Wulksfelde – Drei Jahre zurück und ein Blick in die Zukunft

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Es regnet. Es regnet in strömen. Es fühlt sich gar nicht nach Sommer an. Emil quetscht sich in seine Gummistiefel. Er hat schlechte Laune. Vielleicht auch schlecht geschlafen. Auf Regen hat er zumindest grade keinen Bock. Ida ist das egal. Wenn es nach Ida ginge würde sie ohnehin tagtäglich Gummistiefel tragen – am liebsten auch im Bett. Manchmal verstecke ich die Gummistiefel, nur weil ich es hin und wieder begrüsse, wenn sie auch mal andere Schuhe trägt. Andererseits trägt Ida immer noch Schuhgrösse 20. Und Kaum etwas ist so süß, wie Gummistiefel in der Schuhgröße 20.

Wir gehen durch den Regen zum Auto. 40 Minuten Fahrt. Wir lassen Hamburg hinter uns. Fahren zwischen Feldern durch. Es regnet immer noch. In den hohen Gräsern links und rechts von uns stehen Kühe. Immer wieder sinnieren wir übers Landleben. Ist es schon zu weit nach Hamburg? Könnte man pendeln? Immer wieder rufen wir verzückt: Oh, guck mal der Hof! Guck mal, das kleine Gutshaus. Es macht Spaß rumzuspinnen. Wir wissen selbst, dass wir Hamburg nicht verlassen werden. Ein bisschen drüber nachdenken erfreut uns trotzdem.

IMG_9367Als wir das Gut Wulksfelde erreichen hat der Regen nachgelassen. Ein bisschen grau sieht es aus, das alte Gutshaus. Davor Rasen, Scheunen, Verwalterhaus, Gutscafe, Hofladen. Die Natürlichkeit springt einem regelrecht ins Gesicht. Emil und Ida rennen los. Ida mit ihren Freunden – es ist ihr Ausflug. Aber Emil auch mit seinen Freunden. Wer einmal in Idas Tagespflege Zusammenschluss war, der kommt zurück. Beim zweiten und auch beim dritten Kind. Und so sind viele ältere Geschwister da. Kinder, die bereits mit Emil in der Tagespflege waren. Eine kleine Pippi Langstrumpf Welt. Frei und wild und wunderbar.

Die Kinder streicheln Schafe und Ziegen. Die Sonne lässt sich auch mal blicken. Wir sitzen im Gras und essen frisch gebackenes Brot. Ich sehe mich um und ich sehe Emil vor drei Jahren. Ich spüre ein bisschen wie es war, eine Emil Mama gewesen zu sein. Eine Mama mit dem ersten Kind. Das grade eineinhalb war. Alles war so neu. So aufregend. Jeder Entwicklungsschritt so neu.

Ich verliere beide Kinder öfter mal aus den Augen. Das Urvertrauen hatte ich damals nicht. Kaum hätte ich mir vorstellen können meinen kleinen Emil aus den Augen zu lassen. Ida hingegen finde ich irgendwann am Hofladen. Immerhin kommt sie immer zu uns zurück. Bin ich weniger aufmerksam? Ja. Aber schenke ich auch ihr weniger Aufmerksamkeit als damals Emil? Und wenn ja, ist es tatsächlich etwas, wofür ich mich schämen muss? Oder gebe ich ihr ein Recht auf Freiheit. Vertrauen.

Ich kann nicht mehr die Mama von damals sein. Wie sollte das auch gehen? Ich habe viel mehr Erfahrungen. Ich habe gelernt meine Aufmerksamkeit auf zwei Kinder aufzuteilen. Und auch wenn ich ein drittes oder viertes mitnehme überfordert mich das nicht. Ich bin auch nicht mehr so überrascht über jeden Entwicklungsschritt. IMG_9538Aber ich freue mich genauso zu sehen, wie Ida zum ersten mal ein Schaf berührt. Mein Herz schlägt doppelt so schnell, wenn ich sehe, wie sie auf den Teich zu läuft. Wie sie lacht und juchzt und wie sie mit ihren Freunden kommuniziert. Ich staune über ihr Sozialverhalten. Ich kann sie ständig und immerzu beobachten. Aber genauso kann ich loslassen. Ich kann viel mehr auch mich selbst in diesem Gefüge sehen. Ich bin viel mehr als nur die Mutter. Ich bin ich. Ich nehme mir Zeit, die ich für mich brauche. Ich bin viel mehr bereit uns als Ganzes zu sehen. Bei Emil habe ich sehr viel Emil gesehen. Ich war nahezu aufopferungsvoll für Emil. Aber da war ich eine Frau, die ihr erstes Kind bekommen hat. Um das ich mich gekümmert habe. Mit einem Mann, den ich kaum gesehen habe. Jetzt sind wir vier Personen. Die nahezu gleichberechtigt agieren. Ich arbeite, Paul arbeitet, ich treffe meine Freunde, Paul trifft seine, wir treffen unsere gemeinsamen Freunde. Es gibt jedwede Konstellation. Mama Emil Tage. Pauls und meine Tage. Mutter Tochter Stunden. Alles ist möglich. Und wir funktionieren auf einmal gemeinsam. Und jeder für sich.

Paul hat Wochenenddienst und kann deshalb am Freitag dabei sein. Ich sehe ihm zu wie er mit Ida durch den Kräutergarten schlendert. Wie er Emil den Bienenstock zeigt. Und ich weiß, ich könnte mich jeden Tag, jede Sekunde wieder neu verlieben. In ihn, in meine Kinder und in mein Leben.

Emil Gut Wulksfelde 2012        IMG_9625

Emil Gut Wulksfelde 2012 und Emil Gut Wulksfelde 2015

Wir sind im Grunde nie mehr dieselben wie am Tag zuvor. Zu viele Dinge beeinflussen unser Leben. Ständig machen wir neue Erfahrungen. Wir verändern uns langsam und unsere Kinder verändern sich rasant. Als ich Emil die Bilder mit den drei Jahren Unterschied zeige fragt er: Was konnte ich denn damals? Und im Grunde impliziert diese Frage: Wer war ich denn damals? Wer war ich denn, als ich der einjährige Emil war.

Meine beste Freundin hat einmal gesagt: Schade, dass ich mich nicht als Kind kannte. Ich glaube, ich war ganz schön niedlich.

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One thought

  1. „Ich kann sie ständig und immerzu beobachten. Aber genauso kann ich loslassen. Ich kann viel mehr auch mich selbst in diesem Gefüge sehen. Ich bin viel mehr als nur die Mutter. Ich bin ich. Ich nehme mir Zeit, die ich für mich brauche. Ich bin viel mehr bereit uns als Ganzes zu sehen. Bei Emil habe ich sehr viel Emil gesehen. Ich war nahezu aufopferungsvoll für Emil. Aber da war ich eine Frau, die ihr erstes Kind bekommen hat. Um das ich mich gekümmert habe.“ Genau das, ganz genau das sagte ich gestern zu meinem Mann!

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