Warum ich selten nein sage

Ganz zu Beginn meines Mutterdaseins habe ich gehört, man solle nicht so inflationär „Nein“ sagen. Denn das würde die Wirkung schmälern. Wenn kleine krabbelnde Wesen zum hundertsten Mal ein Buch aus dem Regal zerren und anknabbern, dann soll man sowas sagen wie „Mach das bitte nicht“ oder „Das darfst du nicht“ oder noch einer dieser höflichen Sätze. Wenn das Kind einen Kugelschreiber in die Steckdose steckt, dann dürfe man ruhig laut und deutlich „Nein!“ sagen. Das macht Sinn, dachte ich mir.IMG_0052

Aber meistens macht nur das Sinn, was sich im Endeffekt auch als sinnvoll herausstellt. Und das sind in den seltensten Fällen die Ratschläge, die man bekommt und brav umsetzt, sondern die Verhaltensmuster, die sich am Ende als wirkungsvoll erweisen. Und bei uns hat sich eines relativ schnell durchgesetzt: Respekt kommt immer vor Zurechtweisen.

Viel eher als wir es manchmal erahnen – auch ich, als junge Emil Mama – verstehen Kinder uns sehr gut. Sie verstehen uns auch, bevor sie selber sprechen, aber noch mehr verstehen sie unsere Intonation, die Art, wie wir mit ihnen sprechen. Die Gefühle, die wir damit ausdrücken. Und das können durchaus auch mal genervte Gefühle sein. Sie haben einen ausgeprägten Sinn für Emotionen. Sie merken sehr gut, ob wir gerade glücklich oder traurig sind und genauso gut ob wir gerade geduldig oder genervt sind. Nicht von ungefähr kommt es, dass sie in der Trotzphase sehr gerne darauf warten, bis wir wirklich genervt sind.

An den meisten Tagen kommunizieren wir in der Familie auf die immer gleiche Art. Wir reden, wir hören zu und wir erklären, wir sind aber auch bereit erklärt zu bekommen. Das kann manchmal anstrengend sein, vor allem in der Anfangsphase. Warum rede ich ständig, warum sage ich nicht einmal klipp und klar „Nein“. Es muss ja auch Grenzen geben. Das Katzenfutter wird nicht gegessen! Das Badewannenwasser nicht Literweise mit der Gießkanne vor die Wanne gekippt. Sage ich „Nein!“ hört erst mal keiner zu. Sage ich laut „Nein!“ kippt meistens die Stimmung. Sage ich „Nein, ihr sollt das Wasser nicht aus der Wanne kippen!“ ist trotz des längeren Satzes auch grade mal keiner mehr gut drauf. Vor allem ich nicht. Nicht weil ich laut geworden bin. Sondern weil ich die gute Laune aller grade mal zerstört habe. Ida wird quengelig und will dann gar nicht mehr baden, Emil kippt das Wasser dann eben in die Blumen hinter der Wanne. Oh man, und ich muss schon wieder „NEIN!“ sagen.

Ein klares „Nein“, für das ja viele plädieren, hinterlässt immer irgendwie einen faden Geschmack. Ich habe Macht ausgeübt, manchmal sogar mit einer guten Portion Lautstärke. Und die gute Atmosphäre ist erst mal weg. Ich sage DIR was du zu tun hast und wenn du dich nicht daran hältst, werde ich noch lauter. 

Weil ich vor allem eines nicht mag: nämlich wenn ich selber schlechte Laune habe, habe ich mir das „Nein“ sagen einfach abgewöhnt. Die Kinder können meinetwegen auch mal schlechte Laune haben. Immerhin haben sie ja auch ein gutes Recht drauf. Ständig bestimmt jemand anderes darüber ob man Schokolade essen darf, fernsehen, lange aufbleiben, im Winter ohne Schuhe raus. Da kann man ruhig hin und wieder mal schlechte Laune haben. Ich kann zum Glück meine Schokolade essen wann immer ich will und tatsächlich hat es sich in unserem jetzt 4 Jahre andauernden Feldversuch herausgestellt, dass die Familie ganz gut läuft, wenn die Mama gute Laune hat.

Ein Leben ohne „Nein“ sagen funktioniert nicht auf Anhieb perfekt. Und es funktioniert sowieso nie perfekt. Wenn Ida auf die Herdplatte fassen will, schreie ich sehr wohl „Nein!“. Und in zig anderen Situationen am Tag auch. Aber der alltägliche Ablauf, der funktioniert ohne. Der wird getragen durch einen Daueraustausch von Informationen und Erklärungen, die in jedem Gespräch inbegriffen sind. Den man kaum noch merkt, wenn man erst einmal damit angefangen hat. Alles basiert auf einem Konstrukt aus gegenseitigem Respekt. Ich sage kaum etwas, ohne zu erklären, warum ich es sage. Und das klingt viel pädagogischer als es ist. Nach ein paar Tagen fließt es einfach in das Familienleben ein und verselbständigt sich. Denn wenn man mal darüber nachdenkt, dann lässt sich im Grunde alles, was wir von unseren Kinder „wollen“ und was wir vor allem „nicht wollen“ erklären. Und zwar so, dass es verständlich ist. Und das es das Machtverhältnis nicht in den Vordergrund stellt.

Und so lernen wir alle und profitieren wir alle. Wenn Ida einem anderen Kind die Schaufel wegnimmt, sage ich weder „NEIN“ noch stelle ich mich belehrend mit erhobenem Zeigefinger daneben und sage: Ida, man darf aber nicht einem anderen Kind die Sachen wegnehmen! Ich versuche – nein, ich versuche es schon gar nicht mehr, weil ich es einfach nur noch mache -weder etwas zu verbieten noch von oben herab zu belehren. Wenn ich zwei mal eher beiläufig sage: „Ida, nimm doch eine andere Schaufel. Oder gib sie gleich zurück.“ Dann gibt Ida die Schaufel zurück. Und ja, das klappt nicht immer und ja, das klappt nicht sofort. Aber ich habe sie weder gedrängt noch sie dafür gerügt etwas weggenommen zu haben. Vielleicht habe ich auch den Reiz genommen, etwas wegzunehmen. Vielleicht will man ja auch einfach nur mal gucken, wie andere so reagieren, wenn man etwas wegnimmt. Wenn das so wenig aufsehen erregt, kann man es auch eigentlich lassen.

Wenn Emil etwas tut, was mir grade gar nicht passt, dann sage ich es ihm trotzdem eher beiläufig. Er hat bereits ein solches Gespür dafür entwickelt, dass er in den meisten Fällen von alleine sagt: Gut, dann räume ich es eben wieder weg. Oder: Ich wusste nicht, dass du das so doof findest. Fertig. Kein Geschrei. Keine schlechte Laune. Keiner hat den anderen anschreien müssen, jeder hat irgendwie für sich verstanden, wie die Stimmung ist.

Wir müssen uns gut übIMG_0537erlegen, wie wir mit unseren Kindern sprechen. Denn so werden sie mit ihren Kindern sprechen. Und so werden sie auch mit ihren Mitmenschen sprechen. So werden sie lernen, welche Rolle sie in dem Familiengefüge haben. Und das soll nicht die des Untergeordneten sein. Wir können besser zuhören, wenn wir gelernt haben, dass wir in der Kommunikation die gleichen Rechte haben. Das sowohl wir als Eltern als auch sie als Kinder ein „Nein“ akzeptieren müssen, wenn es verständlich ist. Wenn Ida „Nein“ schreit, wenn ich ihr helfen will die Schuhe anzuziehen, dann muss ich das auch akzeptieren. Jeder hat ein Recht darauf deutlich zu machen, was er möchte und nicht möchte. Und wir sollten alle versuchen das zumindest zu verstehen. Wenn Ida zehn Minuten braucht um ihre Schuhe anzuziehen, dann gilt ihr „Nein“ leider auch nichts mehr. Aber dann kann ich zumindest kurz sagen, dass sie es super alleine probiert hat, wir aber sonst echt zu spät kommen.

Die perfekte Kommunikation gibt es nicht. Aber ich merke, es gibt viele gute und wenig schlechte Tage. Und an den schlechten scheitert es hauptsächlich an der Art, wie wir miteinander reden. Unsere Stimmung überträgt sich auf die der Kinder. Und  umgekehrt. Wenn wir als Eltern entspannt und freundlich miteinander und mit ihnen reden, dann reden sie auch so mit uns. Manchmal denke ich, es ist wie eine kleine WG. Man muss auf viele Dinge Rücksicht nehmen, aber jeder hat die gleichen Rechte zumindest erst mal auszusprechen, was er sich für das gemeinsame Leben so wünscht. Und dann muss man sehen, wie man Kompromisse findet.

Im Stillen wissen wir, dass wir als Eltern noch jahrelang entscheiden werden, was gemacht wird und wie. Aber es geht mehr um die Art, wie wir das in der Familie umsetzen. Mit welchen Mitteln wir zum Ziel kommen. Und vor allem wie wir das vermitteln.

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6 thoughts

  1. Eigentlich ist es viel einfacher. Statt zu sagen was sie nicht machen sollen, ist es besser zu sagen was sie stadtdessen machen sollen. Für kinder ist einfach alles ein Spiel (das aber meist eine intensive Gehirnleistung und Konzentration erfordert.) Einfach mit „einem Spiel“ aufzuhören und sich auf die schnelle ein „neues Spiel“ auszudenken überfordert (kleine) Kinder. Da ist es gut wenn Mama eine tolle neue Idee hat…

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  2. Ein ganz toller Text, der mich gerade wirklich zum Nachdenken gebracht hat. Ich werde leider viel zu oft laut, wenn meine Tochter etwas macht, was sie nicht soll und das bringt meistens tatsächlich gar nichts außer schlechte Stimmung. Ich werde in Zukunft mal versuchen, deine Tipps zu beherzigen 🙂

    Liebe Grüße, Biene

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  3. Ich merke immer wieder, wie viel entspannter es tatsächlich ist, wenn ich nur noch dort Nein sage, wo es wirklich wichtig ist (bzw. meistens gefährlich, wie bei deinem Beispiel mit dem Herd). Und Mini reagiert dann wirklich auch rascher, weil sie einerseits merkt, dass mir das Nein dann ernst ist, vor allem aber weil ihr Frustpotenzial noch nicht durch diverse unwichtige Neins vorher ausgeschöpft ist. Aber es braucht immer wieder Überwindung, das im Alltag nicht zu vergessen…

    LG, Julia

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  4. So funktioniert es bei uns auch gut. Ich spreche auch immer höflich mit meiner Tochter und zucke zusammen, wenn ich den Befehlston manch anderer Familie mitkriege. Ich denke, wie man in den Wald hineinruft und so weiter, und hoffe, dass ich auch wenn die Maus älter wird und mehr Grenzen austestet nicht aus Genervtheit in Kommandos verfallen werde.

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