Glücksmomente? Sonnenschein und Rotaviren

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Mittwoch gegen frühen Abend scheint tatsächlich die Sonne noch in warmen Farben auf den Spielplatz, auf dem Emil auf einer Kindergeburtstagsfeier ist. Er ist der Kleinste – wie auf den meisten Feiern. Aber er rennt, klettert und lacht. Ida isst ein Würstchen, lässt sich von den größeren über den Spielplatz schieben. Schubst, wenn es ihr zu viel wird. Als wir endlich aufbrechen spekuliere ich darauf, dass die Kinder auf der Fahrt im Anhänger einschlafen könnten. Idas Augen fallen hin und wieder zu, aber zwischendurch blinzelt sie und Emil redet und redet und berichtet haarklein alles vom Geburtstag. Auf der Isebek Brücke bemerkt er fast beiläufig. „Vielleicht muss die Ida heute spucken.“ Ich drehe mich überrascht um. „Wie kommst du darauf?“ frage ich. „Weiß nicht.“ Sagt er und zuckt mit den Achseln. „Hab ich grade so gedacht.“ Keine drei Minuten später übergibt Ida sich in den Fahrradanhänger, „Jetzt darf ich ja wohl aussteigen,“ erklärt Emil nur nüchtern und schält sich aus dem Anschnallgurt. Meinetwegen. Kann man niemandem verdenken.

IMG_3529Paul ist Zuhause und nimmt die Kinder in Empfang. „Ich kann das sauber machen,“ sagt er mit Blick auf den Anhänger. Klar kann er das. Paul kann auch ein Sandwich essen während neben ihm jemand kotzt. Ich kann das nicht. „Nein,“ sage ich. „Ich muss das machen. Sonst ekel ich mich ein Leben lang.“ Ich muss einmal über meinen Schatten springen. Ich kann das, denke ich. Und überrascht merke ich: huch, ich kann das tatsächlich.

Es gibt zwei Möglichkeiten zu schlafen. A) bei Ida b) mit Emil in unserem Bett. Ich weiß,dass ich mich höchstwahrscheinlich falsch entscheide, aber das letzte mal hatte Emil sich angesteckt und hat Nachts in unser Bett und auf Paul gekotzt. Die Vorstellung, mir erst erbrochenes aus dem Haar waschen zu müssen, bevor ich mich um mein Kind kümmern kann, schreckt mich noch mehr ab, als neben der ab jetzt halbstündlich kotzenden Ida zu schlafen. Immerhin auf dem Sofa.

Bis fünf Uhr Nachts tritt keine Ruhe ein. Ich tröste, ich wasche, ich stecke Wäsche in den Trockner, beides läuft die ganze Nacht. Ich beziehe Betten, ziehe Ida einen neuen Schlafanzug an. Am Ende hab ich nichts mehr und decke alles mit Handtüchern ab. Selbst die Waschmaschine kommt nicht mehr hinterher. Ich wache alle zwanzig bis dreissig Minuten auf. Erst tröste ich. Leide mit. Ich bin nicht müde – mein Mitleid ist so riesig, dass ich für Müdigkeit kaum Platz habe. Am Ende ist Ida zu erschöpft. Nach jedem Würgen kippt sie einfach wieder um und fällt in einen erschöpften Schlaf. Immerhin, Emil ist morgens quietschfidel,

Der Donnerstag wird schleppend. Ida behält gar nichts bei sich. Dämmert auf meinem Bauch dahin, halb wach, halb schlafend. Nichts bleibt drin – nicht mal Wasser. Mehrmals muss ich sie umziehen. Emil geht zum Glück Nachmittags mit zu Greta. In Idas Kindergarten sind heute nur fünf Kinder erschienen. Der ganze Rest? Liegt wahrscheinlich ähnlich erschöpft zu Hause wie Ida.

Abends fahre ich schnell mit dem Rad weg und hole Emil bei Greta ab. Das erste mal, das ich deren neue Wohnung sehe. Alles steht noch voller Kartons, aber der Garten leuchtet voller blühender Rhododendren Büsche und die vielen Flügeltüren lassen die Wohnung riesig erscheinen. Emil und Greta essen Apfelringe und erfreuen sich guter Gesundheit.

Freitag früh muss ich zu einem Fototermin. Paul hat Spätdienst. Weil Emil sagt, er fände es unfair, wenn Ida Zuhause bleiben dar und er nicht, entscheidet Paul kurzerhand: Klar, jeder der will könne zu Hause bleiben. Während Emil im Spielzimmer ein Buch lies, kotzt Ida ihre Frühstücksbanane auf die Wolldecke zu seinen Füßen. Schade, wir waren so optimistisch. Wieder zwei Maschinen Wäsche. „Ich glaube, ich lese mal woanders,“ stellt Emil nüchtern fest. „Emil,“ erinnere ich ihn noch mal. „Du musst dir immer, immer, immer gut die Hände waschen. Wie ein Chirurg.“ Emil nickt. „Weiß ich doch.“ Ich nehme meine Tasche hoch. „Und hast du aus Idas Trinkflasche getrunken?“ „Ja,“ sagt Emil. „Aber du musst dir keine Sorgen machen. Danach hab ich mir ganz gründlich die Hände gewaschen.“ Auch an doofen Tagen muss man manchmal lachen.

Als ich vom Shooting in der Nähe von Bremen zurück komme hat Paul schon fünf mal gewickelt. Es läuft nur so an den kleinen Beinen runter. Emil langweilt sich. Zu Recht, ehrlich gesagt. Hätten wir ihn bloß in den Kindergarten gegeben. Paul muss los. Zweiter Tag an dem Ida Nichts, aber auch wirklich gar nichts bei sich behält. Immerhin hat Paul es geschafft ihr eine Packung Oralpädon ins Trinken zu mischen. Ach nee, denke ich im selben Moment, da ist ja auch schon alles wieder draussen. Ich wische zum hundertsten mal die Küche. Ida ist total vollgekotzt. Erst mal baden. Emil will mit rein. „Das geht jetzt wirklich nicht,“ sage ich. Emil heult und ist wütend. Immer noch zu Recht, aber ich hab grade echt andere zu tun. ich rufe einen befreundeten Kinderarzt in der Klinik an. Emil schreit neben mir, ich verstehe mein eigenes Wort nicht. Ich sage ihm mehrmals, er soll kurz ruhig sein. Er schreit noch mehr. Am Ende wird unser Telefonat unterbrochen. Zum zurück rufen fehlt mir die Kraft. Erst mal Ida aus der Wanne holen. Die läuft sofort blau an. Die Hände, die Lippen, die Füße. Sie zittert am ganzen Körper. Irgendwas stimmt hier nicht.

Gut, ich würde gerne mit Ida kurz in die Klinik fahren, aber Emil findet seine Schuhe nicht. Ich biete ihm andere an, aber die will er nicht. Die, die er will sind noch im Kindergarten. Er sagt, ich solle da hin fahren und sie holen. Man, ich hab echt grade andere Sorgen. Ida hängt in der Manduca vor meinem Bauch und ich packe diverse Ersatzkleidung in eine große Tasche.

Nach einer Stunde sind wir immer noch Zuhause. Ida hat jetzt auch keine Lust mehr auf Manduca und Emil brüllt und tritt gegen Möbelstücke. Paul kommt nach Hause. Emil schreit, wir sollen ihn in Ruhe lassen. Zehn Minuten später finden wir ihn im Tiefschlaf in seinem Hochbett. Was für ein Tag! Aber immerhin Sonne, sage ich mir. Und freu mich tatsächlich ein bisschen.

Trotz medizinisch geschulten Personals in unserem Haushalt kann man selbst als Fotografin eine gesundheitliche Besserung anhand der Fotos von Tag zwei Rotaviren, zu Tag drei Rotaviren und Tag vier Rotarviren feststellen. Um niemanden völlig zu erschrecken, habe ich Tag eins lieber nicht dokumentiert….

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Rotaviren Tag 2
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Rotaviren Tag 3
Rotaviren Tag 4
Rotaviren Tag 4

Im Flur liegt bergeweise saubere Wäsche. Wir steigen einfach rüber. Manchmal muss man einfach Prioritäten setzen – und Wäsche sortieren gehört grade nicht dazu. Ida und ich verbringen den Abend in der Hängematte im Garten. Ach, denke ich, wie schön das Leben ist, wenn das Kind seit ein paar Stunden nicht kotzt und nicht gewickelt werden muss. Nur daliegt. Langsam aber stetig Wasser trinkt, und manchmal sogar lächelt.

Der Samstag wird zum Übergangstag. Ida heult, will ständig auf den Arm und immer genau dann selber laufen, wenn es uns gar nicht passt. Drei Schritte laufen, bockig sein, dann heulen. Die Kraftreserven sind aufgebraucht. Der Wille ist da aber es frustriert sie sehr, dass vieles von dem was sie machen möchte nicht klappt. Zwischendurch schläft sie. Fieber hat sie auch. Die Hängematte wird zu unserer Hauptbasis. Die Sonne scheint, Emil läuft barfuss durch das hohe Gras im Garten. Wir sitzen lange auf den Treppenstufen und trinken Aperol. Es fühlt sich nach Sommer an. Emil isst eine Schale Oliven. Es riecht nach frischem Basilikum. Am Abend stochern Emil und Ida mit langen Stöcken im Feuer. Ida lacht. Endlich.

Sonntag früh um sechs stehen beide Kinder vor unserem Bett. Ich weiß nicht, was wir noch machen sollen. Ganze Urlaube und Ferienzeiten haben wir genutzt um unsere Kinder später als gehabt ins Bett zu stecken, weil weise Leute davon sprachen, das auch unsere Kinder es irgendwann lernen würden, dann morgens länger zu schlafen. Sie lernen es NICHT. Unsere Kinder schlafen bis sechs. Egal wann sie ins Bett gehen. Egal wie übermüdet sie sind. Sechs Uhr und der Tag beginnt.

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Wir ziehen schon morgens in den Garten um. Die Kinder laufen barfuss. Einer von uns liegt ständig in der Hängematte und genießt die kurzen Momente der Ruhe. Am Mittag machen wir uns auf den Weg fahren zu den Boberger Dünen. Ida läuft nicht so viel wie sonst, aber sie ist voller Elan. Die Kinder pflücken uns Blumen. Ida immer direkt unter der Blüte. Es ist ein bisschen schwierig ihre kleinen Blüten alle in einem Strauss zu halten, wie sie es fordert.

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Am Nachmittag fahren wir zum Eis essen ins Grindelviertel. Überall Menschen die man kennt. Die Café´s überfüllt. Das Leben spielt auf den Straßen. Emil trifft Freunde aus dem Kindergarten. Wir lieben unsere neue Wohnung. Unseren wunderbaren, kleinen, aber paradiesischen Garten. Das Viertel, in dem Paul und ich uns kennen und lieben gelernt haben. Aber im Grindelviertel spielt das Leben, das auch mal unser war. Und es ist so schön jeden Tag dahin zurück zu kehren. Die Kinder in ihre Kindergärten zu geben, all die Menschen zu treffen, die drei Jahre unseres Lebens so eng waren.

Wir verbringen den Rest des Tages im Garten. Die Sonne steht tief, die Kinder essen Salat und Oliven. Mittwoch Nacht ging für Ida noch die Welt unter – heute sitzt sie am Tisch, stopft Tortellini in ihren kleinen, immer ein bisschen schelmisch blickenden Mund und strahlt. Das Leben meint es gut mit uns. Mit uns allen. Schlechte Zeiten gehen vorbei. Also mit neuer Kraft in eine neue Woche.

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2 thoughts

  1. Arme Ida! Und ein Glück, dass euch ein Klinikaufenthalt erspart blieb. Ich wünsche dir, dass du deine Kraftreserven schnell wieder füllen kannst.

    Und was das Aufstehen um 6 Uhr angeht. Diese weisen Tipps kenne ich auch. Nützt nichts. 😉 hier ist es mit Glück mal 6:15 Uhr.

    Einen schönen Abend und einen guten Start in die Woche wünsche ich!

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank! Ida ist zum Glück heute schon wieder im Kindergarten. Und ich hab Zeit die ganzen Aufträge abzuarbeiten, die liegen geblieben sind. Aber zum Glück auch, um zwischendurch für eine Stunde einfach nur Kaffee trinken zu gehen. Nach vier Tagen tragen, waschen und um sechs Uhr aufstehen muss das mal drin sein 🙂

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