The times, they are a changing

Ich halte deine Hand. Du hüpfst und springst. „Guck, wie dicht mein neuer Kindergarten ist!“ rufst du. Du bist so voller Tatendrang und Abenteuerlust. Und Vorfreude. Und ich so voller Fragen und Unsicherheiten. Klein ist er, der neue Kindergarten. 26 Kinder. Genau wie in deinem alten. Keine Gruppen. Alle gehören zusammen. „Wir sind wie eine Familie,“ hast du über deinen alten Kindergarten gesagt. “

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Du hast keine Vorbehalte und keine Ängste. Du hast noch nie wirklich erfahren nicht dazu zu gehören. Du bist damals mit zwei in den Kindergarten gekommen und wurdest aufgefangen. Jetzt bist du vier. Und du weißt nicht wie es ist nicht aufgefangen zu werden. Du kennst Sicherheit. Und die erwartest du.

Ich sehe dir zu, wie du deine Hausschuhe anziehst. Sie sind vorne kaputt. Hätte Ida kein Fieber gehabt, hätte ich dir ganz bestimmt zu deinem ersten Tag im neuen Kindergarten noch neue gekauft. Aber es ging nicht. Jetzt sehe ich auf die kleinen Zehen, von denen einer schon vorne heraus guckt. Und ich hoffe inständig, dass niemand über dich lacht. Nicht an deinem ersten Tag.

Du hast deinen Tiger dabei. Am letzten Tag hast du ihn aus dem alten Kindergarten mitgenommen. Er riecht noch nach den „Stadtnasen“. Aber die gibt es nicht mehr. Du lässt meine Hand nicht los.

Ich fühle mich eingesperrt weil es keinen Garten gibt. ich weiß, dass das keine Rolle spielt. Die Kinder gehen jeden Tag raus. Sommer wie Winter, Regen oder Schnee, sie gehen raus. Emil malt. Er sagt, er kann sogar schon ein Haus alleine malen. Die anderen Kinder interessiert das nicht.

Ein Junge sagt, seine Schwester sei krank. „Ich habe auch eine Schwester!“ ruft Emil stolz. Die anderen Kinder interessiert das nicht.

So sind Kinder, denke ich. Aber ich sehe nur Emil mit seinen kaputten Hausschuhen. Er weiß nicht so recht, wo er hingehen soll. Er geht mit einem anderen Jungen in die Bauecke. Aber der geht irgendwann wieder weg. Emil bleibt alleine sitzen,

Ich erinnere mich an Emils ersten Tage bei den „Stadtnasen“ damals. Das strengste Regiment, das dort herrschte, hat darauf gepocht, dass die Kinder füreinander da sein müssen. Das sie niemals jemals ausschließen dürfen. Das sie sich auffangen wie eine große Familie. Sie scharten sich um den kleinen Emil damals. Sie reichten ihm ihr kaum größeren Hände. „Komm, wir zeigen dir den Spielplatz!“ riefen sie. „Möchtest du mal die Kaulquappen sehen?“ Und sie halfen ihm die steile Treppe hoch. Sie fingen ihn an der Rutsche auf. Sie waren selbst erst drei und vier. Aber sie wussten, dass sie eine Aufgabe hatten. Ihre Aufgabe war es, Emil in diese kleinen Kindergartenfamilie aufzunehmen. Sie haben ihre Aufgabe sehr ernst genommen. Und sie haben auch nach Tagen nicht damit aufgehört. Bis Emil wirklich dazugehörte. IMG_4528

Die anderen Kinder im neuen Kindergarten schließen Emil auch nicht aus. Aber sie schließen ihn auch nicht ein. Und vielleicht ist das gut so. Er muss lernen sich seinen Platz selbst zu suchen. Er muss ein bisschen mutiger und offensiver werden. Er wird nicht dort abgeholt wo er steht. Er muss seine Schritte selber gehen. Nur mir tut es weh ihm dabei zuzusehen.

Beim Essen sitze ich nicht dabei. Die kleinen Stühle reichen nur für die kleinen Menschen. Emil kämpft mit den Tränen. Es gibt keine Blumen auf dem Tisch und keine Kerzen. Und ich versuche wirklich mich zusammen zu reissen. Ist es das, was einen guten Kindergarten ausmacht? Die Blumen und die Kerzen? Nein, ist es nicht. Die Kinder lachen. Ich muss aufhören zu vergleichen. Nach dem Essen gehen wir nach Hause. An Emil Fachs hängen Willkommensballons und er hat ein T-Shirt bekommen. Er platzt vor Stolz. „Morgen komme ich wieder!“ ruft er und hüpft nach Hause.

Am nächsten morgen lasse ich ihn direkt nach der Ankunft alleine losziehen. Ich setze mich ins Büro. Er weiß, dass ich noch da bin. „Ich hab neue Hausschuhe!“ ruft er. Die Kinder interessiert es nicht. Ich erinnere mich an einen „Spielzeugtag“ im alten Kindergarten. Emil hatte eine „Philip Lahm“ Fußballsammelkarte dabei. Es muss zur WM gewesen sein. „Was hast du mitgebracht?“ fragte sein Freund Lasse schon gleich bei der Ankunft. „Eine Philip Lahm Karte!“ rief Emil aufgeregt. „Wow!“ rief Lasse. „Zeig mal!“ Kurz darauf kam Lasse zu mir. „Weißt du,“ begann er. „Die Philip Lahm Karte die ist gar nicht so cool. Die hat fast jeder. Aber ich hab das gesagt, weil ich wusste, dass Emil sich dann freut!“ Liebe „Stadtnasen“, es gibt Euch nicht mehr, aber ihr habt den Kindern etwas ganz wertvolles mit auf den Weg gegeben.

Am dritten Tag bleibt Emil bereits allein da. Zwei Tage Eingewöhnung und wir sind fertig. Er weiß nicht, wie die anderen Kinder heißen. Wenn ich ihn frage wie es war sagt er „super!“ und wenn ich ihn frage, mit wem er gespielt hat sagt er „mit keinem“. Als ich ihn abhole ruft er „Meine Mama ist da! Ich bin abgeholt!“ Ein Kind geht an ihm vorbei und sagt: „Na und? Ist mir doch egal.“

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Emil Kindergartenabschied 2015

Ich schreibe ein letztes mal über die „Stadtnasen“ und ich sage Euch, ich danke Euch für Eure Liebe, Geduld und Euren positiven Einfluss. Ich danke Euch, dass ihr aus unseren Kindern so wunderbare kleine Menschen gemacht habt. So fair und rücksichtsvoll und gerecht. Ich danke Euch, für die frischen Blumen auf dem Tisch und die Kerzen. Dafür, dass ihr so oft in dem verwunschenen Garten gegessen habt.

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     Emil Kindergartenbeginn 2013

Ich werde vermissen, wie mir nie nur ein, sondern immer viele Kinder entgegen gerannt sind, die begeistert gerufen haben „Emil!! Deine Mama ist da! Du bist abgeholt!“ Und wie mir immer noch irgendjemand berichtet hat „Emil hat heute etwas ganz tolles gemalt!“ oder „Emil ist heute ganz allein bis zum Markt mit gelaufen!“

Ich werde den verwunschenen Garten vermissen, der Sommer wie Winter genutzt wurde. Ich werde die großen Räume vermissen, de kleinen Wintergarten, den Stuck und den Holzfußboden. Die Kindergartenfarben, die Fenster, an denen immer neu gebasteltes hing. Ich werde vermissen ihn anzuziehen auf dieser kleinen Bank an der Garderobe. Und ich werde die anderen Eltern vermissen. ich werde vermissen, wie die Kinder sich in die Arme fallen, wenn sie sich morgens sehen.

Ich werde vieles vermissen, aber genauso werde ich jetzt anfangen den neuen Kindergarten zu lieben. Es wird gut sein. Wir haben uns unter so vielen für diesen entschieden. Weil er uns richtig erschien. Und Emil geht jeden morgen begeistert dorthin. Obwohl er immer noch kein Kind mit Namen kennt. Er wird seinen Weg finden. ich hoffe nur, dass er die Eigenschaften, die er mitgegeben bekommen hat, wie Fairness, Rücksicht, Empathie und Hilfsbereitschaft nicht verlieren wird.

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5 thoughts

  1. Als wir vor drei Wochen Abschied von den Schulkindern in unserem Waldkindergarten gefeiert haben, haben alle Mamas geweint, auch die, deren Kinder noch gar nicht in die Schule gehen. Wir alle waren so dankbar und glücklich für all das Schöne und Gute in unserem wunderbaren Kindergarten, nicht auszudenken, müsste mein Mädchen den Kindergarten wechseln. Ich fühle mit dir…

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    1. Vielen Dank! Ich dachte früher auch, Kinder könne man ganz gut verpflanzen. Aber jetzt weiß ich, dass das nicht so einfach geht. Gestern saß Emil im Garten und meinte nachdenklich: Meine alten Freunde finde ich irgendwie netter und schöner. Das fand ich total bezeichnend, weil ich glaube schön hat dann gar nichts mit Äußerem zu tun. Ich hoffe er findet sich bald ganz gut zurecht. Wir haben im übrigen auch alle geheult. 🙂

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  2. Ach du. Ich hab Tränen in den Augen. Dein Emil macht das toll. Er wird sich da reinfinden. Und du auch. Ganz bestimmt. 🙂 bei uns ist es auch eine große Familie. Dabei sind es 40 Kinder. Hole ich meine Tochter ab, rufen schon die ersten im Chor xx ist abgeholt. Deine Mama ist da xx!!!

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  3. Solange er jeden Morgen gerne dort hingeht, ist alles gut. Viele Kleinigkeiten, die eine warme Atmosphäre ausmachen, fallen nur uns Mamas auf und solange er sich wohlfühlt wird er seinen Platz schon finden. Ich verstehe, dass dein Mamaherz blutet, das würde meins auch. Aber warte ab, er wird sich eingewöhnen und bald wird er dir alle Kinder mit Namen nennen können und dir von seinen neuen Spielkameraden erzählen :-).

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