Glücksmomente 20

IMG_0710Ich frage mich, wieviel Anläufe es dauert, bis die arme Frau im Balzac Café ihre Bestellung aufnehmen kann, so lange Paul und einer seiner besten Freunde H. sich über medizinische Fälle unterhalten. Rede ich eigentlich auch so viel über meinen Job, frage ich mich, während ich in meinem Kaffee rühre. „Jetzt bestell doch mal!“ sage ich H. und zwischen Fremdwörtern, Fachchinesisch und „Wann gehen wir mal wieder was trinken“ schafft er es tatsächlich sich endlich für eine Kaffee Größe zu entscheiden. Was macht uns so passioniert für unsere Arbeit? Wenn wir darüber sprechen, dann so voller Hingabe und Begeisterung. Über Arbeit, die übers Geld verdienen hinaus geht. Die uns glücklich macht. Manchmal bewundere ich Paul und seine ganzen Freunde um ihre Arbeit. Weil sie so konkret und fassbar ist. Weil man sich nie erklären muss. So wie man Lehrer, Anwalt oder eben Arzt ist. Nach meinem Studium habe ich immer nur gesagt „ich habe Deutsche, Geschichte und Kunst studiert“ und natürlich kam immer wieder die Frage nach dem: Und was ist man dann?

Was man dann ist? Frei. Und glücklich.

Diese Woche dreht sich vieles um Arbeit, obwohl sie gar nicht so präsent ist. Nur in unseren Gesprächen und unseren Köpfen. Die Jungs aus dem Büro sehe ich kaum. Irgendwie zieht es mich nach draussen, obwohl die Sonne sich zurück hält. Und Paul hat Spätschicht und Zeit, die wir sonst nicht gemeinsam haben. Weil ich Zeit habe nehme ich die ganze Woche Freunde von Emil mit zu uns. Wenn ich etwas zu verschenken habe, dann Zeit und warum sollen nicht auch andere davon profitieren? Vor allem die Mütter im Freundeskreis, die unregelmässige Arbeitszeiten haben und sich freuen, wenn die Kinder nicht bis zum späten Nachmittag im Kindergarten hocken. Es ist immer ein bißchen chaotisch in der Wohnung und im Garten, aber es fühlt sich gut an. Ich löse endlich das Arbeitszimmer auf und stelle den Sekretär in die Küche. Jetzt haben die Kinder ein halbes Zimmer mehr. Paul plant eine zweite Ebene hinein zu bauen. Dann können sie oben sitzen und im Winter haben sie einen richtigen Kuschelplatz mit Blick auf den Schnee.

Wenn Paul nicht da ist schwankt unser wohlerzogenens Familienleben meistens. Ich versuche aufzuräumen, zu kochen, mit Freunden zu sprechen, die Kinder zu unterhalten und dabei die gute Laune zu behalten. Das geht nur wenn man ein paar Regeln außer Acht lässt. Wir picknicken ein paar mal im Wohnzimmer auf dem Fußboden statt gesittet am Tisch zu sitzen. Manchmal tanzen wir noch zu lauter Musik. Ich halte mich an die bisher bewährte Regel – wenn ich gute Laune habe, haben die Kinder auch welche. Und ja, ich versuche manchmal mit dem wenigstens Arbeits- und Konfliktaufwand durch den Tag zu kommen. Das kann sich nämlich ziemlich schön anfühlen.

IMG_0157Abends trinke ich Wein mit einer meiner liebsten Freundinnen. Wir führen sehr unterschiedliche Leben. Und sind in vieler Hinsicht sehr ehrlich zueinander. Was unsere Kinder und unsere Jobs betrifft. Am Ende erzählt sie von ihren Patientinnen. Blasse, dünne, junge Frauen. „Ich frage sie, ob sie Alkohol trinken. Nein, rufen sie entsetzt. Ich frage sie, ob sie rauchen. Oh mein Gott! Rufen sie. Ich frage sie ob sie Fleisch essen, ich werde entgeistert angeguckt. Am Ende sagen sie, sie haben eine APP, die ihnen sagt, was sie am Tag noch essen müssen um sich ausgewogen zu ernähren. Ich würde sie manchmal gerne packen und sagen: Lebt doch einfach mal!“ Glück erlangen wir nicht durch die komplette Kontrolle. Und wenn wir uns an noch so viele Regeln halten, das Glück kommt von alleine. Und wenn wir noch so gesund sind, noch so diszipliniert, am Ende müssen wir vielleicht doch einfach viel mehr das tun, was wir uns wünschen. Das, wonach uns grade ist. Das, was uns in dem Moment glücklich macht. In der Gegenwart leben und nicht alles hinterfragen. Nicht alles steuern. Das stellen Julia und ich fest und essen eine ganze Tüte Chips. Uns jeden falls geht es gut.

Emil entwickelt viele neuen Theorien über die Welt, die Liebe und über Endlichkeit. Tote Schnecken veranlassen ihn lange Monologe über das Ende des Lebens zu halten. Es ist mit Bedauern konnotiert aber nie mit Trauer. Dinge sind, wie sie eben sind.

Den Donnerstag Nachmittag verbringen wir auf einem Kirchen-Kinder-Fest mit Blick auf die Speicherstadt. Es ist windig und ständig prasselt Regen auf die Hüpfburg und die Crepes Stände. Schade. Emil lässt sich von Greta die Kirche zeigen. Die meiste Zeit liegen sie unter den Kirchenbänken und teilen sich Salzstangen. Wir reden nie über Religion und ich frage mich, wie Emil die Informationen in sein Leben einbaut. Wie eine neue Dimension, die für ihn noch so gar nicht greifbar ist. IMG_0220„Ich glaube,“ sagt er am Abend. „Gott ist die Sonne. Denn die strahlt. Und Gott strahlt auch.“ Genauo so oder so ähnlich ist es, denke ich. Nach meinem Moschee Projekt vor zwei Jahren habe ich das Gefühl ich weiß mehr über den Islam als über das Christentum, viele unserer Freunde sind Buddhisten, ich finde zu allem keinen Zugang, finde aber Religion als Ganzes muss Thema sein, weil es einfach Teil der Gesellschaft ist. Wie Emil das Ganze betrachtet liegt aber bei ihm. Wenn für ihn die Sonne Gott ist, dann ist das genau richtig so.

Den Freitag verbingen wir bei Greta im Garten. Es ist wie ein offenes Haus. Wer einen so paradiesisch großen Garten inmitten der Stadt hat, der tut gut daran ihn für Freunde zu öffnen. „Gut fürs Kharma,“ sagt Paul Abends. Da haben wir sie wieder, die Religion. Und so toben ganz viele Kinder durch den Garten, Gretas Mama und ich trinken Tee und Ida fürchtet sich wie immer vor jedem Lebewesen und sei es nur eine Fruchtfliege. Da haben wir schon einen Garten, eine Kita, die jeden Tag draussen ist, Oma und Opa auf dem Land und die Ida präsentiert sich trotzdem als absolutes Großstadtkind.

Am Samstag übe ich mich in Intoleranz und stosse in unserem Garten, also im Garten der Nachbarin, aber wir haben die Gärten nie getrennt, auf mehrere Mittfünfziger Damen in Schlagermove Outfit und nachmittäglich verfrühtem Prosecco Lachen. Sie finden sich urkomisch und ich finde sie befremdlich, selbst die Kinder können den Humor nicht unbedingt teilen. Das schrille Lachen zumindest geht mir latent auf die Nerven. Und weil das Wetter sich eh bedeckt hält gehen wir rein und basteln Willkommens-postkarten für die Flüchtlinge in Freital. (Wer das auch machen möchte kann sie hier informieren: Willkommensgrüße).

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Am Abend arbeite ich auf einer Hochzeit in der Schanze – und bin auf einmal umgeben von Schlagermove Menschen. Ich steige über Kotze und beobachte in den Ecken liegende Menschen in bunten Kostümen, die mich abschrecken. Ja, denke ich, lass sie doch feiern. Aber ich störe mich trotzdem daran. Das ist tatsächlich intolerant – aber ich kann es nicht ändern. Die Hochzeit ist wunderschön und sehr entspannt. Ich führe das letzte wichtige Gespräch über die Arbeit in dieser Woche. Und fühle mich sehr gewertschätzt. Und durch einen Zufall kommt ein alter Traum ganz aprubt zurück in unser Leben. Aber dazu nächstes mal.

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5 thoughts

  1. „Euch jedenfalls gehts gut“….Schade, bis zu diesem Post habe ich den Blog sehr gerne gelesen. Nur dieser Beitrag platzt vor lauter Selbstgefälligkeit aus allen Nähten. Allerdings habe ich hier auch nicht weiter als bis zur Tüte Chips gelesen, um mir meinen Glücksmomente-Tag nicht zu versauen. Ich wünsche Euch, vor allem Julia (in deren Job es eigentlich eine absolute Notwendigkeit sein muss, diese zu besitzen) einen enormen Zuwachs in Sachen Empathie. Es wundert mich nun kaum, dass bei soviel Unsachlichkeit, Unverständnis und Unwissenheit die Genesungsrate dieser „blassen jungen Frauen“ so erschreckend gering ist. Aber gut für Euch und uns alle anderen, die eine Tüte Chips essen können. Besser noch für solche, die Nachempfinden können, welche Qual es für solche (und ihre Familien/Freunde) bedeutet, dies nicht einfach zu können. Es bleibt zu hoffen, dass ihr nie in die Situation kommt, euch mit diesem Thema auf anderen Wegen als diesem befassen zu müssen.

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    1. Schade, dass du es so empfindest. Ich hatte beim Schreiben nicht das Gefühl, selbstgefällig zu sein, nur weil ich den Menschen wünsche, dass sie das Leben ein bisschen mehr genießen – vielleicht vor allem, weil man nicht weiß, wie lange es einem gut geht. Wir wissen doch alle, dass sich Dinge von einem Moment auf den nächsten ändern können, und ist es dann nicht besonders wichtig sich von Zwängen zu befreien und zu lernen im Moment zu leben? Das Leben so zu genießen, wie es sich jetzt und hier grade zeigt? Mit allem was dazu gehört? Haben wir nicht genug Regeln im Leben, die uns in so vielen Dingen einschränken, dass wir uns vielleicht auch mal von der ein oder anderen selbstauferlegten befreien können?
      Und vielleicht mag es Dinge nach außen tragen, die niemanden etwas angehen, das ist die eine Sache, aber wäre es nicht naiv zu denken, das wir alle hin und wieder Dinge über unsere Mitmenschen sagen oder denken, die nicht immer zu hundertprozentig politisch korrekt sind? Die nicht immer alle Moral in sich tragen? Und was ist so verwerflich daran festzustellen, dass wir eine Tüte Chips gegessen haben?
      Ich trage sehr viel persönliches nach außen, wenn ich einen BLOG schreibe. Denn davon lebt er auch. Wenn ich immer alles nur objektiv, sachlich und korrekt bewerten würde, dann müsste ich es anders nennen.
      Im Endeffekt fühlt es sich leider genauso selbstgefällig an, wenn man einen solchen Kommentar schreibt, der zumindest mir das Gefühl vermittelt, das DIR im Leben niemals etwas so unbedachtes mal im Gespräch unter Freundinnen herausrutscht. Und dann noch, wo wir ja im Grunde eine Intention dahinter hatten. Nämlich die Freude am Leben nicht zu vergessen.

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  2. Mir ist durchaus das Private eines solchen Blogs bewusst, dennoch erhoffe/erwarte ich eine gewisse Form der Verantwortung beim Schreiben über bestimmte Themen im öffentlichen Raum. Hier werden diverse Dinge in einen Topf geworfen. Menschen mit einer derart schweren Suchterkrankung „einfach mal leben“ bzw. Disziplinlosigkeit nahezulegen in Kombination mit „Uns geht es jedenfalls gut“ empfand ich persönlich als verletzend . Ich bin weit davon entfernt ständig politisch korrekt zu handeln bzw. erwische gerne jeden Fettnapf zu meinen Füßen, aber ich schreibe nun auch keinen Blog darüber. Täte ich dies, würde ich bei einem solchen (zugegebenermaßen etwas wütend geschriebenen) Kommentar zumindest die Einsicht haben, dass ich hier Menschen getroffen haben könnte und die Art und Weise des Schreibens über solche Menschen im Zusammenhang mit den eben genannten Floskeln, zumindest überdenkbar ist.

    Und dass ihr eine Tüte Chips esst ist sicher nicht das was ich beanstanden wollte.
    Danke, dass du dir die Mühe gemacht hast zu antworten.

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  3. Ich mag diesen Text. Und bin der Meinung, gerade wenn man mit sehr belasteten Menschen arbeitet, brauch man eine Freundin, mit der man ehrlich oder auch mal sarkastisch reden kann und das Leben genießt. Und wenn die Freundin und man selbst such den anderen noch Lebensfreude und Glück wünscht, ist doch alles in bester Ordung.

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