Die Bequemlichkeit

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Warum ringt die uns manchmal so hemmungslos zu Boden? Fesselt uns an unsere Gewohnheiten und unseren Alltag. Sind wir denn jetzt eigentlich Freunde der Bequemlichkeit oder Feinde? Oder nehmen wir sie einfach so wie sie ist.

Ich bin am Wochenende in den Harz gefahren. Zu meinem Bruder uns seiner Familie. Da hab ich mich drauf gefreut. Eigentlich alles ganz einfach. In der Umsetzung sah das aber wie folgt aus:

Alle wachen, wie jeden Tag, wie wirklich jeden, jeden JEDEN Tag um sechs Uhr auf. Hurra. Nackte Füße steigen über mich rüber, kleine Münder krümeln Kekse in mein sauberes Bett. Überall kratzt und pikst es jetzt. Die Katze kommt auch noch dazu. Ich mache mir einen Kaffee. Auf den Kekskrümeln sitzend werde ich gebeten ein Buch vorzulesen, während jemand sein Wasser auskippt. Morgen im Bett klingen immer so romantisch! In der Umsetzung ist es etwas komplizierter. Kind eins, Kind zwei und Katze wollen alle auf den Schoß. Buch und Kaffeetasse wollen gehalten werden. Guten Morgen!

Frühstück machen, Frühstück essen, Krümel vom Boden wischen, Brote schmieren, Paul kommt vom Nachtdienst. Riesiges Freudengeschrei. Selbst die Katze würde meines Erachtens gerne vor Freude schreien – geht aber nicht. Paul geht schlafen. Frühstück wieder wegräumen. Die Kinder toben rum. Zum Glück kann Paul immer und in jeder Lebenslage schlafen. Ida macht alle fünf Minuten die Tür zum Schlafzimmer auf und kreischt vergnügt „Papa da!“.

Packen. Überall liegt was rum. Seit Tagen scheint die Wäsche zwar gewaschen zu werden, aber nie zurück in die Schränke zu wandern. Und natürlich gibt es ganz klare Vorstellungen was mit muss. Selbst die Socken müssen die richtigen sein. Ich wühle lange in Wäschebergen. Dann packe ich alles in eine Tasche – denn eine Tasche tragen ist viel cooler als fünf Taschen tragen. Natürlich passt aber nicht alles rein in eine Tasche, also nächste Tasche um am Ende dann doch fünf Taschen zu tragen. Schließlich braucht man noch eine für Proviant. Eine für die Kinder mit Büchern für die Fahrt. Windeln passen auch nicht mehr mit rein, usw.

Ich koche mir noch einen Kaffee. Mache ich IMMER bevor ich los fahre und stellt sich auch IMMER als dumme Idee heraus. Erst mal stelle ich den Kaffee auf die Stufen im Treppenhaus. Kindern Schuhe anziehen, Taschen schon mal bis vor die Wohnungstür tragen. Oh, Buggy steht noch im Flur. Der soll ja eigentlich mit. Also erst mal alle Taschen auf den Buggy. Ida will ihren Puppen Buggy mitnehmen. Daran soll es nicht scheitern. Wo war noch mal mein Kaffee?

Ida möchte keine Schuhe anziehen. Emil möchte vier paar Schuhe mitnehmen. Man weiß ja nicht, was kommt. Bloß nicht Idas Schuhe vergessen. Ich schiebe den Buggy schon mal zur Haustür. Die geht aber natürlich nicht auf, weil beide Kinder immer stramm davor stehen. Türen gehen aber hin und wieder mal nach Innen auf. Und das wird extrem erschwert, wenn man direkt davor steht.- Oh, Kaffee auf der Treppe vergessen.

Kaffeebecher wirklich SEHR vorsichtig zu dem ganzen Gepäck auf den Buggy gestellt. Jetzt muss man nur übervorsichtig die beiden Stufen runterschieben. Dann müsste das halten. Ida drängelt mit dem Puppen Buggy an mir vorbei. Emil fällt auf, dass er ja auch seinen Roller mitnehmen könne. Jaja, denke ich und versuche den Kaffee zu retten.

In der Großstadt steht das Auto ja in den seltensten Fällen direkt vor der Tür. Also erst mal los marschieren. An der Straße hält tatsächlich ein freundlich lächelnder Herr mit seinem Geländewagen an um uns rüber zu lassen. Emil macht das auch ganz gut mit seinem Roller. Ich, der mit Taschen überfüllte Buggy und mein Kaffeebecher machen das so semi toll und Ida bleibt einfach mitten auf der Straße stehen. Ich versuche den Buggy den Bürgersteig hoch zu kriegen ohne das der Kaffee umkippt und rufe Ida. Erst freundlich, dann unfreundlich. Wieso bleibt die denn jetzt mitten auf der Straße stehen. Hinter dem Geländewagen sammeln sich die nächsten Autos. Ich gehe zurück und versuche mir Ida und den Puppen Buggy unter den Arm zu klemmen. Dabei fallen mir die Taschen von der Schulter, die ich mir umgehängt hatte. Ida zappelt. Man ist das heiß.

Endlich runter von der Straße. Das Auto hupt. Man, denke ich, ich bin doch jetzt weg. Ich drehe mich um. Idas Puppe liegt noch auf der Straße. Oh, schnell zurück. Ich hole die Puppe und Ida marschiert währenddessen schon mal in die völlig falsche Richtung. Ich schwitze.

Im Auto ist es unordentlich wie immer. Im Kofferraum leider auch. Wie kriege ich denn da jetzt alles unter? „Euer Auto ist bald völlig vegan,“ konstatierte mein Vater bei unserem letzten Besuch. Weil sich in der geöffneten Kofferraum Klappe bereits erste Moose ansiedeln. Erst mal die Kinder anschnallen. Ida schreit wie am Spieß und windet sich wie die Katze, wenn sie in den Katzenkorb soll. Emil beschwert sich, dass ihm das jetzt wirklich zu laut sei. Ja, mir auch, denke ich.

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Taschen runter vom Buggy, geretteten Kaffee kurz aufs Autodach stellen (Klassiker!). Alles reinstopfen, von drinnen wird bereits nach Essen verlangt. Na, das kann ja heiter werden. Einsteigen, Autoschlüssel weg. Wo hab ich den denn jetzt gelassen? Wieder aussteigen, alle Taschen durchwühlen, wieder was auspacken. Kurz vorm heulen. Ach, da ist er ja. Unter dem Sitz. Einsteigen. Kaffee auf dem Dach vergessen. Wieder aussteigen. Kaffee holen. Losfahren. Kalten Kaffee trinken.

Das Navi sagt 2 Stunden 17 Minuten Fahrtzeit. In Echtzeit wird es sich auf über vier Stunden belaufen. Immerhin schläft Ida davon zwei. Die restlichen zwei schreit sie, versucht sich abzuschnallen. Lässt ihre Trinkflasche fallen und schreit verzweifelt 15 Minuten nach Wasser. Wir fahren von einem Stau zum nächsten. Emil fragt alle 15 Minuten wann wir da sind. Nach vier Stunden fahre ich bei meinem Bruder auf den Hof. Kurz durchatmen. Dann geht es, glaube ich. Meine Mama kommt mir entgegen und sagt mitleidend: Oh man, jetzt würdest du gerne weinen, oder? Mist. Na gut, dann tue ich das halt.IMG_0231

Wäre die Bequemlichkeit etwas hartnäckiger gewesen, hätte ich gesagt: ach nö, der ganze Stress.
Ich bleibe mal lieber Zuhause. Aber heute war sie es nicht. Sie hat mich vier Stunden über die Autobahn geschickt und meine Nerven nicht grade geschont. Aber dann klettern zwei kleine strahlende Wesen aus dem Auto die juchzen und sich freuen. Und auf Cousin und Cousine stürzen. Auf den besten Erdbeerkuchen des Landes, auf Spielsachen, an denen sie sich nicht satt spielen können und auf ganz viel Oma und Opa Liebe. Da sage ich dann, nach einem heißen Kaffee und ein paar Erdbeeren, ach, Bequemlichkeit, eigentlich hast du mir einen Gefallen getan, dass du heute nicht so hartnäckig warst. Am Ende hat sich der Aufwand ja doch gelohnt

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5 thoughts

  1. Bei jedem Satz nicke ich und denke: Ja. Genau. Oh ja! Und das selbst die Katze vor Freude schreien möchte, wenn dein Mann vom Nachtdienst kommt. Ja. Genau das.

    Du hältst mir bei deinen Texten so sehr den Spiegel vor. Das ist manchmal unheimlich. Die Patentante meiner Großen wohnt in Berlin und wir könnten einfach hin und sie besuchen. Aber die Fahrt…..

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  2. zu allem ja. und manchmal ist es auch so chaotisch und furchtbar wie erwartet, aber es gibt auch andere tage. dann ist man hinterher auch einfach nur froh dass man sich und dem kind das erlebnis zugetraut hat, weil nämlich alles super lief. geht mir oft so, wenn ich im vorfeld bauchschmerzen hatte bei aktivitäten wie ganztags-paddeln mit dem einjährigen, festivals und konzerte mit kind, bandproben, camping usw usw.
    und noch besser ist es, wenn es stressig war und man TROTZDEM froh ist, es gemacht zu haben 🙂
    lange fahrten schrecken mich auch unheimlich….

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  3. … gestern an die nordsee gefahren, gefühlte zwei stunden gepackt, einen fantastischen tag gehabt und beschämt festgestellt, das die reisezeit in den kurzurlaub genauso lang dauert wie die strecke, die ich dreimal die woche beruflich fahre …

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