Glücksmomente 17

IMG_1950Kaum ist der Sommer da, werden die Wochen immer kürzer. Die Tage gefühlt länger, aber das Leben irgendwie mehr, das Sozialleben lebendiger, die Events erfüllender, der Job anstrengender, aber auch abwechslungsreicher, kreativer, herausfordernder. Und dann auch noch das: Paul hat drei Tage in Folge frei. Drei Tage, das kommt uns komisch vor. So viel geschenkte Zeit!

Aber das Leben bleibt dadurch nicht stehen. Stattdessen präsentiert es uns Aufgaben, die erfüllt werden wollen. Und somit zieht es Paul und mich nach einem Frühstück im Elbgold ins nahegelegene Hinterhof Büro. Ich liebe die Atmosphäre in unserem Büro. So unkonventionell und entspannt, voller Energie für Projekte, mit einem ewigen Hauch von leichtem Sarkasmus und Bissigkeit. Und eine Inspirationsquelle der Innovativen Projekte. Nicht meinerseits. Ich fühle mich mit meinen Fotoprojekten manchmal ziemlich nichtig zwischen der Inspirationsquelle Nachhaltigkeit, Fair trade, biologischer Produktentwicklung und Understatement. Trotzdem muss ich auch arbeiten, und das mit einer Menge Spaß und Energie. Das Umfeld prägt mich mit.

Paul trinkt Kaffee, wir suchen nach Lösungen für die kaputte Tür im Büro, kommen nicht so recht weiter. Also erst mal in den Baumarkt. Ich erinnere mich an Zeiten früher, wo ich meinen Vater so gerne auf Besorgungstouren begleitet habe. Bürobedarf, Bücher, egal was. Nur Baumarkt habe ich gehasst. Es gab nichts dort, was meinen Interessen entsprach. Und heute tigere ich durch Baumärkte, als seien sie die Inspirationsquelle vor dem Herrn. Ich suche nach Pflanzensamen und Bio Tomaten Sträuchern, nach gutem Holz für die Hochbeete und irgendeiner Lösung, unsere geliebt, aber unglaublich störend wirkende Hängematte, besser in den Garten zu integrieren. Dafür gibt es aber keine Lösung. „Die,“ so konstatiert Paul sehr wahr. „Ist einfach nur viel zu groß für unseren Garten. Und damit basta.“ Wenn man drin liegt, sieht man aber diese störende Größe gar nicht…

Weil Paul Zuhause ist kann ich am folgenden Tag für einen Foto Termin in den Harz fahren. Das Wetter stellt sich quer, aber ich versuche mich dadurch nicht stören zu lassen. Fotografie ist nur zu einem gewissen Grade Wetterabhängig. Ich versuche es als Herausforderung zu sehen. Und es macht Spaß. Wir schlendern an einem kleinen Bach entlang, suchen nach Wiesen mit hohen Gräsern, binden Pferde, Hunde und sogar eine Herde Alpakas in unser Shooting mit ein. Abends esse ich bei meinem Bruder und seiner Familie. Es fühlt sich sehr nach Zuhause und Nähe an.

Bildschirmfoto 2015-05-31 um 21.29.22Die Tage mit Paul – wie immer zu kurz und zu voll. Freitag stehe ich wieder alleine da. Die Kinder heulen, die Babysitterin kommt um halb sieben und ich will um Punkt sieben im Theater sein. Der Abschied zu hektisch, die Fahrt zum Theater länger als gedacht, mein Fahrrad scheppert, es nieselt, ich rufe Paul an, er soll mir schnell noch irgendwo ein Wasser kaufen, sonst halte ich die erste Hälfte nicht aus. Paul kommt direkt von einem Vortrag, hat nichts gegessen, drei Minuten vor sieben nehmen wir unsere Plätze ein und es wird dunkel. Ich trinke heimlich einen halben Liter Wasser und bin bereit für 4 Stunden Theater. Der Wein in der Pause lässt mich kurz ein wenig wanken auf dem Weg zu unseren Plätzen, aber wie soll man das in zwanzig Minuten auch schaffen? Und das ohne Abendessen? Aber ich liebe Theater mit Paul und ich liebe diesen Wein in der Pause. Diesen Moment zu zweit, umgeben von Menschen und doch nur wir und unsere Gedanken zu dem Stück. Wir sehen „Jeder stirbt für sich allein“. Ich bin ergriffen, berührt, nachdenklich. Um kurz vor Mitternacht radeln wir durch den Nieselregen nach Hause. Wir reden, aber jeder ist auch ein bisschen allein mit seinen Gedanken. Werden wir auch alleine sterben?

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Samstag früh dauert es lange, bis das Glück zu mir durchsickern kann. Ich backe morgens um sieben Muffins – und ich hasse backen. In meiner Vorstellung könnte backen ganz schön sein, denn Menschen die vom backen reden verbinde ich immer mit Wärme, Genuss, mit Hingabe und Gemütlichkeit. Aber ich mag es nicht. Ich hasse es Dinge abzuwiegen, Raffinessen lasse ich sowieso weg und wenn Paul im Hintergrund nur von Apfelspalten, Safran Spitzen und Cremefüllungen spricht, könnte ich schon durchdrehen. Die Muffins sind aber Standgebühr für den Flohmarktplatz, den ich mir mit der Griechin teile. Und nach dem Theater Abend war mir auch nicht mehr nach einer mitternächtlichen Back Session. Der Flohmarkt findet auf dem Klinik Gelände statt, der Klinik, in der die Griechin arbeitet, und der Mann der Griechin, und Paul und eigentlich nahezu alle unsere Freunde. Zumindest nahezu alle unserer Mediziner Freunde. Um halb zehn habe ich endlich alles in den Fahrradanhänger gestopt, mit Ausnutzung wirklich aller kleinen Lücken und Nischen und es beginnt in Strömen zu regnen. Ich stehe mit den Kindern und der Babysitterin am Fenster und sehe dem Regen zu. Es duftet immer noch nach Muffins. (Und zwar nach denen, die im Kochbuch ganz vorne unter der Rubrik „besonders einfach und simpel“ standen…)

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Um elf gehe ich gemeinsam mit den Kindern zum Flohmarkt. Die Griechin hat den Regen nicht gescheut und verkauft eifrig. Ich versuche die schlechte Laune abzuschütteln. Gut, alles ist jetzt im Anhänger und regnet da grade nass und ich bin auf dem Flohmarkt und gebe Geld aus als welches einzunehmen, aber dann denke ich, es ist wie es ist. Emil und Ida toben auf dem Spielplatz herum, ich kaufe gutes Kinderspielzeug. Ich habe ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Flohmärkten. Ich liebe sie, aber sie verleiten mich dazu, Dinge zu kaufen, die ich wahrscheinlich nicht brauche. Aber bitte, wer verkauft denn Holzspielzeug für 3,00 Euro? Für das ich im Laden wahrscheinlich 30 hätte zahlen müssen. Gut, brauche ich noch mehr Holzspielzeug ist die eine Frage, aber MUSS ich es nicht regelrecht nehmen, wenn es nur noch ein Zehntel kostet? Ich versuche mich in Zurückhaltung zu üben und nur das zu kaufen, was ich für wirklich sinnvoll erachte. Emil kann selber aussuchen was er möchte. Er kramt dann ganz akribisch in seinem kleinen Geldbeutel herum. Er ersteht eine Fantasy Figur für 30 Cent und platzt vor Stolz. Dann kann der Kauf nur richtig gewesen sein. Auf dem Spielplatz rammt er sich dann aber einen riesigen Holzssplitter unter die Haut und der Spaß ist ganz schnell vorbei. Umgeben von Ärzten, aber eine Pinzette hat natürlich niemand. Wir tigern in den dritten Stock im Hauptgebäude hinauf und Paul zieht den Splitter. „Mein Papi, der kann alles,“ sagt Emil.

IMG_1869Eigentlich sollte Paul schon gegen vier nach Hause kommen, tut er aber nicht. Das Wetter ist unbeständig aber wir ziehen zum Kirchplatz am Ende der Straße und ich genieße den Italienischen Lebensstil, während die Kinder Fußball spielen und Roller fahren. Ein bisschen Sonne zeigt sich durch die hohen Bäume, viele Kinder rufen und schießen sich den Ball zu. Mit einem Donnern knallt er immer wieder gegen die geschlossene Kirchentür. Auf den grünen Bänken sitzen ältere Herren und sehen ihnen zu. Es ist ein kleines bisschen dolce Vita. Ein bisschen erkämpfte Kinderfreiheit mitten in der Stadt. Ein Platz, den sie sich nicht nur erobert, sondern regelrecht okkupiert haben. Auf dem sie nicht nur akzeptiert werden, sondern regelrecht fehlen würden, wenn ihr ewiges Schießen gegen das Kirchenportal eines Tages enden würde.

Am Sonntag geht Paul früh, die Kinder stehen am Fenster und winken. Gegen zehn packen wir alles ins Auto und fahren in den Wildpark. Erst sechs Stunden später machen wir uns wieder auf den Heimweg. Im Wildpark sind wir so entschleunigt wie im Zoo. Vorwärts kommen ist Nebensache. Wir bewegen uns in Zeitlupe, gehen manchmal Strecken wieder zurück. Sammeln Steine, füttern Tiere. Zeit spielt überhaupt keine Rolle. Nur kalt ist es ein bisschen. In eine Wolldecke gehüllt sitzen wir lange am See und sehen den Enten und Gänsen zu. Ida findet es viel bequemer auf Socken zu laufen und hat alsbald nasse Füße. Es duftet nach frisch gemähtem, nassen Gras, manchmal nach Ziege. Wir essen Himbeeren und Erdbeeren und lassen alle an uns vorbeiziehen. Wir sehen ins sechs Stunden höchstens ein viertel aller Tiere. Es macht rein gar nichts. Wir sind fast monatlich hier. Wir haben keine Eile, keine Zielsetzung, keine Prioritäten.

Am späten Nachmittag kommen wir zurück. Wir sind noch zum grillen eingeladen, aber das Wetter treibt uns alle schnell wieder in die Häuser. Vor zehn Uhr Abends wird Paul nicht zurück sein. Ich weiß, dass er gerne arbeitet. Aber die Rehe, das feuchte Gras, die begeisterten Kinder hat er verpasst. Als ich Abends alleine auf dem Sofa sitze, fällt mir auf, dass dies ein Tag ganz ohne Streit war. Nicht mal um Kleinigkeiten. Nicht mal um ein Eis, das man wollte, oder eine Jacke, die man nicht wollte. Gar nichts. Keine einzige Diskussion. Kein heulen. Keine Nörgelei. Und mit diesem Gefühl der Entspannung und des Glücks beende ich eine ziemlich gute Woche.

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