In dieser Welt ist alles anders

IMG_4046Emil rudert vehement in die falsche Richtung, aber er rudert. Gut ist das Wetter nicht, wir warten auf den Regen, aber noch ist das Wasser glatt und wir gleiten mit dem Boot auf die Insel zu. Die Hunde laufen am Ufer lang. Manchmal tauchen sie zwischen den Bäumen auf, rennen spritzend ins Wasser, bellen und verschwinden wieder. „Lando! Mika!“ rufen die Kinder und die Hunde wedeln mit den schwarzen Schwänzen.

Oben am Hang zwischen den dichten Fichten sieht man noch das hellblaue Holz des Cottages. Ich habe ein bißchen Angst um Emils Paddel und hoffe, dass er es nicht im Wasser versenkt. Ida füllt Wasser in einen kleinen Eimer vom Boot aus, nur um es danach mit einer heiden Freude wieder raus zu kippen. „Kippen!“ ruft sie und juchzt.

In dieser Welt hier ist alles anders. Langsamer und zarter, aber wenn das Wetter umschlägt auch härter. Hier ist es ursprünglich. Und frei. Hier hat Zeit einen anderen Wert und Besitz eine andere Wertigkeit. Hier spielt es keine Rolle wer du bist und was du hast. Was du trägst und nach außen darstellst. Hier sieht dich keiner, aber die Welt will hier gesehen werden. Ob ein Mensch sich hier niederlässt oder nicht, ist dem See egal und dem Wald und den Bären, dessen frische Spuren Emil im Matsch entdeckt. Aufmerksam ist er wie ein Pflitzebogen. Immer auf der Suche nach Spuren und Schneckenhäusern, nach Ästen zum schnitzen und Tannenzapfen die wir brauchen, um Abends das Feuer in Gang zu kriegen.

Wenn du merkst, dass sich niemand dafür interesiert, was du machst und tust und bist, welche Kleidung du trägst und wie deine Haare sich zeigen, dann bist du frei. Und tatsächlich so wie du bist. Und der Regen beginnt ganz sacht, die Tropfen wie Sprühnebel, der Himmer bedeckt, die Kinder geschützt in ihren Kapuzenjacken, und Tante Ann zieht sich aus und springt nackt in den See. Aus dem Boot heraus. Am Ufer hat sie uns wieder eingeholt. Die Natur ist ihr Zuhause.

IMG_4164Wir wollen unseren Kindern diese Ursprünglichkeit nahe bringen. Wir lassen sie laufen. Bei Sonne und Regen. Wir stecken ihre gesammelten Funde in unsere Taschen und singen laut, wenn wir denken, dass die Bären in der Nähe sein könnten. Wir lehren sie zu rudern, zu klettern, zu schnitzen. Und eine Welt ohne Konsum, ohne Fernsehen, Computer, Internet oder Telefon. Da der Generator läuft, zur Zeit auch eine Welt ohne fließendes Wasser. Eine Welt, in der das Feuer für Wärme sorgt. In der Bücher eine große Rolle spielen an Tagen wie diesen, wo ab Mittags nur noch der Regen gegen die hohen Scheiben schlägt. Eine Welt, in der die Hunde sowohl Freund als auch Beschützer sind.

Aber wir zeigen ihnen auch eine Welt der Gegensätze. Eine Gesellschaft, die sich entwickelt hat, von hier in der Wildnis bis hin nach New York. Eine Welt, die der Mensch sich geschaffen hat. Und die wir hinterfragen können. Von der wir lernen können. Die uns Gutes und Schlechtes gebracht hat. Wir zeigen ihnen, dass es so und anders geht. Und das jeder von uns die Chance hat, sich einen eigenen Weg zu suchen. Und das immer wieder neu.

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