Die ewige Zweite?

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Wie oft habe ich darüber nachgedacht: Kann ich ein zweites Kind genauso lieben wie das erste? Ist das denn überhaupt möglich? Habe ich Liebe für zwei?

Je weiter die Schwangerschaft fortgeschritten war, desto mehr Angst und Zweifel hatte ich. Was ist, wenn ich diesen kleinen Menschen nicht genauso liebe wie Emil? Wie kann ich ihr gerecht werden? Wie kann sie diese hohe Messlatte erreichen? Niemals wird sie ein zweiter Emil werden. Wird sie ewig die Nummer zwei bleiben?

Emil hatte niemals solche Zweifel. Emil hat Ida immer geliebt. Ohne zu Hinterfragen, ohne Angst um seine eigene Rolle zu haben. Emil hat Ida bedingungslos geliebt. Für Emil ist Ida alles. Wie ein Geschenk, dass wir nur ihm gemacht haben. Irgendwann saß er neben Ida und mir im Gras und sagte: Schön, dass ihr mir nicht irgendeine Schwester geschenkt habt, sondern auch noch so eine tolle!

Geschwister rutschen in ihre Rollen. Emil wird immer der erste bleiben. Das erste mal tragen, halten, versuchen die kleinen Ärmchen in einen Body zu bekommen. Und vor allem: das erste mal gebären. Das erste mal Schmerzen, das erste mal instinktives Verhalten an sich erkennen, das erste mal an seine Grenzen gehen und darüber hinaus. Das erste mal ein nasses, warmes Wesen auf der nackten Haut spüren, dass erst Sekunden in dieser Welt ist. Das ankommt. Angekommen ist bei seiner Familie. Das wir bis an unser Lebensende behüten werden. Bei uns tragen. In unserer Erinnerung immer wieder klein sein lassen. Ein Wesen, das alles verändert. Das uns ab jetzt jeden Tag mit so viel Glück beschenkt und um das wir uns ein Leben lang Sorgen werden.

Bei Idas Geburt war nicht nur die Vorfreude da. Auch die Erinnerung. Erinnerung an Schmerzen und Hilflosigkeit meinem Körper gegenüber. Ich war voreingenommener. Ich wusste was kommt. Und doch war da der Moment des Zaubers, als sie da lag. Ein Mädchen mit schwarzen Haaren – auch äußerlich etwas ganz anderes als Emil. Keinen Moment mehr hab ich daran gezweifelt, dass ich sie genauso lieben kann. Ja, vom ersten Moment an genauso geliebt habe.

Aber wird sie die ewige Zweite bleiben? Werden wir sie ständig vergleichen? Suchen wir immer die Parallelen zu Emils Entwicklungsschritten? Muss ich aufpassen, sie als Individuum zu sehen? Kann ich sie genauso oft halten, trösten, lieben? Kann ich ihr die gleich Hingabe schenken? Kann ich zwei Kinder trösten und lieben? Kann ich zwei Kindern gerecht werden?

Ja, ich kann. „Same but different,“ würde Paul sagen. Ida wird in eine Familie geboren, die bereits drei Mitglieder zählt. Das ist das Leben, dass sie von Geburt an kennenlernt. Paul und mich und Emil. Emil küsst und streichelt sie. Emil reicht ihr Spielsachen. Emil schaukelt ihre Wiege. Emil sucht ihre Kleider aus und schiebt ihren Kinderwagen. Ein Leben ohne Emil? Kennt Ida nicht.

Als Emil geboren wurde gab es für ihn nur eine Rolle – die, die er besetzen wollte. Als Ida geboren wurde, war eine Rolle schon vergeben. Die des großen Bruders. Die von demjenigen, der mehr konnte als sie. Der schon alleine laufen kann. Sagen kann, was er essen möchte. An Dinge ran kommt, für die sie noch zu klein ist. Egal was kommt. Diese Rolle würde sie nie einnehmen können. Sie musste sich eine andere suchen.

Wir sollten uns nicht nur fragen, warum unsere Kinder sich unterschiedliche Rollen suchen wie ökologisch noch nicht besetzte Nischen. Wir sollten uns auch fragen, ob nicht auch wir uns mit jedem Kind verändert haben? haben wir nicht die anfängliche Vorsicht und Unsicherheit abgelegt. Haben wir nicht zwangsläufig erkennen müssen, dass das zweite Kind auch mal weinen muss, weil wir uns um das erste kümmern? Das unsere Arme manchmal nur für ein Kind reichen. Das unsere Zeit aber auf einmal für zwei reichen muss. Das wir viele Dinge gar nicht erst anfangen, weil sie mit Zweien zu umständlich sind? Babyschwimmen mit zwei Kindern? Babyturnen, wenn sich daneben ein Dreijähriger langweilt?

Die Zweiten werden in vielerlei Hinsicht irgendwann die Ersten seien. Sie haben gelernt sich anzupassen. Sie lernen sich manchmal selbst zu helfen. Sie lernen Rücksicht zu nehmen und noch mehr sich durchzusetzen. Sie lernen ihre Aufmerksamkeit vehementer zu fordern, aber genauso sich alleine zu beschäftigen. Und vor allem, für Emil wird Ida immer die erste sein. Die erste kleine Schwester. Die beste noch dazu.

Sie lehren aber auch uns ganz unterschiedliche Dinge. Sie haben nicht dieselbe Sicht auf die Welt. Sie haben nicht die gleichen Meinungen, nur weil sie in derselben Familie groß werden. Sie spielen nicht dasselbe. Und sie haben ganz unterschiedliche Wortschöpfungen. Sie haben unterschiedliche Interessen. Unterschiedliche Arten zu spielen. Sie haben unterschiedliche Vorstellungen vom Tag. Emil liebt Ida. Er würde alles für Ida tun. Es ist, als ob Ida das wüsste. Als ob sie wüsste, dass Emil ihr damit voraus ist. Ida mag nicht von Emil geschaukelt werden. Ida schlägt seine Hand weg, wenn er ihr bei der Treppe helfen möchte. Ida will alleine. Im Zweifelsfall klappt das nicht, aber niemals will sie Emils Hilfe.

Wenn ich mit Ida auf den Spielplatz komme läuft Emil auf sie zu. Er beugt sich beim Sprechen immer zu ihr runter. Er lächelt sie immer an. Emil platzt vor Stolz. Emil beschützt Ida vor allen anderen Kindern auf dem Spielplatz. Ida schubst ihn weg. Es tut mir in der Seele weh, aber sie sucht sich ihre Rolle. Und man muss ihr das Recht lassen, diese zu finden. „Manchmal glaube ich, Ida liebt mich nicht,“ bemerkte Emil einmal. Aber Ida liebt Emil. Ida beobachtet Emil oft heimlich. Ida macht alles nach, was Emil vormacht. Ida vergöttert Emil. Ida wäre gerne wie Emil. Ida würde gerne so hoch klettern und hüpfen wie Emil. So laut schreien und brüllen wie Emil.

Manchmal, in ganz unerwarteten Momenten geht Ida zu Emil und umarmt ihn. Manchmal geht Ida zu Emil und streichelt seine Haare. Manchmal lächelt Ida Emil schelmisch an. Und manchmal – ganz selten – reicht sie ihm ihre kleine Hand, damit er ihr hilft die Stufen hoch zu kommen.

Ida wird ihre Rolle finden. Und ausbauen. Ida wird unabhängig sein wollen. Aber sie wird auch wissen, dass sie Emil hat. Das sie im Zweifelsfall darauf zurück greifen kann. Sie wird stark werden, und diese Stärke auch deshalb haben, weil sie weiß, dass Emil hinter ihr steht.

Geschwisterliebe ist komplex. Sie ist da, aber sie äußert sich ganz unterschiedlich. Sie zeigt sich flüchtig oder intensiv. Sie ist mal von ungeahnter Stärke und mal abweisend. Aber sie ist da. Genau wie die Liebe, die wir zu zwei und mehr Kindern haben können. Sie potenziert sich einfach ins Unendliche. Und sie wächst – obwohl man sich kaum vorstellen konnte, dass das noch möglich sein kann.

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4 thoughts

  1. Deine Mum hatte auch Liebe für drei Kinder und keiner ist zu kurz gekommen! Und du wirst genauso wundervoll Mutter sein! Du hast dich fügen müssen, als große und kleine Schwester und hast deinen Weg gemacht und Ida wird genauso raff, vielleicht auch verträumt durchs Leben gehen – und alles entdecken was sie will. Und immer wird Ida wissen, dass Emil sie beschützen wird – selbst dann wenn sie es nicht zugeben möchte.
    Du bist bereit und Emil und Ida sind es auch!

    Gefällt 1 Person

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