Das lachende Kind

Schülerinnen in Uganda

Egal wo wir leben und nahezu egal wie wir leben, seitdem wir Eltern sind gibt es in unserer aller Leben das lachende Kind. Egal, wie widrig manchmal die Umstände sind, egal, welches Schicksal uns vertreibt, hungern oder frieren lässt. Es ist, als sei das lachende Kind fast niemals ganz zum verschwinden zu bringen.

Das Lachen eines Kindes scheint essentiell, scheint immer da zu sein, zu existieren. Manchmal schlummert es, manchmal leidet es zu sehr, aber das kleinste bisschen Freude und Zuversicht bringen dieses Lachen wieder hervor. Wie selten wir lachen seitdem wir erwachsen sind. Wie wenig Bereitschaft wir zeigen das schöne zu sehen. Wir haben nichts zu lachen – der Spruch kommt nicht von irgendwo. Wir lassen uns ständig von den Widrigkeiten der Welt, der Gesellschaft unseres Umfeldes niederringen. Wir zweifeln, wir hadern, wir sehen ständig und überall das Elend auf der Welt. Wir fühlen uns hilflos, machtlos, ständig irgendetwas ausgeliefert, dass über unser Leben bestimmt. Sei es die Gesellschaft, die Politik, unser Job. Wann lachen wir?

Schülerinnen in Uganda

Das lachende Kind wohnt bei uns. Und zeigt uns jeden Tag, wie viel es tatsächlich zu lachen gibt. Das lachende Kind lacht nicht nur im Wohlstand. Nicht nur in Deutschland. Das Lachen eines Kindes ist omnipräsent. Wenn ein Kind nicht mehr lacht, dann wissen wir, dass wir tatsächlich das Schlimmste erreicht haben. Das Umstände, Kriege, Hunger, Leid und Misshandlung etwas so wichtiges, tiefes und existentielles zerstört haben.

In unserer Welt ist das Lachen omnipräsent und wird dennoch gelenkt. Zu laut gelacht, zu viel, zu schrill und über zu alberne Dinge. Kann man Lachen reglementieren? Kann ich selber kreischend lachende Teenager Mädchen in engen HVV Bussen gut ertragen? Kann ich wirklich schmunzeln wenn ein Kind auf dem Spielplatz zu Hundertsten mal „Pipi-Kackwurst!“ sagt und sich tot lacht? Aber niemand hat verlangt, dass ich den Humor meines – geschweige denn den anderer Kinder – teilen muss. Aber akzeptieren. Das Lachen wird noch viel zu schnell verschwinden.

Wenn ich mit dem Auto fahre, und ich höre Emil und Ida auf der Rückbank kichern und lachen, dann ist das wie Weihnachten und Geburtstag zusammen. Es ist irgendwie das Gefühl, das in dem Moment grade alles richtig ist, genauso wie es ist. Und je alberner Emil wird, je absurder seine Witze werden, desto herzlicher lacht Ida. Der auf die Spitze getriebene Klamauk kann nicht albern genug sein in den Augen einer fast Zweijährigen.

Ich liebe das Lachen meiner Kinder. Ich liebe es, wenn ich morgens die Kinder im Hinterhof lachen höre, die in der Kinderkrippe untergebracht sind, die an unseren kleinen Garten grenzt. Ich liebe dieses Glucksen und Kichern und diesen herzlichen, tief aus dem Innersten kommenden Ton, wenn Kinder über die seltsamsten Dinge lachen. Egal, wie oft der Film uns bereits langweilige Regennachmittage oder Babysitter Abende gerettet hat, immer noch lacht Emil aus vollem Halse, wenn im „Dschungelbuch“ eine ganze Ladung Bananen auf Moglis Kopf landet. Traumhaft. Nur deshalb könnte der Film bei uns tagtäglich laufen. Weil ich dieses herzhafte Lachen so liebe.

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Aber Lachen kann man in zwei Richtungen reglementieren. Man kann es unterdrücken – und jeder von uns sollte sich überlegen, wann das wirklich nötig ist. (Ich erinnere mich an einen Moment als ich vielleicht vierzehn war. Gemeinsam mit meinem kleineren Bruder, der damals zehn gewesen sein muss, war ich in einem Klavierkonzert. Es war sicherlich kein hoch anspruchsvolles Konzert, aber weil wir die Jüngsten waren, überlies man uns die Plätze in der ersten Reihe. Und es kam, wie es kommen musste. Bei den Gebaren des Pianisten bekamen wir einen Lachanfall. Der niemals enden wollte. Blickkontakt untereinander musste strickt unterbunden werden. Aber das leichte, unterdrückte Schnauben des jeweils anderen hat uns erneut los prusten lassen. Ich weiß, dass wir vorzeitig gegangen sind. Aber wären wir in Begleitung unserer Eltern gewesen, hätte ich es ihnen im Nachhinein keineswegs übel genommen, hätten sie in dieser Situation das Lachen unterbunden).IMG_4230

Aber man kann es auch fordern, und das ist etwas, dass ich nicht ausstehen kann und in meiner Arbeit so häufig Präsenz zeigt. Kinder, die aufgefordert werden zu lachen. Mir sträuben sich die Nackenhaare. Haben wir nicht diese kleinen, bezaubernden Wesen jeden Tag mit ihrem anrührenden, herzhaften Lachen um uns? Sind wir nicht in der Lage, eben diese Freude einfach zum Vorschein kommen zu lassen? Können wir nicht warten? Und vor allem, liegt denn die Schönheit und die Einzigartigkeit unserer Kinder ausschließlich in ihrem Lachen? Die Aufforderung für ein Foto zu lachen, zerstört jegliche Authentizität des Bildes. Zeigt uns genau die Kinder, die wir nachher auf den uns zugesandten Kindergartenbildern bestaunen. Ist das unser Kind, dass da in die Kamera blickt? Mit einem uns völlig fremden Lachen? Einem Lächeln, dass wir nicht kennen?

IMG_4231Dann hängen sie da schön aufgereiht in all den Wohnzimmern und Fotostudios dieser Welt. All diese uns fremden lachenden Kinder. Mit fröhlichen Mündern und nichtssagenden Augen.

Lasst sie lachen, wenn sie lachen wollen. Sie werden lachen. Denn sie können gar nicht ohne. Und in jedem Moment, in dem sie nicht lachen, sind sie genauso schön, genauso bezaubernd, einnehmend und einzigartig. Das lachende Kind wohnt bei uns. Wir können es jeden Tag sehen, bestaunen, uns daran erfreuen. Müssen wir es dann unbedingt noch auf einem Foto fixieren?

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