Warum Tage manchmal leer sein müssen

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Sonntag. Ein Sonntag ohne Paul. Morgens früh steht er auf, duscht leise. Geht aus dem Haus. Ich bleibe im Bett. Beide Kinder liegen neben mir, eins links, eins rechts. Sie riechen gut. Sie sind wach und kuscheln. Ich fühle mich sehr wohl. Alles scheint an seinem Platz zu sein. So wie es gehört. Ein Leben, so wie ich es mir gewünscht habe. Nur ein bisschen mehr Paul – das wäre schön.

Wir stehen auf und der ganze Tag liegt vor uns. Nicht nur ich merke das. Auch die Kinder. „Heute,“ sagt Emil. „Ist unser Tag. Nur für uns. Einen ganzen Tag lang!“

Wir sind vage verabredet. Bei „Planten un Blomen“ ist heute „Laut und Luise“. Ein Kindermusikfest. Wir waren die letzten Jahre immer dort. Die Kinder haben es geliebt. Aber der heutige Tag sehnt sich danach leer zu sein und leer zu bleiben. „Möchtet ihr nachher zum Fest?“ frage ich Emil. „Müssen wir dahin?“ erwidert er. „Nein.“ sage ich. „Natürlich nicht.“ „Dann,“ sagt Emil. „Dann möchte ich heute einfach nur hierbleiben.“

Einfach nur hierbleiben. Unser Tag. Emil hat es entschieden. Und er hat richtig entschieden. Ich erinnere mich an meinen Text „Warum man nichts muss“. Weil man mit vier nichts muss. Weil einem die Welt offen steht, aber weil man mit vier auch schon selbst entscheiden kann. Und wenn man entscheidet, man möchte einfach nur Zuhause bleiben, dann ist das eine gute Entscheidung. Eine, die ich nicht nur akzeptiere, sondern eine, für die ich ihn auch bewundere.

Leere Tage sind nur dann wirklich leer, wenn wir zu viele von ihnen vor uns haben. Wochenenden verlieren ihren Reiz, wenn wir arbeitslos sind. Wer jeden Tag vor dem Fernseher sitzt, freut sich nicht mehr daran. Wer immer ausschläft, weiß den Schlaf nicht mehr zu schätzen. Würden wir jeden Tag nur Schokolade essen, würde auch das seinen Reiz verlieren (auch wenn es mir schwer fällt das zu glauben…). Kinder wissen ganz gut was sie wollen. Auch kleine Kinder. Sie haben ein Recht zu entscheiden. Über ihre Zeit. Viel zu oft entscheiden wir über ihre Zeit. Ziehen sie in Kindergärten, über grüne Ampeln. Fordern sie auf sich zu beeilen. Nehmen sie mit zum Kinderturnen, zum Ballett, zum Fußball, zu Freunden, zum Spielplatz, zu Kindertheatern und Kinderfesten. Die Großstadt ist voller Möglichkeiten und das Land direkt vor den Toren. Immer spielt sich das Leben in kleinen Abenteuern ab. Die Tage gefüllt mit Erfahrungen die wir sie machen lassen. Aber was davon erfahren sie nur durch sich? Alleine? Was erfahren sie über sich?  Über den Umgang mit Zeit?

IMG_9951Ist Zeit nicht das Wichtigste, dass wir ihnen schenken können? Zeit mit uns aber auch Zeit für sich? Zeit, um herauszufinden, worauf man selber grade Lust hat? Zeit, um zu erkennen, wie lang ein Tag sein kann. Mit was wir ihn füllen können. Was wir mögen und nicht mögen? Zeit, um sich Dinge zu erzählen? Und Zeit um den Umgang miteinander zu lernen. Das es Momente gibt, in denen wir uns langweilen. Vor allem Momente in denen nur einer sich langweilt. Ich langweile mich, wenn ich Lego baue und Emil langweilt sich, wenn ich die Wäsche sortiere. Aber damit müssen wir lernen umzugehen. Und Lösungsstrategien zu finden. Ich bin freundlich, aber ich habe nicht ständig Lust aus dem Wäsche sortieren ein pädagogisch lustiges Event zu machen. Also verschwindet Emil irgendwann. Er merkt, dass ich grade keine Zeit habe. Und auch keine Lust. Ich sage das ehrlich. Wenn wir zwölf Stunden am Tag zusammen sind, dann brauche ich auch meine Zeit. Meine Mama-Zeit. Und Emil begreift, dass Emil-Zeit auch wichtig ist. Die er alleine ist. Er braucht nur diesen kleinen Ansporn. Dieser Moment, wo er selber versteht, dass er jetzt Zeit für sich hat. Erst dann lernt er diese zu füllen. Und er füllt sie fantastisch. Manchmal sehe ich ihn dann über eine Stunde nicht. Manchmal schafft er es Ida mitzureißen. Dann verschwinden sie einfach.

Der Sonntag ist ein Sonntag wie im Buch. Er fühlt sich warm und weich an. Entspannt. Er ist gar nicht leer. Er ist absolut gefüllt. Gefüllt mit all dem, was sonst auf der Strecke bleibt. Und damit meine ich nicht die Wäsche. Sondern all die Momente die wir teilen. Die wir ohne Ablenkung teilen. Ohne Trubel, ohne das Haus zu verlassen. Wir malen mit Acryl Farben. Viele Bilder. Emil und Ida. Sie malen großflächig und dann wieder filigran. Sie matschen mit den Händen in der Farbe. Ich drücke mich manchmal vor dem Aufwand. Alles vorzubereiten. Die Farben zu verteilen, ständig aufzupassen, dass sie nicht kurzentschlossen doch kurz mit Acrylhänden auf die Sofas springen. Ich wische ständig kleine Hände ab. Und ich staune. Und bewundere. Das Zimmer liegt voller Bilder. Wieso bin ich so selten bereit sie einfach machen zu lassen? Und Acrylflecken auf Sofas eben einfach Acrylflecken auf Sofas sein lassen. Sie malen auf ihre Hände und Arme. Sie sehen toll aus. Was hindert mich daran, sie sich jeden Tag bemalen zu lassen. Sind sie nicht Kinder? Ist es nicht das Wichtigste, dass sie glücklich sind?

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Emil liest lange im Spielzimmer. Er nimmt sich ein Buch nach dem anderen. Es ist ganz still. Im Garten steht eine Kanne Tee, ich lese in der Hängematte, Ida schläft. Ich bin unglaublich tiefenentspannt. Ich genieße. Jeder Moment heute fühlt sich kostbar und richtig an.

Es gibt Dinge, die haben ihren Wert irgendwo in uns. Die muss man manchmal suchen. Aber wenn man sie findet, dann fühlt man es. Dinge, die mit Zeit zu tun haben. Und mit uns selbst. Momente, in denen wir das Gefühl haben, grade genau das Richtige zu tun. Und wenn es das richtige ist, nichtstuend in der Hängematte zu liegen, dann ist auch das richtig.

Kinder brauchen Zeit um sich zu finden. Sie brauchen auch Anregungen. Viele sogar. Sie können aus allem lernen. Aber viel wichtiger ist, dass sie selber entscheiden. Das sie Zeit haben um auch sich selbst zu verstehen. Dinge aus sich heraus zu entwickeln. Und manchmal auch Dinge aus Langeweile heraus zu entwickeln.

Wir finden eine Nacktschnecke im Garten. In einer wahnsinnigen Langsamkeit kriecht sie auf ein Blatt, dass die Kinder ihr hinhalten. Ihre Langsamkeit ist genauso symbolisch für den Tag, wie die Tatsache, dass die Kinder sich nicht rühren. Das sie der Schnecke die Zeit geben, die sie braucht. Sie werden nicht ungeduldig. Sie warten. Und beobachten ihre Fühler. Sie sehen ihr zu. Und staunen. Manchmal hält Emil seine Hand über sie. „Nicht, dass ein Vogel sie sieht und frisst.“

Am Abend spielen Emil und Ida im Spielzimmer. Wir haben nur noch eine kleine Lampe an. Es fühlt sich ganz wohlig an. Ich sitze in einer Ecke auf dem Sofa und lese. Alles ist so ruhig geworden. Dann nimmt Ida auf einmal ihren Teddy und sagt: Mama. Bett. Kuscheln!“ Und geht schon mal vor. Ganz alleine. Sie krabbelt in ihr Bett und wartet geduldig auf mich. Emil folgt mir.

„Das war aber ein schöner Tag heute, oder Mama?“ sagt er und klettert íns Hochbett. „Ja,“ sage ich. „Ich glaube, weil er so schön war, war er heute auch besonders lang.“ Mit dem Gedanken schlafen sie ein. Und ich sitze da und höre sie atmen. Ich könnte aufstehen und für Paul etwas kochen. Oder lesen. Oder fernsehen. Oder jemanden anrufen. Aber die ganze Ruhe des Tages steckt noch in mir. Also bleibe ich sitzen und sehe ihnen beim schlafen zu. Und alles fühlt sich richtig an.

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One thought

  1. Mit Tränen in den Augen sitze ich wieder einmal vor deinem wundervollen Artikel und kann nur sagen das diese beschriebenen Tage die aller schönsten und wertvollsten sind ❤
    Genau Jetzt ist solch ein Moment in dem ich weis genau das Richtige zu tun.Vielen dank liebe Miriam

    Liebe grüße
    Verena

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