Es lebt sich ganz gut im hier und jetzt

Als Emil so alt war wie Ida heute, da war ich hochschwanger und lebte im dritten Stock eines Altbaus mit 22 Treppenstufen pro Stockwerk. Das weiß ich so genau, weil ich sie oft gezählt habe. Da habe ich Emil oft und vielleicht viel zu oft hochgetragen. Stockwerk für Stockwerk. Irgendwie am dicken Bauch vorbei. Als Emil so alt war wie Ida heute, da bin ich oft zwei mal die Treppen gegangen. Weil ich nicht Einkauf und Emil gleichzeitig hoch bekommen habe. Als Emil so alt war wie Ida heute, da bin ich noch täglich mit Fahrrad und Anhänger herum gefahren, hatte damals auch schon einen Mann der nicht so oft da war und habe bis zum Geburtstermin gearbeitet. Nicht weil ich es musste, sondern weil ich es konnte. Ich war nicht krank, ich war schwanger, und langsamer und müder. Aber jeder hat das akzeptiert und das ist ein gutes Gefühl um ich in der Gesellschaft weiter zu Recht zu finden – auch in der Arbeitswelt. Ich habe Emil oft mit dem Laufrad aus dem Kindergarten geholt und mich noch öfter mit Emil auf den Schultern und dem Laufrad unter dem Arm wiedergefunden. Wäre ich heute die Mama von damals, dann fände ich das alles sehr anstrengend. Damals fand ich das nicht.

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Als Ida geboren wurde sind wir direkt nach sechs Wochen in den Urlaub gefahren. Mit zwei kleinen Kindern und viel Gepäck, mit dem Auto und der Fähre. Mit einem Neugeborenen, von dem man nicht wusste, wie es schläft und Urlaube so findet. Das fand ich nicht anstrengend. Als wir zurück kamen habe ich unseren kompletten Umzug nahezu alleine organisiert. (man muss aber sagen, dass Paul dafür die Umbaumaßnahmen in der neuen Wohnung koordiniert hat und am Umzugstag selbst noch all das gestrichen, getragen und organisiert hat, was ich vergessen hatte….). Danach habe ich alles wieder ausgepackt. Manchmal hab ich Ida zwischen den ganzen Kisten nicht mehr gesehen. Ich habe Emil zum Kindergarten (der auf einmal nicht mehr 300 Meter sondern 4 km weit weg war) gebracht und abgeholt. Nachts nicht durchgeschlafen, und bei Wind, Wetter und nachher auch Schnee Ida bei Bedarf einfach rücklings auf dem Gehweg abgelegt, während ich Emil im Fahrradanhänger an- oder abgeschnallt habe oder den Einkauf schon mal bis zur Tür geschleppt habe. Müsste ich das heute tun, fände ich das anstrengend. Damals fand ich das nicht.

Als Ida laufen gelernt hat war Emil gerade drei. Mit drei hört man manchmal auf das was die Mutter sagt, und noch lieber hört man nicht. Ich bin ständig hinter zwei kleinen Menschen hergelaufen, habe ständig auf dem Spielplatz zwei Kinder irgendwo hoch und runterheben müssen. Es hatte ständig einer einen Wutanfall oder war wahlweise müde, hungrig oder bockig. Irgendwie fand ich das nicht so anstrengend. Weil ständig jemand gelacht oder gelächelt hat, weil ich bewundern konnte wie Ida laufen lernt. Wir sind nach Rom und Venedig geflogen, durch Polen und bis zur russischen Grenze gereist, haben bei Freunden in Mecklenburg gewohnt und mal gut, mal viel weniger gut geschlafen. Heute fände ich das anstrengend, damals fand ich das nicht.

Heute saß ich mit Emil und Ida auf dem Sportplatz beim Sommerfest. Ich habe Essen gekauft, dass sie auf Tellern selber bis zum Platz tragen wollten und währenddessen zwei mal zu Boden fiel. Sie haben  einen Saft ausgekippt, ich habe beim weit-werfen und schnell-laufen bei Emil zugesehen, um danach loszurennen um Ida vom Baseball Feld wieder einzufangen. Ich habe auf dem Rasen gewickelt (und das war echt nötig), habe getröstet als ein Ballon zerplatzt ist, habe Ida aus einer Pfütze gehoben, in der sie gerade wild barfuss herumplanschte. Ich hatte für zwei Stunden keine Ahnung mehr wo eigentlich unser Kinderwagen samt Tasche, Handy und Geld ist, aber auch nicht so Recht die Ruhe ihn zu suchen. Und währenddessen habe ich mein Leben von außen betrachtet und mir gesagt, man, heute ist es im Vergleich zu früher aber echt einfach mit den Kindern. Von neun Wochenenden hat Paul jetzt sieben gearbeitet, und ich sitze mit einem Kaffee am Rande eines Baseballfeldes und denke; oha, der arme Paul arbeitet und ich mach mir hier ein schönes Leben.

Weil es so ist. Wir sind dafür geschaffen uns fortzupflanzen. Die Natur hat das für uns vorgesehen, und deshalb ist das eine Aufgabe, der wir gewachsen sind. Wir können Kinder großziehen und immer genau das, was wir bewältigen müssen, das schaffen wir auch. Und manchmal kommt es uns sogar ein kleines bisschen zu einfach vor. Manchmal kommt es uns auch extrem schwer und anstrengend vor. Aber vielleicht liegt das auch ein wenig an uns selbst. Weil wir noch Tausend andere Dinge im Kopf haben, nach außen immer ach so perfekt sein wollen, glauben, unsere Kinder nonstop fördern zu müssen, oder beschäftigen zu wollen. Unsere Kinder denken so nicht.

Im hier und jetzt, da ist das Leben eigentlich ganz schön. Denn im Vergleich zu „früher“ wird vieles einfacher. Aber eines Tages vielleicht auch wieder schwieriger. Aber da sind wir noch nicht. Wir sind JETZT. Und jetzt wird manchmal zu wenig geschlafen und zu früh geweckt, da wird manchmal zu viel geschrien, wenn man das Essen auf dem falschen Teller serviert oder jemand die Treppe runter fällt, während man einem anderen jemand gerade die Hose zu macht. Aber im Grunde sind das Dinge, die wir bewältigen können. Vielleicht sieht unsere Wohnung dann gerade nicht so perfekt aus. Oder wir kommen zu Veranstaltungen manchmal zu spät. Vielleicht sind wir die, deren Kinder noch Tomatensauce auf den Shirts haben (Oder Ida auch gerne in den Haaren). die in unseren Augen manchmal ein bisschen zu oft vor einem stehen und „Arm!“ schreien, während man gerade die Wäsche aufhängen will. Aber dann ist das so. Dann hängen wir sie eben nicht auf.

Bevor ich Kinder hatte, da bin ich viel gereist, habe neben dem Studium noch gearbeitet, war hier und da aktiv, habe schon fotografiert und hatte viele Freunde. Aber ich weiß, ich war nicht im Ansatz so aktiv und so voller Kraft wie ich es heute bin. Man wächst mit seinen Aufgaben. Die Kraft, die Kinder einem geben, die muss man umsetzen. Denn wenn man müde ist, muss man aufstehen. Koste es was es wolle. Es gibt kein zurück. Aber dafür ein wunderbares hier und jetzt. Manchmal muss man das Glück nur zulassen. Dann schafft man mehr, als man anfangs dachte.

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