey.

    Ich hab deinen Blog erst vor kurzem entdeckt und lese ihn so gern. 🙂

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  4. Vielen, vielen Dank! (Ich habe im übrigen gestern zwei Stunden im Kinderzimmer auf dem Boden gelegen und mitgespielt. Aber es war ein ganz umerzwungenes mitspielen. Es hat sich in dem Moment richtig angefühlt. Und mich nicht genervt. Und dann ist es auch richtig. Genauso wie es richtig ist, mal nein zum spielen zu sagen). Liebe Grüße!

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  5. Danke. Wie so oft, sprichst du mir aus der Seele. Ich spiele auch nicht gerne. Gesellschaftsspiele. Aber ich rutsche nicht gern über den Boden und mache mich zum Affen. Und ansonsten ja, 100% Recht hast du. Liebe Grüße Tanja

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