Five years

Lieber Paul,

ich weiß nicht, ob das Glück sich potenziert, wenn man vorher lange verzichtet hat. Ich war immer das „Mädchen ohne Freund“. Ja, auf Familienfeiern wurde für mich immer ein Platz reserviert und für meine Oma. Aber die hatte irgendwann einen neuen Partner und ich blieb die einzige, die alleine kam. Wer alleine ist lernt eine Menge über sich selbst. Ich habe viel über mich gelernt und möchte nichts davon heute missen. Manchmal frage ich mich, was wäre, wenn ich mit meiner ersten großen Liebe zusammen geblieben wäre. Und es erschreckt mich, denn ich weiß, ich hätte mein Studium beendet, wäre Lehrerin geworden, würde in einem Vorort leben, hätte nie oder zu spät in Frage gestellt, ob es das ist, was ich wirklich möchte.

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Paul und ich, New York, 2009

Ich wollte das nicht. Und hatte Zeit Dinge für mich zu erkennen. Als ich Dich traf, Paul, war ich längst wirklich ich-selbst geworden. Hatte mich gefunden und meine Ziele. Wusste, was ich vom Leben wollte. Hatte die Freunde gefunden, die mich bereichern, inspirieren, weitertragen. Ich war jemand ganz eigenes. Ich habe mich nie über jemand anderen definiert. Ein guter Moment um einen Menschen wie dich zu treffen.

Liebe wächst – auch unsere – und auch, obwohl uns das absurd erscheinen mag. Kann etwas so inniges noch inniger werden? Kann etwas so Gutes noch besser werden?

Du brichst unser Leben immer wieder auf, strukturierst es neu, sorgst ungewollt dafür, dass wir keinen Alltag kennen. Du bist so voller Hingabe für Deinen Beruf, so passioniert und voller Energie. Du kämpfst und leidest, du versuchst immer den Weg zwischen den zwei Welten zu finden. Manchmal murmelst du Abends: Eine ganze Intensivstation betreuen stresst mich weniger, als Emil und Ida ins Bett zu bringen.

Beziehungen müssen Veränderungen abfangen und sich in sich selbst organisieren. Sie müssen Freiräume haben, Aufgaben verteilen, und sich immer weiter entwickeln. Es muss nicht alles klar und ausgesprochen sein. Wege finden sich manchmal von alleine. Man muss ihnen auch Zeit lassen. Aber bei uns geht es um Hingabe, um Kunst, um Freiräume und Gemeinsamkeiten. Und um Unterstützung. Um Kraft, die man aufbringt, dem anderen das zu ermöglichen, was ihm wichtig ist. Und es geht um Emil und Ida. Immer. Es geht um so viel Liebe. So viel Aufmerksamkeit, Nähe, Geborgenheit. Es geht um uns als Familie. Um das, was uns zusammenhält. Beim Abendessen sagen wir, was uns am Tag am besten Gefallen hat. Und auch, was wir nicht mochten. Wir sagen auch, was wir uns wünschen. Gestern sagte Emil „Ich wünsche mir, das wir alle für immer zusammen bleiben.“

Lieber Paul, ich sehe dir immer nach, wenn du mit dem Rad los fährst. Und ich stehe so gerne am Fenster, wenn du zurück kommst. Ich sehe dir zu, wenn du schläfst, ich höre dir gerne zu, wenn du redest und ich mag dein ernstes Gesicht, wenn du mit der Klinik telefonierst. Früher habe ich manchmal auf dem Bett gelegen und gesagt: Paul, mach doch mal ein Arztgesicht! Aber du hast immer nur gelacht und gesagt: Das kann ich nicht auf Befehl.

Deine Tage bräuchten mehr als 24 Stunden. Du planst immer Tausend Dinge, die du noch erledigen willst. Tausend Städte, die du sehen willst, Ausstellungen, in die du gehen willst, Theaterinszenierungen, die du sehen willst, Bücher, die du lesen willst, Gewächshäuser, die du noch bauen willst und all die Dinge, die du den Kindern zeigen und beibringen willst.

Wir leben ein Leben voller Quality-Time. Weil wir nicht unbegrenzt Zeit zusammen haben. Weil du oft wieder gehst, lange weg bleibst, weil du häufig drei von vier Wochenenden in der Klinik verbringst. Weil oft dein Dienstdandy klingelt.

Lieber Paul, du eröffnest mir Welten und Möglichkeiten, gibst mir so viel Kraft meine Arbeit zu machen. Hängst Nachts noch Bilder in Ausstellungen auf, bewunderst alles was ich tue und sagst dennoch manchmal: Aber wenn ICH das sage, dann zählt das wohl nicht, oder?

Du verabschiedest Menschen in den Tod und hebst zwanzig Minuten später fröhlich unsere Kinder in die Höhe. Du versuchst immer allen gerecht zu werden. Manchmal klappt das nicht. Und das tut mir leid. Aber so ist das Leben. Wir können nicht immer alles richtig machen. Wir können nicht immer gute Laune haben. Wir können nicht immer zwischen den Welten hin- und herspringen ohne Spuren zu hinterlassen.

6 (4)Fast genau sechs Jahre ist es her, als wir zum ersten mal in New York waren. Jung waren wir, voller Tatendrang und uns so fremd. Kannten uns sechs Wochen. Waren mutig genug diese Reise zu tun. Neben jemandem aufzuwachen, den man kaum kennt und dennoch liebt. Von dem man nicht weiß, wie er diese Stadt wahrnehmen wird, wie er reist, was er gerne isst, wie er schläft und redet. Eine Reise, die uns sehr zu uns geführt hat.

Es ist egal, wohin wir reisen. Es ist egal, wohin uns das Leben treibt. Wir führen ganz unterschiedliche Leben und haben doch die gleichen Ziele. Wir teilen vieles und fangen uns auf.

Beziehungen wachsen mit den Kindern, sie werden inniger, aber auch zerbrechlicher. Es geht nicht mehr nur um uns sondern immer um uns vier. Wir versuchen, aus all der Liebe zu den Kindern Kraft zu ziehen.Wir bleiben nie stehen, wir bewegen uns immer weiter, wir beginnen ständig etwas neues, wir haben ständig neue Ziele, wir hören nie auf von Dingen zu träumen. Und wenn Träume zerplatzen haben wir ganz schnell neue.

Auf die Liebe gibt es keine Garantie. Aber es gibt Abertausend Möglichkeiten sie zu halten, zu genießen, am Leben zu erhalten und zu festigen. Das tun wir. Jeden Tag.

Heute sind wir 5 Jahre verheiratet. Und ich würde Dich jeden Tag wieder heiraten.

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3 thoughts

  1. Ich kann das was du schreibst so gut nachvollziehen.
    Ich war schon verliebt, habe ein Kind bekommen und geheiratet. Den Menschen verlassen, weil ich keine scheinheilige Ehe führen wollte. War wieder verliebt, aber auch das war nicht die Liebe.
    Habe meinen Sohn alleine aufgezogen, denn Papa Wochenenden zählen da nicht so ganz… Und nun ist der Papa nicht mal mehr da, einfach gestorben und ich muss nicht nur Mama sein, sondern auch irgendwie Papa.
    Aber vor vier Jahren lernte ich einen Mann kennen und seit zwei Jahren ist er mein Leben. Ich weiß jetzt, was es bedeutet zu lieben. Und es war genau die richtige Zeit, als wir zusammen kamen und noch nie war eine Zukunft so klar zu sehen. Ich liebe Köln, ich liebe diesen Mann und meinen Sohn natürlich auch. Für mich ist das alles perfekt 😁

    Ich verstehe deine Worte so gut! Es ist schön zu lesen wie glücklich du bist und ich finde ja auch die Ähnlichkeit zu deiner Mama und die Liebe zu deinen Kindern so ähnlich… Ich freue mich für dich, ja und auch für mich!

    Drück dich (du weißt wer ich bin, oder)

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