Vom Wohnen zum Sinn des Lebens

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Es gibt zwei Arten von unseren Wohnträumen – wir leben dort, wo wir leben wollen oder wir leben dort, wo wir leben müssen. Das ist ein himmelweiter Unterschied und insbesondere während der zunehmenden Flüchtlingsströme und all den Schicksalen dahinter ein ganz aktuelles Thema. Aber auch hier, in diesem sicheren Land, ist es nur ein Teil der Menschen, die wirklich dort leben und leben können wo sie wollen. Das ist ein Privileg. Es ist von unserem Job abhängig, von unseren Finanzen, von unseren Verpflichtungen und Familien.

Wir alle träumen ein Leben lang vom perfekten Wohnen. Und das ist gut so. Denn auch wenn wir uns angekommen fühlen, dann ist es nie verkehrt von Veränderungen zu träumen. Auch von noch so kleinen. Ob es das größere Haus oder der eine alte Stuhl vom Flohmarkt ist, nach dem man noch sucht. Wir bauen unsere Nester und wir füllen sie mit dem, was uns wichtig ist. Mit materiallem und immateriellem. Wir füllen sie auch mit Träumen, Emotionen und Erinnerungen. Und Erwartungen. Wir sind nie ganz frei davon auch an das Morgen zu denken. Und mit Kindern hat dieser Gedanke ein ganz anderes Ausmaß. Wir denken an Sicherheit, aber wir denken auch im Stillen manchmal, wie ist es, wenn sie sechzehn sind und alleine weggehen? Wie werden sie sein und wie werden wir sein in ein paar Jahren? Und können wir das Glück halten? Wer werden wir als Paar sein?

Wir können umziehen und Heimat dennoch mitnehmen. Und wir können zurück kommen. Wir können uns Anfangs gar nicht weit genug weg von unserem Zuhause bewegen und kommen am Ende doch so häufig dorthin zurück. Wir ändern unsere Vorstellungen. Und das mehrmals im Leben. Aber wir suchen nach dem Gefühl der Geborgenheit. Wir sind nicht mehr die, die in einem Nest behütet werden, wir sind jetzt die Hüter der Nester. Wir verteidigen sie, wir versuchen es so kuschelig wie möglich zu gestalten. Wir sitzen in unseren Nestern und sind bereit, die nächsten Jahre alles abzufangen. Die Küken durch dick und dünn zu tragen. Wir sind da und warten auf alles was kommt. Bei manchem wissen wir nicht, ob wir dem gewachsen sind. Aber wir wachsen mit unseren Aufgaben.

Das Leben verteilt sich nicht gerecht auf alle. Paul erzählte mir vor ein paar Tagen von einem Mann, der alle vier erwachsenen Kinder unabhängig voneinander verloren hat. Wie kann das gerecht sein? Wie können Schicksalsschläge sich so auf einen Menschen ballen? Und was sollen wir daraus lernen?

Wir können das Glück nicht festhalten. So lange es da ist müssen wir es begreifen. Und ergreifen. Und aufhören nach immer Höherem zu streben, immer mehr zu tun und zu wollen. Im Grunde ist es egal was wir aus unserem Leben machen. Am Ende sind wir niemandem Rechenschaft schuldig. Nur uns selbst. Und wenn wir Kinder haben, dann ihnen gegenüber.

Kindern ist es egal, ob die Wohnung groß ist oder klein. Ob die Reisen weit gehen oder bis in den nächsten Park. Ob wir sie mit Spielzeug überhäufen oder nicht. Es spielt keine Rolle so lange wir da sind. Und das Beste draus machen. Für sie. So lange wir sie halten. Und beschützen. Und ihnen zuhören. So lange wir wahrnehmen was sie sagen. Und ihnen dabei zusehen was sie können. So lange sie unsere Nähe spüren. Und in unsere Betten kommen, auch wenn wir müde und genervt sind. Das sie uns halten auch wenn wir eigentlich los müssen.

Sie wollen uns beobachten und die Zeit dafür bekommen. Sie wollen das wir sehen was sie sehen. Und hören, was sie hören. Und begreifen, was sie denken.

Wir träumen ein Leben lang vom perfekten Leben. Und wenn wir das nicht täten, dann wären wir illusionslos und fantasielos. Das heißt nicht, dass das was wir haben nicht schon perfekt sein kann. Aber Träume tragen uns weiter.

Wir müssen uns bewusst machen, dass dieses eine Leben unsere Chance ist alles richtig zu machen. Denn eine zweite Chance bekommen wir nicht. Und wenn etwas schief läuft, dann müssen wir es gerade biegen. Und wenn uns etwas umhaut, dann müssen wir versuchen wieder aufzstehen. Wir haben nur ein gewisses Kontingent an Zeit. Und die sollten wir nutzen. Und einen Großteil davon verschenken – und zwar nicht an unsere Jobs.

Wir sollten versuchen alles umzusetzen, wovon wir träumen. Damit auch unsere Kinder lernen, dass es sich lohnt, seine Träume zu verwirklichen. Und das auch wir manchmal fallen – und gelernt haben wieder aufzustehen.

Und sie sollen lernen, dass Glück nichts mit Besitz zu tun hat. Nichts mit Größe oder mit finanziellen Werten. Sondern das Glück kommt, wenn wir es verschenken. Das wir Freude empfinden, wenn wir Freude verschenken. Das die Menschen zurück lächeln, wenn wir es tun. Das menschliches, soziales und faires Handeln uns glücklicher machen kann.

„Das Leben ist keine Generalprobe,“ würde mein Papa sagen. Und damit hat er verdammt Recht.

P.S.: Und dies sollte in den ersten Zeilen ein Beitrag zum Thema: Warum ich in der Stadt lebe, werden. Er hat sich dann aber verselbständig 🙂

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2 thoughts

  1. Danke danke danke für deine schönen Texte. So oft bringst du mich zum nachdenken oder ich finde meine verworrenen Gedanken geordneter in deinen Texten wieder 😉
    Du hast so recht. Dieses angekommen sein vs. weitere wünsche für die Zukunft haben treibt mich schon seit Geburt meines 2. Kindes um. Ist jetzt die beste Zeit meines Lebens? Muss ich noch mehr genießen, wahrnehmen, festhalten?
    Oder ist es ok sich an wünschen für die Zukunft festzuhalten…wenn sie erstmal durchschlafen…wenn sie erstmal alleine spielen…wenn wenn wenn…oder sehne ich mich später nach genau JETZT zurück??
    Ach, das ist wohl die übermüdete sinnphilosophie einer hormongefluteten stillmutter 🙂
    Viele liebe grüße von einer treuen Leserin!!

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    1. Oh, vielen Dank für Deinen schönen Kommentar!Ich kämpfe mich gerade durch die zweite Ferienwoche und hadere manchmal mit dem Genießen. Wenn man die Kinder jeden Tag 12 Stunden um sich hat, fällt es einem den ein oder anderen Moment auch schwer. Aber ich geniesse natürlich trotzdem. Nur eben nicht jede Minute 🙂

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