Emil und Greta – Was Kinder verbindet

Great und Emil, 2012
Great und Emil, 2012

Als Greta zur Welt kam, war Emil schon zwei Wochen da. Er konnte ihr höchstwahrscheinlich noch nichts davon berichten, auch nicht nonverbal. Aber sie konnte ihn riechen. Und spüren. Weil er immer wieder neben ihr lag. Greta kam in eine Welt in der es Emil gab. Als Ida geboren wurde, gab es Emil schon über zwei Jahre. Er konnte ihr schon etwas von der Welt erzählen. Und sie konnte ihn ständig spüren und riechen und hören. Emil und Ida teilen sich eine Familie. Eine Mama und einen Papa und die Großeltern, die Wohnung, die Spielsachen, die Katze und die Zeit.

Aber Emil und Greta teilen das nicht. Sie haben jeder ihre eigene Familie, ihre eigene Wohnung und ihr eigenes Reich. Und sie gehören trotzdem zusammen.

Im letzten Kindergartengespräch – jetzt, wo bald der Wechsel für alle bevorsteht – wurde darauf hingewiesen, dass Emil und Greta im alltäglichen Beisammensein nicht so häufig miteinander spielen würden. Aber die Verbindung zwischen ihnen sei die engste, die sie zwischen all den Kinder jemals festgestellt hätten.

Greta ist bekannt für ihr Sozialverhalten. Greta teilt. Greta hilft kleineren Kindern. Nur Emil, den ärgert sie bis er weint. Und Emil liebt Greta. Und Greta liebt Emil. Warum? Die Verbindung ist viel tiefer. Und auch sicherer. Als ob sie wüssten, sie müssten sich keine Mühe geben, den anderen als Freund zu halten. Er wird bleiben.

Freundschaften bleiben nicht für die Ewigkeit. Sandkastenfreundschaften wahrscheinlich noch weniger. Obwohl? Ich habe noch zwei Freundinnen aus meiner Kindergartenzeit mit denen mich immer noch sehr viel verbindet. Auch über Jahre, über Monate, die wir uns mal nicht sehen oder voneinander hören. Es ist vielleicht doch auch die Zeit die uns verbindet. Über dreissig Jahre Leben, die wir immer irgendwie geteilt haben. Mal mehr und mal weniger.

Emil und Gretas Kindergartenwege werden sich Ende August trennen. Sie werden sich nicht mehr täglich sehen. Sie werden neue Freunde haben und sich nicht mehr dieselben Freunde teilen.

Wir schicken sie auf Wege, die unterschiedlich verlaufen werden und danach in Schulen, die nicht dieselben sein werden. Vieles wird sie trennen – und vieles trennt sie ja auch jetzt schon. Aber noch sind sie vier. Sie haben vier Jahre gemeinsam verbracht. Woran erinnern wir uns, wenn wir an unsere Zeit zurück denken in der wir vier waren?

Emil und Greta sind voller Liebe füreinander und manchmal voller Wut gegeneinander. Aber vor allem verlassen sie sich aufeinander. Haben wir uns mit vier schon auf jemanden so verlassen können? So viel Zeit mit jemandem verbracht? Jemanden, der nicht zur Familie gehörte als so selbstverständlich wahrgenommen. Gibt es für Emil und Greta ein Leben ohne den anderen?

Freundschaften kommen und gehen. Ich werde noch viele Freunde von Emil sehen. Viele Freundschaften begleiten. Aber eine Freundschaft, die zwei kleine Menschen verbindet, die gerade mal vier sind, ist etwas besonderes. Sie geht durch Phasen, genau wie unsere Freundschaften. Sie hat Höhen und Tiefen. Und sie besteht aus viel mehr Kommunikation als wir so meinen. Emil und Greta haben Geheimnisse. Sie erzählen sich von guten und von schlechten Dingen. Sie haben eine unbändige Fantasie. Sie haben gemeinsam krabbeln und laufen gelernt, sie haben sprechen gelernt, klettern und hüpfen. Und sie haben gelernt, was sie verbindet. Wir haben sie zusammengeführt, das stimmt. Wir Eltern haben diese Freundschaft anfänglich nahezu erzwungen. Aber sie war nicht so erzwungen, wie wir dachten. Sie kam aus sich heraus. Emil und Greta haben sich verselbständigt.

Kurz vor Idas Geburt sind Gretas Eltern mehrere Wochen herumgereist. Außer Planmässig kamen sie nur für ein einziges Wochenende im Sommer nach Hamburg zurück um danach ihre Reise fortzusetzen. Emil und Greta sollten sich zumindest einmal kurz treffen. Und diese Freude war berauschend. Sie war so unfassbar ehrlich, so voller sprühenden Glücks. Als seien es auch für sie selbst ganz unfassbare Gefühle. Etwas, was sie vorher weder geplant noch gefühlt hatten. Wie es ist, jemanden wieder zu sehen, der irgendwie zu einem gehört.

Freundschaften sind manchmal sehr sensibel. Freunde können sich verletzen. Manchmal zerbrechen sie. Aber wir können versuchen sie zu halten. Weil wir uns irgendwann einmal ganz bewusst dafür entschieden haben. Emil und Greta haben uns gezeigt, wie früh Freundschaften einen großen Wert haben können. Wie früh Freundschaften entstehen. Und welche Intensität sie schon in so jungen Jahren haben können. Alles, was sich in unserem späteren Freundschaften zeigt, spiegelt sich jetzt schon in der Freundschaft von Emil und Ida. Nur das diese sie immer anders definieren werden als wir. Als Emil und Greta sich einmal wieder bis aufs Blut gestritten haben, haben wir sie auseinander genommen. Daraufhin murmelte Greta konsterniert: “ Ich weiß gar nicht was ihr habt? Wir sind doch Freunde!“ Emil nickte zustimmend.

Vielleicht sollten wir lernen, dass man sich sehr wohl streiten darf in einer Freundschaft. Denn an den Grundfesten ändert das nichts. In Freundschaften kann man den anderen mal doof finden, man kann sich hin und wieder über den anderen ärgern (oder Kinder können auch hin und wieder mal DEN anderen ärgern). Man kann sich mal eine Woche nicht so cool finden wie die andere. Das alles ändert nichts daran, dass man Freunde ist und bleibt.

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