Warum wir mit dreissig erst Kinder bekommen sollten

paul

In meinem Freundeskreis haben die meisten ihre Kinder erst mit Anfang dreissig bekommen. Und ja, das sind Akademiker, die sich vielleicht erst mal mehr auf die Ausbildung als auf die Familiengründung konzentriert haben. Aber ich schreibe gar nicht im Namen dieser Freunde. Ich schreibe auch nicht im Namen aller anderen Mütter, die mit über dreissig ihre Kinder bekommen haben. Ich schreibe ausschließlich von mir. Denn ich habe meine Kinder mit über dreissig bekommen. Und ob das gewollt oder nicht war. Ob das war, weil ich erst dann den richtigen Mann gefunden hatte. Mir sicher war. Bereit war. Auch das ist irrelevant. Weil es darum geht, was ich daraus gemacht habe und gelernt habe.

Ich bin mit 19 von Zuhause ausgezogen. Von der Klein- in die Großstadt. Ich habe angefangen zu studieren und ich habe mir Gedanken darüber gemacht, was ich vom Leben erwarte, aber vor allem, was ich von den nächsten Jahren erwarte. Ich habe mich verliebt.

Ich habe gefeiert, gelebt, studiert. Ich habe auf Wiesen gesessen und Kaffee getrunken, ausgeschlafen, Freunde gefunden. Immer mehr. Ich habe mir ein soziales Netzwerk aufgebaut. Ich habe mir Fragen gestellt was ich für mich will aber auch für andere. ich habe angefangen Nächte lange durchzuschreiben. Ich habe Zeit gehabt mich als Anfang Zwanzigjährige kennenzulernen. Ich kannte mich ja nur als Schülerin. Als jemand, der noch Zuhause wohnt. Ich war jemand neues, jemand, der sich auch neu definieren musste und konnte. Ich war ein bisschen auf dem Weg mich selbst zu finden.

Ich bin nach Italien gezogen. Ich habe Entscheidungen getroffen. Ich habe eine fremde Sprache gelernt, eine Kultur kennengelernt, ich habe noch mehr studiert. Andere Freunde getroffen, Wein getrunken. Ich bin Nächte lang an Venedigs Kanälen herum spaziert. Habe Gespräche geführt, war immer noch verliebt. ich habe an Stränden geschlafen, Sterne gezählt. Ich habe gelernt, wie es ist jemanden zu vermissen. Aber auch, wieder neu anzufangen.

Ich habe mich getrennt. Ich habe gelitten, geheult, mich betrunken. Ich bin umgezogen und habe neue Freunde gefunden. Ich war wieder bei Null und ich habe neu angefangen mich zu finden. Ich war jetzt wieder jemand anderes. Ich war allein und auf einmal frei. Ich habe mich gefragt, ob ich das richtige studiere. Ich war vorher zu glücklich, zu eingelullt. Ich habe nicht wirklich wahrgenommen, dass es nicht das war, was ich eigentlich wollte.

Ich habe Herausforderungen gesucht. Ich bin mehrere Wochen alleine durch Marokko gereist. Ich hatte neue Freunde und die alten. Ich habe aufgehört zu studieren. Ich habe meine Liebe zur Fotografie entdeckt.

Ich hatte kein Geld aber viel Glück. Ich hatte Zeit, so viel kostbare Zeit immer wieder Dinge neu zu erfahren, zu entdecken. Ich bin nach Afrika gereist. Ich bin nach Mittelamerika gereist. Ich habe neue Perspektiven gefunden, immer wieder. Ich habe für die Welthungerhilfe fotografiert. Ich war Mitglied bei Viva con Agua. Mein Freundeskreis und mein soziales Netzwerk wurden riesig. ich habe gefeiert, ich habe Kunst gemacht, ich habe mich inspirieren lassen von all den vielen Menschen, die Dinge bewegen. Ich habe geschlafen, wenn ich schlafen wollte, ich bin Nachts herumgegeistert. Ich habe Ausstellungen, Vernissagen und Festivals besucht. Ich habe Künstler und Musiker kennengelernt. Ich war auf einmal in einer Welt, in der ich neu war. Und auch das hat mich verändert. Ich habe tausende Gespräche geführt, die mich inspiriert und motiviert haben.

Ich habe meine Studium abgeschlossen. Ich habe gelernt das Wissen anzueignen Spaß machen kann. Ich habe Bibliotheken geliebt, ich habe gelesen bis in die Nacht. Ich bin weiter gereist. Ich hatte immer noch kein Geld, aber tausend Ideen. Ich habe angefangen in unterschiedlichen Jobs zu arbeiten. Ich habe Tausend Erfahrungen gesammelt. Und ich war wieder jemand anderes. Aber ich war immer jemand, den ich mochte. Ich war immer eine Person, die ich auch sein wollte. Ich habe immer mir selbst entsprochen. Ich war immer bereit, noch mehr zu sehen, zu lernen, zu erfahren, über mich zu lernen.

Ich habe mich wieder verliebt. Aber anders. Intensiver, aber freier. Ich wusste aus Erfahrung, was ich alles alleine schaffen konnte. Das ich ganz alleine jemand war. Jemand, der sich selbst mochte. Ich war enthusiastisch und euphorisch, aber ich war nicht bereit, auch nur eine meiner Ideen, meiner Träume und Wünsche jetzt noch jemandem oder einer Sache unterzuordnen. Ich habe Paul mit in meine Welt genommen und er mich mit in seine. Wir hatten keine Lust auf Kompromisse. Wir haben zwei Leben zusammen getan, die aufregend waren, die voller Erinnerungen, Erfahrungen und voller Passion waren.

Mit zweiunddreissig haben wir ein Kind bekommen. Emil. Und nie hatten wir das Gefühl, dass sich für uns, für das was uns wichtig ist und war, etwas geändert hatte. Wir sind weiter gereist. Wir haben unsere Freunde gesehen. Wir haben weiter für unsere Ideen gekämpft, waren voller Enthusiasmus. Wir haben neue Ideen gefunden – auch durch Emil. Wir haben gelernt das Leben aus einer anderen Perspektive zu sehen. Und das als Bereicherung zu sehen. Wir waren jetzt drei Menschen mit Zielen und Wünschen.

Wir fühlen uns nicht störrisch, nicht übermutternd, nicht übervorsichtig.Wir versuchen unsere Kinder nicht einzuengen. Und vor allem: Wir können ihnen so viel geben. So viel Erfahrung, so viel Begeisterung. Es geht nicht um Geld. Aber um den Schatz an Dingen, die wir ihnen vermitteln können. Und die Sicherheit, Eltern zu haben, die nie etwas aufgeben mussten. Die immer sie selbst waren, die viel erlebt haben und nie damit hadern, was sie verpassen könnten. Eltern, die ihre eigenen Bedürfnisse haben und ausleben können, die ihre Arbeit lieben und ihre Kinder.

Wir haben so viel gesehen. Wir haben so viel erlebt und gelebt. Wir haben so viel über uns gelernt. Weil wir die Zeit dazu hatten. Und vielleicht waren wir erst dann wirklich bereit, all diese Erfahrungen, all dieses große, bunte, bereichernde Leben mit unseren Kindern zu teilen. Müssen wir nicht erst selbst erfahren was es bedeutet wirklich zu leben, bevor wir es unseren Kindern zeigen können?

Ich bewundere Menschen, die ihre Kinder früh bekommen. Und manchmal denke ich, man hätte Zeit, eine riesige Horde wunderbarer Kinder zu bekommen. Aber für uns kam es anders. Und das war gut so. Aber wenn jemand sagt, mit über dreissig wäre man „zu alt“ um wirklich entspannt Kinder großziehen zu können, dann ärgert mich das. Entspannung hat nichts mit dem Alter zu tun. Und wie gut oder schlecht man seine Kinder großzieht auch nicht.

Und damit basta.

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3 thoughts

  1. Schön etwas mehr über dich zu erfahren. 🙂 Und lass sie reden. Ich bin noch keine 30 und habe zwei Kinder. Wäre es anders gekommen, wäre es eben anders gekommen. 25 oder 30 oder 35? Wer soll darüber bestimmen dürfen, wenn nicht wir ganz alleine? Hauptsache es passt.

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  2. Püh! Einen Scheiß muss ich. Schon gar nicht mir ne Meinung oder ein Lebensmodell diktieren lassen 🙂 Nö! Die Welt ist groß und bunt und ich war mit dreißig gerade so erwachsen genug, mein Großkind zu bekommen. Mit dreiundvierzig war ich dann reif für den Kleinen. So what? Die Kinder haben mich gefunden, jedes zu seiner Zeit.
    PS. Ich mag die Fotos auf Deinem Blog sehr sehr sehr gern. ❤

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