Vorlesen

IMG_0543Ich kann mich daran erinnern, dass mir als Kind sehr viel vorgelesen wurde. Ich erinnere mich nicht mehr an die Bilderbücher, aber sehr wohl an die Pippi Langstrumpf Abende. Und an „Das fliegende Klassenzimmer“. Jahr für Jahr hat mein Vater dieses Buch in der Vorweihnachtszeit herausgeholt und uns Kindern vorgelesen. Bis zum Heiligen Abend. Wir konnten es bald auswendig. Aber wir haben es uns jedes Jahr wieder gewünscht. Erst jetzt habe ich mich gefragt, wie das überhaupt ging. Immerhin lagen jeweils vier Jahre zwischen mir und meinen Brüdern. Sowohl dem Großen als auch dem kleinen. Haben wir alle immer wieder dieselbe Geschichte gehört, obwohl wir in völlig unterschiedlichen Entwicklungsphasen waren?

Manchmal denke ich, vorlesen ist einfach das logische Still-Äquivalent. Wenn man aufhört Nähe durch stillen zu geben, dann kommt die regelmässige Nähe durch kuscheln und vorlesen. Zeit, die man jeden Tag, ganz regelmässig miteinander verbringt. So nah, so konzentriert, so innig. Emil ist süchtig nach vorlesen und süchtig nach Büchern. Emil ist Dauergast im Buchladen. Als er klein war sind wir regelmässig zu „Gedichte für Wichte“ gegangen. Einer ganz bezaubernden Organisation, die in Schulen oder Bibliotheken angeboten wird und Kinder mit Bilderbüchern vertraut macht. Wenn Emil zuhört, dann kann neben ihm eine Bombe einschlagen und vier Tafeln Schokolade herumliegen. Er sieht und hört nichts außer der Geschichte.

Ida hat eine andere Herangehensweise an Bücher. Ida liebt es zu blättern, sie sieht sich lange Bilder an, aber sie legt keinen großen Wert auf eine chronologische Reihenfolge. Die Geschichten erschließen sich ihr auch ohne sich an die Seitenzahlen zu halten. Sie blättert auch gerne von hinten nach vorne. Aber sie wählt ihre Lektüre sehr bedachtsam aus. Ich kann nicht einfach „irgendwelche“ Bücher zum vorlesen aus dem Regal nehmen. Und es zählt auch nicht, dass sie eben diese vor ein paar Tagen noch geliebt hat. Ida entscheidet selbst. Immer. Wenn ich ihr ein falsches anreiche, wirft sie es zu Boden.

Der Zugang zu Büchern erobert uns Welten. Welten des Wissens und Verstehens aber vor allem eine Welt der Fantasie. In einem Seminar an der Uni haben wir uns gezielt mit dem „Vorlesen“ beschäftigt. Wir haben professionelle Vorleser begleitet, die in bildungsarmen Stadtteilen den Kindern vorgelesen haben. Zum Teil waren es schon schulpflichtige Kinder, denen bisher noch nie jemand etwas vorgelesen hatte. Es dauerte, bis sie bereit waren konzentriert zuzuhören. Aber nach ein paar Sitzungen sprang auf einmal ein Junge auf und rief: Oh, ich kann die Prinzessin sehen! Sie ist in meinem Kopf!

Fantasie muss man auch lernen. Vorstellungskraft muss man erlernen. Aber wenn man sie dann einmal hat, dann kann sie berauschend sein. Dieser kleine Jung hat zum ersten mal in seinem Leben eine Welt selbst in seinem Kopf zusammen gestellt. Er hat Dinge gesehen, die unsichtbar sind. Die wir nur in unserem Kopf haben. Dinge, die jeder anders sieht. Eine Geschichte, die Formen annimmt, aber nie gleich ist. Wenn man Kinder bittet Menschen aus der Geschichte zu zeichnen, dann sehen diese völlig unterschiedlich aus. Dann sind sie klein und dick oder groß und dünn, blond oder braunhaarig, stark oder schwach. Je weniger vorgeschriebene Attribute es gibt, desto unterschiedlichere Welten entstehen in unseren Köpfen. Das erklärt die Enttäuschung, die wir manchmal empfinden, wenn wir verfilmte Romane im Fernsehen sehen. Sah das nicht in unserem Kopf ganz anders aus?

Gestern bat Emil mich, noch eine Geschichte zu erzählen. Nach dem Vorlesen. Beide Kinder waren schon in ihre Betten gekrochen. Aber manchmal bin ich müde und inspirationslos und habe keine Lust mir schon wieder eine Geschichte auszudenken. Also zog ich den Vorhang einen kleinen Spalt wieder auf und sagte: Ich kann aus dem Buch noch eine vorlesen.

Es war dunkel und ganz still im Kinderzimmer. Und ich habe 25 Minuten vorgelesen. ich musste kein einziges Bild zeigen. Und nichts erklären. Aber wenn ich leiser wurde rief Emil: Mehr, Mama, mehr!

Und da wusste ich wieder genau wie sie war, die Pippi Langstrumpf Welt mit der Stimme meines Vaters. Je länger wir zuhören, desto größer, bunter und detaillierter wird sie. Wir brauchen nur daliegen mit geschlossenen Augen und zuhören. Emil ist gerade erst vier und ein hochkonzentrierter Zuhörer. Und das liebe ich.

„Morgen,“ flüsterte er als ich aus dem Zimmer ging. „Da machen wir das aber wieder ganz genauso, oder, Mama?“

Ich nickte. Ja, das machen wir, sagte ich leise.

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4 thoughts

  1. oooh wie wunderbar. ich selber habe das vorlesen und später selber lesen so geliebt und liebe es bis heute.
    mein sohn ist 13 monate und hat zum bilderbücher-gucken selten wirklich geduld. ich biete es halt immer wieder an und warte einfach noch ein bisschen ab, ob ich ihn mit meiner begeisterung für bücher nicht doch anstecken kann 🙂

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    1. Was? Erst mal sind das Postkarten von Ikea, glaube ich, die haben unsere Nachbarn uns geschenkt, als sie nach Florida ausgewandert sind. Aber ich liebe schöne Sachen!! Ich habe nie das Gegenteil behauptet. Wenn es nach mir ginge würde ich auch das Kinderzimmer von vorne bis hinten gestalten! Aber in meinem Beitrag ging es ja darum, dass nicht ICH bestimme, sondern die Kinder! Und die mochten allem Anschein nach die Postkarten, sonst hätten sie die wohl nicht aufgehängt. Die mögen auch selbst bemalte Setzkästen, meinen alten Puppenwagen aus den Achtzigern, einen Sitzsack, der teuer war (den wir aber nie haben wollten, dann aber dummerweise geschenkt bekamen). Die mögen eine ganze Wand voller selbst ausgemalter Star Wars Bilder (mag ich nicht), und Fußball Aufkleber auf Regalen (mag ich noch weniger!) aber die dürfen ja auch schöne Dinge mögen. Das schließt sich ja nicht aus! Ich freue mich, wenn meine Kinder auch Dinge schön finden, die ich schön finde. Ich bin nur der Meinung, dass sie in ihrem Zimmer entscheiden dürfen, was in ihren Augen schön ist. Aber das heißt doch nicht, dass deshalb ihre Zimmer nicht auch für uns schön sein können. Zum Beispiel wenn sie Kunstpostkarten von Ikea aufhängen.

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