Was wäre wenn

Was wäre, wenn wir hier leben könnten? Was wäre, wenn das unser Zuhause wäre? Ich denke viel darüber nach, wie es wäre, ein ganzes Jahr hier zu verbringen. Alle Jahreszeiten zu erfahren, jede Widrigkeit zu kennen und zu meistern. Wie es wäre, im Winter für Feuer zu sorgen, im Sommer den gefährlichen „black flies“ zu entfliehen. Gehasste, schwarze Fliegen die kleine Stücke aus der Haut beißen.

Wie es wäre, wenn die Bären im Frühling hungrig erwachen. Die Kinder auf dem Eis laufen zu sehen. Abgeschnitten zu sein, von der Zivilisation.

IMG_6542Wir haben nur dieses eine Leben. Es ist zu kurz um im alltäglichen zu ertrinken. Es lechzt nach Erfahrungen und Abenteuer. Es möchte gelebt und erlebt werden. Aber wir werden ennoch zurück kehren. Wir sind an so vieles gebunden. Einiges könnten wir entbehren, anderes nicht.

Aber noch sind wir hier. Alleine. Ann ist in Kingston geblieben. Wir haben ein Wochenende in der Stadt verbracht und die Familie getroffen. Ein großer Tisch mit duftendem Curry, Kinder, die sich noch nie gesehen haben und dennoch verbunden fühlen. Ann hat das sehr gut auf den Punkt gebracht, als sie am Ende sagte: Wir sind Verwandte, die man sich auch als Freunde aussuchen würde.

Jetzt ist es so still hier. Die Hunde sind in der Stadt geblieben. Der See liegt im leichten Nebel des Nieselregens. Die Kinder spielen oben auf der Galerie. Ständig poltert etwas auf den Holzfußboden. Sie bewegen sich ganz selbstverständlich in diesem Haus. Und um das Haus herum.

Bis zum Dock am See ist es ein Stück zu laufen. Steile Treppen, dann ein holpriger Weg, der sich den Hand herunter schlängelt. Am Ende ein Stück durch den Wald am See entlang, bis man die Lichtung erreicht. Emil war es wichtig diesen Weg alleine zu gehen. Es war, wie eine selbst auferlegte Prüfung. Er wollte sich selber beweisen, dass er es alleine schafft. Das er sich nicht fürchtet, wenn niemand vor oder hinter ihm ist. Wir haben ihn ziehen lassen. Immer wieder. IMG_6481

Auch Ida findet sich alleine zurecht. Sie sitzt im Wald und spielt mit Eicheln. So lange wir in Rufweite sind bewegt sie sich völlig autark. Sie buddelt mit einer kleinen Schaufel im Waldboden.

Was nehmen wir unseren Kindern, wenn wir in der Stadt leben? Aber was geben wir ihnen, was sie hier nicht bekommen? Wir nehmen ihnen ein Stück Freiheit. Aber wir geben ihnen einen Weg zur Kultur. Die Welt muss unser Garten sein. Die Welt bietet so vieles an Vielfalt, dass wir sie ergreifen müssen. Ich würde mich beengt fühlen, häte ich das Haus mit Garten in den Randgebieten Hamburgs. Das wäre nicht die Freiheit nach der ich mich sehne. Im Kopf wäre ich nicht frei.

Hier bin ich frei. Aber ich weiß, dass mich dennoch diese Sehnsucht erfüllen wird in die Stadt zurück zu kehren. Das ich den Geruch vom Theater vermisse, kleine Buchläden mit Büchern bis unter die Decke, Kunst – überall. Das urbane, das Gefühl, dass sich um mich herum etwas bewegt. Ich möchte immer beides, und kann es doch nicht haben. Aber ich kann es vereinen. So wie hier. Ich kann meinen Kindern die Freiheit geben, die über den Gartenzaun hinaus geht. Sie wirklich laufen lassen.

Ida und ich suchen Tannenzapfen. Das Harz klebt an unseren Fingern und später in unseren Haaren. Wir duften danach. Ich würde es am liebsten für immer an mir behalten. Emil fällt Bäume. Hier darf man alles. Und kann man alles. Hier ist niemand, der aufforstet, niemand, der vor uns bereits Bäume markiert hat, für Ordnung sorgt. Hier sorgt die Natur für ihre eigene Ordnung. Und die toten Bäume stehen noch kahl neben den Lebenden. Und warten nur darauf, von Emil gefällt zu werden. Er schiebt und tritt. Er gibt nicht auf, bis die Bäume sich neigen und mal mehr mal weniger krachend ins Unterholz fallen. Er ist stolz. Die Kinder entwickeln sehr viel Stolz in dieser Zeit. Es macht sie stark. Dinge zu erfahren, die sie können. Bäume fällen, weit hinaus schwimmen, alleine rudern, alleine durch den Wald gehen, Feuer machen, schnitzen, sich um die Hunde kümmern.

Emil führt eine Liste mit den Dingen, die er gelernt hat, seitdem wir hier sind. Fast alle haben mit Wald zu tun, mit Feuer und Tieren und Pflanzen. Er weiß, wie man die Krebse am Ufer findet, das man ganz leise auf den Steg gehen muss, wenn man die Fische beobachten will, dass man laut singen muss, wenn ein Bär in der Nähe ist, das man ein Tipi- oder ein Blockhausfeuer machen kann.

Ich frage mich, was ich gelernt habe? Dinge über mich selbst. Ich habe gelernt, wie gerne ich Kanu fahre. Ich hatte das vergessen. Ich habe es Jahre nicht getan. Und nicht mehr für wichtig empfunden.

Ich bin ein Landkind. Ich bin in den Wald gegangen, bis meine Eltern gepfiffen haben. Ich habe Baumhäuser aus dicken Ästen gebaut, ich konnte Kanu fahren und schnitzen. Ich war frei. In dem Reetdachhaus, in dem auch meine Kinder sich noch Zuhause fühlen. Direkt am Wald und am See. Mit Katzen vor dem Kamin.

Irgendwann werden wir abreisen. Die Kinder bedauern das. Sie wollen am Blue Lake bleiben. Das einzige was sie bedauern ist die Entfernung zu Oma und Opa. Das einzige Argument für sie, nach Hause zurück zu kehren. Aber noch sitzen sie Abends auf dem Sofa und sehen auf den See hinaus. Sehen, wie die Sonne den Wald gegenüber in warmes Licht hüllt. Und dann die Finsternis kommt. Manchmal schneller als man denkt.

Wir essen am Lagerfeuer. Die Kinder machen Stockbrot. Aber wenn die Dunkelheit kommt zieht es sie ins Haus. Wir unterbinden das nicht. Denn Angst schützt sie. Auch später. Wer keine Angst kennt, geht viele Risiken ein. Sie sollen lernen, dass Angst wichtig ist, aber dass sie nicht die Überhand gewinnen darf.

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Das Wetter ist nicht auf unserer Seite. Wir kämpfen mit dem Solar. Die Sonne zeigt sich kaum. Tagsüber versuchen wir gar keinen Strom zu verbrauchen, damit wir Nachts im Notfall nicht im stockfinsteren sitzen. Die Kinder streunen trotzdem durch den Wald.

Unten, am Frogsville, suchen sie nach Krebsen. Sie verstecken sich unter den Steinen im flachen Wasser. Ein einsamer Liegestuhl steht hier zwischen den Bäumen. Manchmal zieht Ann sich hierher zurück, wenn das Haus voller Kinder ist. Einsam ist es hier. Und ganz still.

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