Zielorientierte Tätigkeiten

Es gibt für einen Tag immer zwei Varianten, die eine ist die, die ich mir vorgestellt habe, die andere ist die, die umgesetzt wird. An manchen Tagen läuft das ganz hervorragend. Das sind die, an denen ich keinen Plan habe, was wir machen. Tage, an denen das Wetter, die Laune, die Kreativität entscheidet. Tage, an denen ich nicht auf die Uhr gucke. Und mich tragen lasse von dem was kommt.

Andere Tage beginne ich mit dem (absurden) Gedanken ausgerechnet HEUTE eine zielorientierte Tätigkeit zu planen. Zum Beispiel vor ein paar Wochen, als zum ersten mal die Sonne schien.

In unserem Garten steht ein kleiner Kindertisch mit zwei Bänken. Winter, Schnee, Regen – alles hat dem Ganzen ein wenig zugesetzt. Das Holz ist rau und dunkel verfärbt. Im Keller stehen noch zwei Dosen mit Farbe. Ich meide den Keller, aber ich schaffe es, die Dosen heraus zu holen ohne von einer Riesenspinne angegriffen worden zu sein und trage sie durch die alte, grüne Tür nach draußen. Emil und Ida stehen bereit. Ich ziehe Kinder aus und mit alten Sachen wieder an. Emil findet das sinnvoll, Ida findet das glaube ich ziemlich unsinnig. Zumindest hat sie keine Lust. Ich hingegen bin voller Tatendrang. Ich verteile Pinsel. Natürlich will Emil den, den Ida bekommen hat. Ich versuche zu tauschen, aber Ida scheint den Wert ihres Pinsels jetzt ausschließlich daran zu messen, das er für Emil von Bedeutung ist und gibt ihn aus Protest nicht her. Ich gehe rein und suche einen anderen Pinsel.

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Ida pinselt im dreckigen Regenwasser in einem alten Blumentopf herum. Emil bekommt einen wunderbaren neuen Pinsel. Ruhe.

Ich versuche die Farbtöpfe zu öffnen, aber die waren schon mal auf und sind völlig verklebt. Ich suche einen Schraubenzieher oder so etwas und muss in die Höhle der Riesenspinnen zurück.

Beim Öffnen kippt ein bisschen Farbe auf die mit Unkraut umzogenen alten Steinfliesen. Das macht nichts. Ich stelle die Farbe ab und los geht es. Ida taucht ihren Pinsel bis zum Anschlag in die Farbe und malt auf die Steine. Och nö. „Auf den Tisch, Ida,“ erkläre ich. Emil pinselt auf den Tisch. Ich habe rot und weiß und schwarz und ich habe kein Problem damit, wenn die Farben beliebig durcheinander kommen. Es ist ja ihr Tisch und nicht meiner. Ida malt das Treppengeländer an. Ich ziehe sie weg und setze sie wieder an den Tisch. Sie fängt an mit der Lackfarbe ihre Haare zu bemalen.

Emil tritt aus Versehen gegen den offenen Farbtopf. Die Farbe läuft jetzt komplett über die alten Steinfliesen. Ida tritt mit den nackten Füßen rein und kreischt vor Vergnügen.

Nach einer halben Stunde muss ich Ida baden. Sonst ist wirklich Hopfen und Malz verloren. Darauf hat sie GAR keine Lust. Und die Farbe geht nahezu überhaupt nicht ab. Die Katze streicht um den frisch gestrichenen Tisch und ist jetzt auch rot. Ein Büschel weißes Fell hat sie aber ganz gut in der Tischkante verewigt. Aus der klebrigen Farbe bekomme ich das jetzt auch nicht mehr raus. Emil hat keine Lust mehr und will jetzt an dem frisch gestrichenen Tisch ein Picknick machen. „Das muss noch trocknen,“ sage ich. Emil stöhnt und ist sagenhaft genervt. „Aber dann hätten wir das Picknick doch vorher machen müssen,“ grummelt er. Hätte. Hätte.

Die Sache mit der „zielorientierten Tätigkeit“ sieht meistens nur in Filmen wirklich gut aus. Dazu zählen basteln, Kuchen backen oder eben Gartentische anstreichen. Manchmal sehe ich mich in der Küche um und erfreue mich an dem Chaos. An klebrigen Kinderfingern, Mehl auf dem Holzboden und Teigresten die am Tisch kleben. Aber eben nur manchmal. Denn häufig arten sie im Chaos aus, die zielorientierten Tätigkeiten. Weil eben nicht nur mit dem Mehl in der Küche rumgesaut wird, sondern auch im Wohnzimmer auf dem Teppich, weil man mit bemalten Händen schnell auf dem Weg zum Bad noch mal an der weißen Wand entlang fährt, weil man Teigreste auch super in die Ritzen des alten Holztisches schmieren kann. Oder einfach noch zwei drei Eier mehr zerschlägt.

Aber Emil und Ida sind grade mal vier und noch nicht mal zwei. Sie machen das, was sie verstehen und darüber hinaus eben das, worauf sie Lust haben. Damit erreichen sie nicht immer das angestrebte Ziel, aber sie haben Spaß. Das kann hin und wieder anstrengend sein, meistens aber auch ganz schön. Man muss nur mit der richtigen Gelassenheit heran gehen. Und an Tagen, an denen man mit den Nerven nicht ganz so auf der Höhe ist, da sollte man die zielorientierten Tätigkeiten einfach sein lassen und lieber drauf los spielen. Dann kommt zumindest keiner zu schaden. Auch nervlich nicht.

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