Mehr Zeit. Mehr Zeit! MEHR ZEIT!

Eigentlich wollte ich heute über etwas ganz anderes schreiben. Der Text geisterte schon den ganzen Nachmittag in meinem Kopf herum. Emil hatte sich einen Kindergartenfreund eingeladen, der erst einmal bei uns war, und die beiden zusammen entpuppten sich als solch explosive Mischung, dass ich Text für zwei Beiträge gehabt hätte. Emil benahm sich unter aller Sau. Es war eine Ansammlung von Brüllen, Dinge herum werfen und das lustig finden und einem nahezu andauerndem „Pipi, Kacka, Scheiße!“ rufen. In meinem Kopf formierten sich so manche Textpassagen darüber, dass ich mein eigenes Kind grade ziemlich unsympathisch fand.

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Aber dann wurde es Abend und ich – wahrscheinlich wieder entgegen jeder pädagogischen Regel – habe Emil gesagt, dass ich fand, er sei heute gar nicht der Emil gewesen den ich kenne und so liebe. Oha. Darf mein Kind denn nicht mal frech und laut sein? Darf es nicht auch mal wild sein und seine Grenzen austesten? Bin ich jetzt nicht pädagogisch grade mächtig grausam? Kann sein – aber ich bin auch zutiefst genervt von drei Stunden Lärm, drei Stunden der Bitte um „Nicht mit der Schaufel aufs Sofa hauen!“ „Nicht schubsen!“ „Nicht die Teller schmeissen!“ „Mit Absicht auf Kekse treten ist nicht annähernd so witzig wie ihr denkt!“

Aber Emil steht vor mir und hat Tränen in den Augen. „Ich wollte das nicht, Mama. Es ist einfach so passiert.“ Schnell zurück rudern. „Nicht so schlimm,“ sage ich. „Aber schön wäre, wenn ihr nächstes mal ein bisschen weniger laut seid und nicht versucht mit Absicht Dinge kaputt zu machen.“ Wir einigen uns.

Wir essen. Wir putzen Zähne. Ida schlägt sich die Lippe am Waschbecken blutig, weil sie alleine an die Zahnbürste kommen will. Ida heult. Ich sage Emil, ich bringe Ida schon mal ins Bett. Wenn er möchte, darf er noch zwanzig Minuten fernsehen, Ida will kuscheln. Ida will wieder aufstehen. Ida will eine andere Decke. Sie will erst so und dann so rum liegen. Ida findet es witzig alle Kissen aus ihrem Bett zu werfen. Ida will Wasser. Ida grinst. Schlafen will sie nicht. Aber der Tag hat mich mürbe gemacht und langsam bin ich genervt. Emil kommt dazu.

Emil kriecht ins Hochbett. Emil redet. Ida redet. Emil ist beleidigt, weil ich nicht wie sonst eine Geschichte erzähle. „Mir fällt heute wirklich keine ein, Emil,“ sage ich. „Denn ich bin jetzt echt grade fertig. Ich habe noch nicht gegessen und ich wünsche mir, dass ihr jetzt langsam schlaft.“ Emil ist beleidigt. Er sagt, ich könne eine mit einem Eisbären erzählen. Ich sage, auch dazu fällt mir grade nichts ein. Emil ist noch mehr beleidigt und heult. Er sieht nicht ein, warum mir nichts einfällt, er hätte mir doch ein Stichwort gegeben. Es müsse doch irgendwo in meinem Kopf eine Eisbären Geschichte geben. Ich bin jetzt langsam echt genervt.

Emil sagt er kann nicht im Hochbett schlafen weil ein Kratzer, den er seit Tagen hat (!) jetzt wieder weh tut. Vielleicht könne er schlafen, wenn er sich zu mir aufs Sofa setzt. Neben Idas Bett. Na schön. Ida will dann auch nicht im Bett bleiben. Emil und Ida wühlen auf mir rum. Sie schubsen sich. Jeder will den besseren Platz. Ida findet ein Buch unter dem Sofa und will das jetzt vorgelesen bekommen. Man, ich will, das sie endlich schlafen. Nach fünfzehn Minuten gebe ich auf. „Tut mir leid, so wird das nichts. Jeder wieder in sein Bett.“ Klingt alles undramatisch, aber ich könnte schon längst heulen. Die Minuten vergehen wieder. Der Lärmpegel des Tages sitzt mir immer noch im Nacken.

Irgendwann schläft Ida endlich ein. Emil wühlt noch ein bisschen. „Gute Nacht, kleiner Emil,“ sage ich und küsse ihn noch mal. „Morgen habe ich wieder bessere Laune. Versprochen.“ Emil lächelt müde.

Ich mache mir ein Brot und weil Paul nicht da ist, gucke ich Fernsehen. Einen Moment kommt es mir komisch vor, Emil so laut weinen zu hören. Ich mache den Fernseher leise. Emil weint tatsächlich. Er weint sehr, aber er ruft mich nicht. Ich stelle meinen Teller weg und bin irgendwie beunruhigt. Wieso weint er und ruft nicht? Träumt er?

Er träumt nicht. Er ist wach und weint. Er weint herzzerreißend. Er weint echt. Richtig echt. Die Trauer kommt irgendwie von ganz weit unten und er wird regelrecht von ihr überrannt. Ich glaube, er wollte wirklich gerne schlafen. „Was ist los?“ frage ich besorgt. „Ich bin so traurig,“ sagt Emil. „Ich bin furchtbar schrecklich traurig und ich weiß nicht warum.“ Ich krieche zu ihm ins Bett. „Vielleicht bist du nur müde,“ versuche ich ihn zu trösten. Aber Emil sagt etwas, was mich zutiefst beunruhigt. „Ich glaube mit mir stimmt was nicht, Mama.“ Ich nehme ihn in die Arme und halte ihn fest. Einen kleinen Menschen der vier ist. Der nicht schlafen kann, weil er so traurig ist. Sofort habe ich ein schlechtes Gewissen, wegen meines Spruchs vorher. Das ich ihn heute nicht besonders nett fand. „Ich bin auch im Kindergarten oft traurig,“ sagt er. „Ich muss dann weinen und kann nicht sagen warum. ich weiß es nicht. Aber ich bin furchtbar traurig, Mama. Ich kann nicht aufhören so traurig zu sein.“

Ich möchte mit weinen. Ich möchte ihn die ganze Nacht halten. Und verstehen.

Wir liegen lange nebeneinander im Bett. Emil weint nicht mehr, aber er ist noch traurig. Und das finde ich erschreckend. Ich bin nicht tröstend genug. Die Anwesenheit einer Mama reicht gegen diese Trauer nicht. Ich würde ihn so gerne verstehen. „Mama,“ sagt er irgendwann. „Kannst du von allen die ich liebe Fotos an mein Bett hängen? Damit ich sie nie vermissen muss?“ Ja, sage ich. Und irgendwie denke ich an gestern. Als Ida das Bild gefunden hat, von Emil und meiner Oma. Sie hält ihn auf dem Schoß und küsst seine Stirn. Emil hat ihr das Bild weggenommen. „Das bin ich mit meiner Uroma,“ sagt er. „Die hat mich sehr geliebt. Und ich sie auch.“ Er hat das Bild genommen und irgendwo versteckt. Ich weiß nicht, ob er sich daran erinnert. Wahrscheinlich nicht. Aber es hat ihn den ganzen Tag beschäftigt. Auch heute noch, als sein Kindergartenfreund das Bild gefunden hat. „Das ist meine Uroma!“ hat er gesagt und es wieder beschützend an sich genommen. „Das ist eine Pipi Kacka Oma,“ hat sein Freund gesagt. Aber diesmal fand Emil das gar nicht witzig.

“ War sie einfach irgendwann tot?“ hat er mich gestern gefragt. „Ja, sie ist einfach eingeschlafen,“ sage ich. „Sie war ja alt.“ Emil denkt nach. „Konntest du ihr tschüs sagen?“ Ja und nein. Wahrscheinlich nicht so wie ich es wollte.

Das jemand aus dem Leben verschwindet, den man liebt, muss schwer zu verstehen sein. Ist es nicht auch für uns immer noch schwer? Als erstes, konstatierte Emil grade, müsse ich ein Bild von Oma und Opa aufhängen. “ Da hängt schon eins,“ sagt er und deutet auf eines aus den 70ern, Opa auf einem Motorrad. Das Bild ist großformatig und schwarz weiß. Opa hat es ihm mal geschenkt. Es hängt gerahmt neben dem Hochbett. „Aber da hat er einen Helm auf.“ Ich verspreche gleich morgen Bilder von Oma und Opa aufzuhängen. Er schläft in meinen Armen ein.

Und ich denke nur eins als ich aus dem Hochbett steige. Zeit. Er braucht Zeit. Ich brauche Zeit. Wir alle brauchen Zeit füreinander. So viel wie möglich. Alle Zeit der Welt, die wir haben. Die uns zur Verfügung steht. Das Wochenende mit Paul am Meer, war der letzte Moment, wo die Kinder wirklich Zeit mit Paul hatten. Und Emil ist durchgedreht vor Freude. Zeit mit mir, mit Paul, mit Ida. So viel Glück. Haben wir das denn nicht gesehen? Nicht wahrgenommen? Haben wir nicht bemerkt, wie wichtig es ihm ist bei uns zu sein?

War nicht der Sonntag unser Tag gewesen? War nicht mein letzter Beitrag noch voll von Zeichen? Wir brauchen Zeit, viel mehr! Jeder verdammte Moment zusammen ist wie das Wasser zum leben. Wie die Luft zum atmen. Emil will mehr davon. Und ist das nicht sein verdammtes Recht? Und unser auch? Die Tage, die Jahre, das Leben ist zu kurz um es nicht wahrzunehmen. Um nicht genau das zu greifen, was vor uns liegt. Und auch zu wissen, sollte er irgendwann auch jemanden verlieren, den er liebt, dann ist das Wichtigste zu wissen, man hat all die Zeit die man hatte gemeinsam verbracht. Man hat alles getan, um das Leben zu leben. Zu genießen. Zu greifen, zu fühlen, zu lieben. Sind wir nicht auf der Welt um das zu spüren?

Und wenn es mich Geld und Luxus kostet, die Zeit mit Emil und Ida und Paul muss immer einen höheren Stellenwert haben als alles andere. Und ich möchte nie mehr, das mein Kind Abends alleine im Bett weint, weil es so furchtbar traurig ist.

Lieber Emil ich habe begriffen, was du mir sagen wolltest. Und ich bin immer wieder dankbar, wenn du mir die Augen öffnest. ich liebe Dich. Deine Mama

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5 thoughts

  1. oh nein, das is ja herzzerreißend 😦 aber ganz toll, wie du die zeichen ernst nimmst und dir gedanken machst.
    „mehr zeit“ ist immer leicht gesagt, aber ich denke trotzdem, dass man möglichkeiten und wege findet, wenn man es wirklich als priorität behandelt und fest „als termin“ einplant. ich wünsch euch viel erfolg dabei!
    einen dicken drücker an emil, ich hoffe er wird ganz bald nicht mehr so traurig sein.

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  2. Hallo ihr Lieben,

    Ich sitze gerade hier und kann nicht aufhören zu weinen. Meine Kinder sind genauso alt wie deine zwei und es zerreißt mir das Herz, das so ein kleiner Mensch schon so traurig sein kann. Ich hoffe sehr, du findest die Zeit und kannst ihm die Traurigkeit nehmen. Alles, alles Liebe für euch.

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  3. Oh Gott, ist das traurig!

    Liebe Miriam,
    ich verdrücke gerade gefühlt tausend Tränen für dich und deinen kleinen-großen Emil!
    Ich habe hier auch einen kleinen Vierjährigen, der mir das Leben oft versüßt und manchmal auch den letzten Nerv raubt.
    Was ihr zwei da erlebt habt berührt mich und ich kann mich da sehr gut hineinversetzten.
    Das Thema ist in meinem Kopf auch sehr aktuell, denn mein Lukas liebt seine Urgroßeltern, väterlicher Seits, über alles und leider kann jeder Tag der letzte sein.

    Ich wünsche euch ganz viel Zeit füreinander und dir starke Nerven. Die Lärmpegel-Schallmauer wurde hier nauch noch nciht durchbrochen, aber manchmal sind wir nah dran *lach*

    Herzliche Grüße,
    Tina

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  4. Eigentlich bin ich grad viel zu gefesselt um die richtigen Worte zu finden. Dieser Text geht mir sehr nah, ich habe hier auch so einen Emil, inzwischen fast 6 und manchmal bringt er mich so auf die Palme und es ist alles so anstrengend und ich mag nur noch verstehen was da in seinem Kopf so vorgeht. Wenn die beiden (er und sein Bruder) so anstrengend sind, dann hat das meistens wirklich einen tiefliegenden Grund worauf man auf den 1. Blick vielleicht gar nicht kommt.
    Ich habe mich in Deinem wunderbaren Text so oft wiefergefunden. Vielen Dank für’s mit uns teilen. ❤
    Tanja

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  5. Was für ein ergreifender Text, liebe Miriam. ich wünsche euch, dass du eine große Stütze für deinen Emil sein kannst und ihr das zusammen hinbekommt. Eure Kommunikation funktioniert doch schon mal hervorragend und er verschließt sich nicht.

    Liebe Grüße

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