Scherben, die die Welt bedeuten

IMG_6002Am Ontario See erwartet uns ein ziemlich kalter Wind. Vom Balkon im 12. Stock aus sehen wir direkt auf das aufgewühlte Wasser. Die Kinder befinden sich im gleichen körperlichen Status wie die Hunde. Die letzte Woche waren sie nur frei und jetzt bewegen sie sich auf 80 Quadratmetern wie unruhige Tiger im Käfig. Ihre kleinen körper sind rastlos, wühlend und unausgeglichen. Wir gehen ans Wasser hinunter, obwohl uns der kalte Wind um die Ohren bläst.

Am Ufer finden wir einen flachen Zugang der voller weisser Steine ist. Große und kleine und ganz rund abgeschliffene. Manche sind flach wie Papier. Sie fassen sich sehr schön an. Sie liegen warm in der Hand, obwohl auch sie seit Stunden und Tagen in dem kalten Wind und Wasser des Ontario See liegen. Emil und Ida finden die wahren Schätze zwischen den weißen Steinen. Abgeschliffene zerbrochene Fliesen. Manche nur Fingernagelgross. In Pastallfarben, grün, gelb und rosa. Ihre scharfen Kanten haben sie längst verloren, und sie verschwinden wie wertvolle, kleine Schätze in den Taschen ihrer Jacken

Als wir nach zwei Tagen in Kingston zurück in die Wildnis kommen, hat nur Emil seine Scherben dabei. Ida hatte ihre feinsäuberlich in Anns Wohnung auf einem kleinen Glastisch ausgebreitet. Und dort liegen lassen, bis wir zurück kehren. Jetzt hortet Emil seine Scherben wie seinen Augapfel. Er lässt sie nicht aus den Augen und steckt sie vor jedem Ausflug alle in die Taschen seiner Jacke. IMG_6634

Ann hat oben auf der Galerie des Hauses ein Sammelsurium an Spielsachen. Ein liebevoll eingerichtetes Puppenhaus aus Holz, Autos, Puzzle. Wenn das Wetter schlecht ist, oder am Abend die Dunkelheit hereinbricht ziehen die Kinder sich hierhin zurück. Aber das alles spielt keine Rolle. Im Moment dreht sich alles nur um die Scherben. Die nur einem gehören. Und diese Ungerechtigkeit bringt uns Eltern gerade in den Wahnsinn.

Von den Besitzverhältnissen ist es klar: es sind Emils Scherben. Er kennt jede ganz genau und merkt sofort, wenn eine fehlt. Genauso klar ist, dass Emil seinen Besitz verteidigen darf. Weniger erstrebenswert empfinden wir es, den Besitz ständig wieder vorzuführen, um Ida immer wieder darauf aufmerksam zu machen, das ER noch Scherben hat, während IHRE Scherben ihr Dasein in Kingston fristen.

Der Tag beginnt mit Geschrei, nur wegen der bunten Scherben. Das geht über Stunden. Emil gibt nicht eine einzige ab. Ida kreischt, schreit, kratzt. Sie zerrt an seiner Jacke. Emil lacht sie erst aus, dann schreit er zurück. Ich koche Kaffee und versuche nicht durchzudrehen.

Nach dem Frühstück fahren Paul und ich mit dem Boot rüber auf die Seite der Indianer. Die Scherben nimmt er mit. Natürlich nicht, ohne Ida zu zeigen, dass er jede einzelne einpackt. Ida schreit und kreischt und heult. Emil weigert sich, auch nur eine einzige Scherbe da zu lassen. Ich suche nach meiner inneren Ruhe. Sonst drehe ich gleich mal durch.

Nach einer Stunde machen Ida und ich uns auf den Weg runter zum Wasser. Wir nehmen Obst mit und setzen uns auf den Steg. In der Ferne sieht man das sich nahende Boot. „Idaaaaa!“ ruft Emil über den See. „Emiiiiiil!“ ruft ida zurück. Sie winkt. „Ida,“ sagt Emil, als sie endlich den Steg erreichen. „Wir waren bis zu den Inukshuk. Ich wollte dir einen Stein suchen, aber sie waren alle zu groß.“ Ida nickt. Die beiden erklimmen nebeneinander des Weg hinauf zum Haus. Jede Baumwurzel, jeder kleine Felsen ist für sie wie ein schier unüberwindbares Hindernis. Beiden ist es wichtig, die Strecke alleine zu meistern. Als sie oben angekommen sind, sehe ich sie beide im TIPI verschwinden. „Du, Ida,“ beginnt Emil. Die beiden sitzen sich im Schneidersitz gegenüber. „Ich kann dir die grüne und die gelbe Scherbe schenken. Die beiden, die du am liebsten magst.“ Er kramt in seiner Tasche und reicht sie ihr. „Alle ich?“ fragt ida ungläubig. Emil nickt. „Ja, alle für dich.“ Sie steckt die beiden Scherben sorgsam in ihre Tasche. IMG_6379

Es ist so viel einfacher die Kinder machen zu lassen, als sich einzumischen. Sie finden Lösungen. Früher oder später. Und bessere als die, zu denen wir sie zwingen würden. Man muss nicht teilen. Nicht immer. Nicht das, was einem wichtig ist. Nur dann, wenn es von einem selber kommt. Dann ist es ein wirkliches Geschenk. Sonst ist es nur eine erzwungene Geste. Ich teile die gute Schweizer Schokolade hier in der Ferne ja auch nur mit denen, die ich wirklich mag.

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