Nach Hause gehen

Nach Urlaubstagen findet sich irgendwie keiner mehr so richtig zu Recht. Das geht schon Nachts los. Die Kinder waren im Auto eingeschlafen, wir haben sie reingetragen und dann – das übliche Prozedere in Hamburg Eimsbüttel – einen Parkplatz gesucht. Immerhin – beide haben weitergeschlafen. Zumindest bis Nachts um halb zwölf. Da ist Ida wieder wach und mit wach meine ich wirklich wach. Sie sagt „Oben! Hoch! Oben!“ Und will zu Emil aufs Hochbett klettern. Kurzer Moment, wo ich denke: vielleicht doch keine so gute Idee mit dem gemeinsamen Zimmer? Ich flüstere mehrmals nein, meine nackten Füße werden kalt, Ida hängt sich bäuchlings über die Sofalehne und findet das extrem lustig. Ständig sucht sie Blickkontakt, ob ich das eventuell auch so extrem lustig finde wie sie. Aber die „Lustigkeit“ hält sich in Grenzen. Ida beschließt, dass es ihr eigentlich auch egal ist, ob ich die Dinge ebenso witzig finde wie sie.

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Schuhe, Kniestrümpfe und Kleid von Nordkinder.de

Mitternacht. Ida liest ein Buch. Im Dunkeln. Und ungeachtet dessen, dass sie natürlich noch nicht lesen kann. Ich gähne. Und meine Füße sind kalt, meine nackten Beine sind kalt. Ich lege mich in Idas Bett. Interessiert sie nicht.

Ein Uhr Nachts. Ida kommt auch ins Bett. Na, bitte. Geht doch!

Um sechs steht Emil in der Tür zum Schlafzimmer. „Heute,“ konstatiert er, „Habe ich aber wirklich mal sehr lange geschlafen!“ Das ist Ansichtssache, denke ich. Paul steht eh auf. Ich mache mir einen Kaffee und trinke den im Bett. Emil und Ida wühlen über mich rüber. Sie nennen das „kuscheln!“. Aber ich fühle mich wie eine Löwenmama, deren Junge ständig über sie rüber purzeln. Dann wollen sie ein Wasser, ein Picknick, ein Buch – und das ist ein guter Moment und auch aufzustehen. Und nicht wieder zu kommen. Als sie merken, dass sie alleine im Bett verweilen sollen, tapsen sie mir hinterher.

Oh, kein Frühstück. Wie auch. Waren ja im Kurzurlaub. Kann ja keiner ahnen, dass man rechtzeitig hätte einkaufen müssen. Paul radelt los. Revidiert aber noch mal, dass er doch keinen Frühdienst hat, sondern den ganzen Tag arbeiten muss. Ach so.

Ich suche Sachen zum Anziehen raus, die sowohl Emil als auch Ida nicht anziehen wollen. Ida malt auf ihr Bein, Emil baut irgendwas aus Lego. Ich gehe duschen. Ida heult. Ich komme aus der Dusche wieder raus. „Ich weiß jetzt aber wirklich ganz und gar nicht wieso die Ida weint,“ sagt Emil und zieht die Schultern hoch. Na ja, Schaum ist fast raus. Trockne ich mich eben ab.

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Die Katze hat auf die saubere Wäsche gepisst. das sie aber auch immer gleich so beleidigt sein muss, wenn wir mal für mehr als einen Tag das Haus verlassen. Ich stecke schnell was in die Wäsche, im Flur liegen noch die Reisetaschen. Jetzt erst mal los. Anziehen unter Geschrei.

In Idas Kindergarten sind immer noch Rota Viren, bei Emil hängt ein Zettel auf dem ständig aktualisiert wird, wie viele Streptokokken Fälle es grade gibt. Rota finde ich schlimmer und hatten wir ja schon. Also verlasse ich gut gelaunt das Gebäude.

Ein Wochenende nicht da, über hundert nicht gelesene Mails. Viel Blödsinn und einige Nachfragen nach versandten Bildern. Poststreik. Kann ich nichts für, muss aber natürlich trotzdem allen antworten. Fototermin an der Elbe. Sonne, weißer, weicher Sand. Danach Kaffee in der Strandperle. Wie Urlaub.

Ich hole die Kinder zu Fuß ab. Das Wetter ist so schön und ich habe Zeit noch einkaufen zu gehen. Ich treffe viele (zu viele) Leute und komme fast zu spät. Ida will natürlich nicht im Buggy sitzen sondern selber laufen. Ausserdem habe ich einen Brief bekommen, dass sich Emils Kindergartenbeitrag um mehr als 100 Prozent erhöht. Ich habe keine Ahnung warum. Wieder etwas, worum man sich kümmern muss.

Die jüdische Schule wird immer von mehreren schwer bewaffneten Polizisten bewacht. Manche tragen ihre Waffen mit ein bisschen zu viel Stolz, aber die meisten sind nett. Einige rufen: „Hallo, Emil!“ Dann fühlt man sich gleich Zuhause. Dabei ist Emil gar nicht im jüdischen Kindergarten, sondern im Kindergarten nebenan. Auf dem Platz der Synagoge spielen die Kinder zwischen den Bäumen. Wir haben es nicht eilig und bleiben.

Wir bleiben allerdings überall. Beim Brunnen, in den Emil und Ida noch Steine werfen. An der Grindelkreuzung, weil Emil mal muss. An der Helene Lange Schule, weil man da auf dem Geländer klettern kann. An jeder Ecke wo Löwenzahn wächst, den man pflücken kann. Nach einer Stunde haben wir ungefähr einen Kilometer Strecke zurück gelegt. Ida will nicht in den Buggy, aber auch nicht in unsere Richtung laufen.

Emil muss noch auf den Kletterbaum am Isebekkanal, Ida füttert Enten, obwohl gar keine da sind. Als ich ihr das Brot wegnehmen will, wird sie wütend. Die Hoffnung, dass noch eine kommt ist allem Anschein nach noch da. Auf dem Platz der verbrannten Bücher müssen sie balancieren. Auf den Wegen nach Steinen suchen, die (wie Emil sagt) wie „Kartoffeln“ aussehen. Die wiederum müssen in die Jackentasche von Idas Jacke gesteckt werden, die Jacke liegt aber unter dem Buggy. Jedes mal wird sie umständlich herausgezogen und manchmal fallen dabei alle Steine aus der Tasche. Die werden dann feinsäuberlich wieder aufgesammelt.

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Am Café Elbe hält ein Transporter der Getränke liefert. Das scheint aufregend genug zu sein um sich noch mal zehn Minuten nicht vom Fleck zu rühren. Vor einem alten Jugendstilhaus steht eine Schubkarre voller Gestrüpp. Ida versucht vergeblich sie zu schieben. Wenn Menschen aus dem Haus kommen deutet sie fast vorwurfsvoll auf die Schubkarre und sagt: „Schieben!“ Jeder unterhält sich mit ihr. Es dauert ewig.

Wir sind jetzt knapp zwei Stunden unterwegs. ich weiß nicht, wie sich das auf das Tiefkühlgemüse unter dem Buggy so auswirkt. An der Kirche spielen wieder Kinder Fußball. Donnern immer wieder den Ball gegen das alte Kirchenportal. Emil staunt. Ida sammelt Steine und Blätter. Alles gibt sie mir in die Hand. Und sie kontrolliert genau, ob ich auch alles noch halte. ich treffe eine Freundin und die Zeit vergeht.

Kaum sind wir zu Hause kommt Paul auch schon. Halb sieben. Früher als erwartet. Die Kinder schreien „Papa! Papa!“ und freuen sich. „Und?“ fragt Paul. „Was habt ihr so gemacht?“ „Wir sind nach Hause gegangen,“ sage ich. Denn was anderes haben wir nicht mehr geschafft. Aber ist das nicht eigentlich auch völlig egal?

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3 thoughts

  1. wunderbare einstellung! 🙂 ich kann mich noch erinnern, als kind mit meiner oma jede woche die exakt gleiche strecke im wald spazieren gewesen zu sein und was ich dort immer für aufregende entdeckungen gemacht und abenteuer erlebt habe. und der wald war jedes mal anders, als die woche zuvor.
    jetzt als mutter erlebe ich auch immer wieder, dass „der weg das ziel ist“ und wie es sich anfühlt, nur im „jetzt“ zu sein. ‚
    ich glaube, wir können dahingehend ne ganze menge von unseren kinder lernen.
    liebe grüße!

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