Warum ich vergessen habe meinem Bruder Geld zu überweisen

IMG_1314Meine Mutter hatte Geburtstag. Und mein älterer Bruder hat das Geschenk besorgt. Das allein zeichnet ihn aus, denn es gab ein Absprache Desaster unter uns Geschwistern, dass im Grunde darin bestand, dass niemand etwas absprach, obwohl meine Mutter einen ganz konkreten Wunsch hatte. Am Ende hat sich aber einer gekümmert, nämlich mein Bruder, und deshalb schulde ich ihm Geld. (Und Dankbarkeit!)

Da meine Brüder und ich weder im selben Ort noch im selben Bundesland leben schrieb er mir also eines Tages eine Mail mit seinen Kontodaten. Die Mail las ich im Büro. Da sitze ich tagsüber an meinem Schreibtisch und arbeite meine Fotoaufträge ab. Während ich das mache erreichen mich pro Tag ungefähr 60 Emails. Ich sage nicht, dass die alle relevant, oder spannend oder weltverbessernd seien, aber sie kommen. Und ich lese sie oder lösche sie und beantworte sie sogar hin und wieder. Manche verlinken mich auf etwas anderes. Manchmal notiere ich mir Termine, oder Anfragen, oder Telefonnummern. Und dazwischen, da war die Mail meines Bruders. Und da ich im Büro keinen Zugriff auf meine Online Banking Zugangsdaten habe, habe ich mir gesagt: Ach, mach ich Zuhause. Während ich das noch so denke, höre ich schon mit einem Ohr zu, was die Jungs von  Hydrophil sich so Neues erzählen, mit denen ich mir das Büro teile, und jemand fragt, ob er was zu essen holen soll und alle rufen vegan und nicht vegan und alles mögliche und die Mail, die ist längst in meinem Kopf nach ganz unten gerutscht.

Vom Büro steige ich auf mein Fahrrad und ach, Handy vergessen, aber das brauche ich ja, und dann wieder aufs Fahrrad und fahre zum Gemüseladen, sonst schaffe ich das nicht, dann fahre ich Ida abholen. Bei Idas Kindergarten merke ich mir, das sie neue Windeln und eine saubere Strumpfhose braucht. Und ich erfahre, dass sie in den nächsten Tagen einen Ausflug machen, und dann einen Rucksack brauchen und auch, was genau sich darin befinden muss. Das merke ich mir auch. Ich stecke Ida in den Anhänger und merke, dass wir noch Olivenöl brauchen. Und das ich einen Auftraggeber zurück rufen muss. Das mache ich, während ich versuche mit einem Arm Ida durch den Supermarkt zu schleppen. Bei Emils Kindergarten merke ich mir, dass er neue Hausschuhe braucht, das ich eine Einzugsermächtigung unterschreiben soll, ein Foto für den Geburtstagskalender ausdrucken muss. Ich denke daran Emils Kuscheltiger im Tobe-Raum zu suchen und Ida die Schuhe wieder anzuziehen, die sie in der Puppenecke versteckt hat. Ich denke daran Bescheid zu sagen, ob Emil am Folgetag zum Frühstück kommt oder nicht.

Zuhause denke ich daran das Auto für die USA zu mieten, online nachzusehen ob die Reisepässe jetzt da sind. Da der Computer von Paul abgestürzt ist, denke ich daran, dass wir die Flugtickets neu besorgen müssen. Ich denke daran das Essen mit einer Freundin abzusagen. Ich denke an einen Geburtstag (außergewöhnlich) und an Essen kochen, baden, Zähne putzen, Wäsche waschen, weil Emil unbedingt T-Shirt xy morgen anziehen möchte. Ich merke mir, dass wir neue Zahnpasta brauchen. Ich werde von einem Auftraggeber angerufen und denke daran, dass ich morgen Auftrag x noch per „we Transfer“ rausschicken muss. Grade schlafen alle Kinder da kommt Paul nach Hause. Wir buchen Hotels, obwohl wir müde sind. Wir versuchen die Steuererklärung zu retten, denn auch die war auf dem abgestürzten Computer, der seit zwei Wochen in der Reparatur ist. Ich merke mir, dass ich Hotel und Flugtickets morgen im Büro ausdrucken muss. Ich gehe ins Bett.

Am nächsten Tag denke ich daran, Emils Hausschuhe mitzunehmen, ich denke daran ihm eine Regenjacke einzupacken. Und folgende Dinge vor dem Kindergartenbeginn ins Auto zu räumen: Sandspielzeug, Ersatzkleidung, eine Decke, eine Box mit geschälten Äpfeln, einen Kindersitz für Greta. Ich gebe Emil ab und dann Ida. Ich habe an die Strumpfhose und die Windeln gedacht. Bei der Arbeit denke ich an „we Transfer“ und an ein Telefonat mit Avis. Ich bekomme 60 Mails. Ich höre Hydrophil zu. Ich bearbeite Fotos. Ich komme zu spät. Ich renne los und denke daran auch Greta noch abzuholen. Ich nehme drei Kinder  aus drei unterschiedlichen Kindergärten mit. Ich merke mir, dass ich von Gretas Erzieherin aufgetragen bekommen habe, Informationen an Gretas Mama weiterzugeben. Ich merke mir zwei Termine, die per Anruf kommen, während drei kleine Kinder um mich herum rennen. Am Abend merke ich mir, was ich Gretas Mama noch für Sachen für Jakob vererben kann.

Ich denke daran mich zu kümmern, wer eigentlich die Katze füttert während unserer Abwesenheit, und wie ich es schaffe, am Samstag meinen Auftrag einzuhalten, obwohl niemand die Kinder nehmen kann? Ich merke mir, dass ich mich Freitag früh mit Katinka von Nordkinder treffe und deshalb mit dem Rad direkt nach Kindergartenabgabe einmal durch die Stadt hetzen muss. Und von da aus noch mal durch die Stadt ins Büro, weil ich mir gemerkt habe, dass bei einem Auftrag vier Bilder fehlen und die müssen noch raus. Da bekomme ich 60 Mails.

Ich merke mir wirklich viel, aber nicht alles. Und manchmal habe ich das Gefühl, nur wenn man etwas vergisst, fällt es unglaublich auf. Alles was man am Tag so NICHT vergisst, bemerkt irgendwie nie jemand. So, Mama, jetzt weißt du, warum ich meinem Bruder immer noch nicht das Geld überwiesen hab.

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