Wieviel Spielzeug braucht die Welt?

IMG_4399Manchmal denke ich, wenn ich könnte, würde ich einfach hier bleiben. Würde sehen, wie die Blätter fallen und der erste Schnee fällt. Hier, vor diesen großen Fenstern, mit dem Blick auf den See. Paul lacht über mich, weil ich jeden morgen den selben Blick auf den See fotografiere. Jeden morgen wieder bin ich so fasziniert. So beeindruckt und berührt. Und jeden Tag sieht er anders aus. 365 Tage im Jahr spiegelt die Sonne sich anders auf der glatten Fläche. Hat das Wasser eine andere Farbe. Biegen die Bäume sich anders im Wind. Nächstes mal, sagt Paul, kommen wir im Sommer wieder. Wenn das Haus voller Kinder ist. Und der See noch richtig warm.

Aber ich liebe den Herbst. Ich liebe es durch den Wald zu gehen in dicken Wollsachen, und Abends am Ofen zu sitzen. Ich liebe das Licht und die Farben und die omnipräsente Sonne hier. Der Herbst wird nicht begleitet von Regen und trüben Tagen. Er ist hell und bunt.

Einen Tag sind wir bis zum nächsten See gefahren. Zu Fuß zu weit. Anns nächsten Nachbarn leben kilometer weit entfernt. An dem See liegen mehrere Cottages. Der See ist dunkler, geht flacher hinein mit weichem Sand zu den Füßen. Aber er vermittelt nicht den selben Charme wie der Blue Lake, dieses klare, tiefe Wasser das seinen Namen zu unrecht erhalten hat. Türkis ist es. Aber nie blau.

An den Cottages waren kleine Holzhäuser ans Wasser gebaut, für die Kinder. Links und rechts eine Schaukel, eine Rutsche, ein kleines buntes Plastikhaus, in das man hinein und hinaus gehen konnte. Sandspielzeug das am Ufer lag.

„Meine Sommer sind voller Kinder,“ sagt Ann. „Aber ich werde ihnen niemals so etwas an den See bauen. Weil sie es nicht brauchen. Weil sie den ganzen Tag mit dem spielen, was der See und der Wald ihnen bietet.“IMG_6801

Und ich sitze am Dock und sehe Emil und Ida zu. Ganz vorsichtig haben sie einen Krebs gefangen und in eine Kiste ins flache Wasser gesetzt. Sie beobachten ihn lange. Manchmal stupsen sie ihn zaghaft mit einem dünnen Ast an.

Am Abend packen sie all die Steine aus den Taschen ihrer Jacken und Hosen und breiten sie auf dem Holzboden aus. Sie staunen, vergleichen, schieben sie hin und her. Emil baut ein kleines Inukshuk. Das sind die Wegweiser, die die Indianer an die Ufer bauen. Mit Paul hat er bereits drei große Inukshuk ans Dock gebaut. Sie zeigen alle in unterschiedliche Richtungen. „Irreführende Inukshuk,“ haben wir sie genannt.

Wir haben sie nicht ermutigt mit dem Holz vor der Tür zu spielen, wir haben sie nicht ermutigt Blätter zu suchen, Eicheln und Tannenzapfen. Wir haben sie nicht ermutigt in den Büschen verstecken zu spielen, mit den Hunden über den weichen Waldboden zu rennen, Wasser zu schöpfen. Wir haben sie nicht ermutigt zu sinnieren, zu sehen, zu beobachten. Sie haben es einfach gemacht. Und manchmal sitzen sie ganz schweigsam nebeneinander am Ende des Docks und sehen aufs Wasser hinaus. Sie haben gelernt Zeit zu schätzen, sie haben gelernt einfach nur dazusitzen. Still zu sein. Manchmal sitzen sie lange vorne im Boot und lassen sich über das ruhige Wasser rudern. Sie lassen Dinge auf sich wirken. Etwas, das in der Stadt so häufig zu kurz kommt.

Manchmal spielen sie Hokey mit dem Ball, den wir auf der Fahrt nach Ithaca im gebüsch gefunden haben. Als Schläger benutzen sie lange Äste. Emil sitzt lange vorne auf den Stufen zur Veranda und schnitzt.

Was Kinder wirklich wollen merkt man erst, wenn sie frei sind. Merkt man erst, wenn sie nicht gleich in den Händen halten, was wir ihnen reichen. Merkt man, wenn sie Dinge alleine entscheiden. Sich suchen. Seitdem wir hier sind, empfinden sie Bedürfnisse viel intensiver. Sie merken, wann sie Zuneigung, Liebe und Nähe brauchen, aber auch wann sie Freiheiten brauchen. Sie merken, wieviel sie alleine können. Weil wir sie lassen. Und wir lassen sie Dinge ausprobieren. Wenn Emil sagt, er will nicht auf dem Weg zurück zum Haus gehen sondern hinter den Hunden her durchs Unterholz, dann muss und soll er es versuchen. Er muss es selbst erfahren wo seine Grenzen sind. Und auch, dass diese sich verändern. Wir sagen ihm einmal, er soll nicht auf den alten Baumstämmen so herumalbern. Aber dann lassen wir ihn fallen. Und er fällt und steht mit einer kindlichen Würde wieder auf. Er ist auf eigene Verantwortung gefallen. Und weiß, dass er keinm außer sich selbst die Schuld daran geben kann. Und wir sehen, er klettert wieder herauf. Und diesmal fällt er nicht.

Sie haben aufgeschürfte Knie, und sie sind übersät mit blauen Flecken. Aber sie weinen nicht. Sie probieren sich selbst aus und fallen. Und sie stehen wieder auf.

Advertisements

2 thoughts

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s