Mama, ich mag dich….NICHT

IMG_1003Es gibt viele Möglichkeiten, damit umzugehen, wenn Kinder auf einmal ätzend werden. Kinder können ätzend sein? Ist das nicht ein bisschen hart? Klar, ist es das. Aber hin und wieder ist es das Wort, das in meinem Kopf herumgeistert. Ich spreche es nicht aus. Aber ich denke es. Und manchmal sage ich es auch zu meinen Freundinnen. Ich sage es mit schlechtem Gewissen. Aber dieses Wort ist da. Es ist irgendwie präsent.

Es gibt viel schönere Worte dafür. Es gibt auch ständig bessere Reaktionen für solche Situationen als ich sie habe. Überhaupt ist woanders immer alles ein bisschen besser und pädagogisch wertvoller – zumindest in der Theorie. Da mache auch ich immer alles richtig. Ja, manchmal denke ich, ich wäre gerne die Mutter aus meinem BLOG. Aber hin und wieder bin ich die ganz und gar nicht. Zum Beispiel an Tagen, an denen ich mein Kind ätzend finde, es aber „anstrengend“ nenne. Zumindest um mich politisch korrekt zu verhalten.

Emil ist in den letzten Tagen anstrengend. Und das aus heiterem Himmel. Denke ich zumindest. Eben saß man noch gemeinsam beim Essen, und dann zetert er los, er wolle ein Honig Brot. Ist kein Honig vorhanden wird er – ich sage es nochmal – ätzend. Er wird wütend, er schmeißt die Reste seines vorhandenen Brotes vom Tisch. Wenn ich sage „Lässt du das bitte“, dann sieht er mich an und sagt: „Ist mir doch egal was du sagst“.

Ich staune. Ich fühle mich wie in einer Super Nanny Folge. Oh Gott, ich bin überhaupt nicht mehr die Frau aus meinem BLOG. Ich bin jemand, der sich alsbald von außen Hilfe holen muss!

Im Garten ist Emil furchtbar laut. Eigentlich schreit er die ganze Zeit. Er findet das lustig. Aber das ist – bei alle Idylle – immer noch eine Großstadt. Und außer Emil, befürchte ich, findet das grade niemand besonders lustig. Beim dritten mal ermahnen sage ich: „Emil, jetzt reicht es aber. Dann musst du rein gehen.“ Emil sieht mich an und grinst. „Du kriegst mich ja sowieso nicht,“ sagt er. Und läuft weg.

Super Nanny? Hilfe von außen? Und noch ein letztes mal geistert es in meinem Kopf herum: Mein Kind ist ätzend.

Am Abend sitzen wir auf dem Sofa und lesen bei Kerzenschein. Emil, Ida und ich. Emil streichelt ganz sanft und gedankenverloren immer Idas Haare. „Ich bleibe immer ganz dicht bei Ida, damit sie niemals Angst haben muss,“ erklärt er leise. Ida lächelt selig.

Emil sagt am Tag ungefähr 1000 Dinge richtig und davon ungefähr 999 sogar mehr als richtig. Richtiger, als wir sie jemals denken, geschweige denn sagen würden. Wenn Emil über Dinge nachdenkt, dann erstellt er immer Theorien, die etwas mit Respekt, mit Liebe oder mit Fürsorge zu tun haben. „Die Dinosaurier sind ausgestorben, weil sie sich einfach nicht mehr gut umeinander gekümmert haben.“ Oder „Kriege gibt’s nur, wenn man sich wirklich gar nicht mehr mag. Und nichts mehr teilen möchte. Aber das ist dumm. Denn teilen ist viel weniger schlimm als kämpfen.“

Emil redet ohne Unterlass, wenn wir zu zweit sind. Das nennt er „Emil Zeit“. Nur Mama und Emil. Dann bombardiert er mich mit klugen Sätzen. Dann pflückt er mir Blumen, trägt den Einkauf mit und sagt: „Ich bin dir glaube ich eine große Hilfe, Mama, oder nicht?“

An Tagen, an denen Emil „ätzend“ ist, werde ich manchmal laut, dabei hasse ich das. Aber ich kann auch nicht immer über meinen eigenen Schatten springen. Ich bin manchmal sehr wütend, verletzt, hilflos und traurig. Und genervt. Ich habe in der Pubertät viele Türen geknallt. Ich dachte, ich würde das nie wieder tun. Aber im Zusammenleben mit Kindern mache ich das öfter als gedacht. Und natürlich viel öfter als geplant. Denn ich will ja eigentlich immer ruhig sein. Und immer verständnisvoll. Und Wut und Trotz immer mit Geduld und Liebe begegnen. Aber bei alledem bleibe ich einfach irgendwo auch noch ich selbst. Und das „ich selbst“ in mir möchte manchmal einfach lieber Türen knallen.

Das ist nicht richtig. Das ist die eine Erkenntnis. Aber ist es nicht auch ein bisschen menschlich? Können wir uns dreissig Jahre um uns selbst drehen und uns dann auf einmal damit abfinden, uns ab jetzt nur noch um jemand anderen zu drehen? Eigene Bedürfnis, und sei es nur WUT, immer nur für uns behalten? Muss ich immer darüber stehen, wenn ein Vierjähriger mir meinen Tag verdirbt, weil ich mich in Selbstdisziplin zu üben habe? Oder kann ich durch menschliche Fehlbarkeit auch den Mut für menschliche Fehlbarkeit lehren? Muss ich nicht billigen und akzeptieren, dass wenn ICH schlechte Laune haben darf, auch meine Kinder schlechte Laune haben dürfen?

In unserer Familie wird wenig gestritten. Paul und ich streiten so gut wie nie, und auch die Kinder untereinander streiten selten. Emil streitet selten mit Kindergartenfreunden, und wenn ja, belastet es ihn ewig. Aber meine Eltern haben vor uns Kindern niemals gestritten. Und damit meine ich wirklich niemals. Gut, mein Vater sagt heute noch, wenn er meine Mutter durch Zufall mit dem Rad im Ort fahren sieht, bekäme er einen Adrenalinstoss wie beim ersten mal als er sie sah. Vielleicht sind sie ein Ausnahmefall, eine Liebe, die tatsächlich mit extrem wenig Unstimmigkeiten einhergeht. Aber in meiner ersten großen Beziehung habe ich gemerkt, dass ich nicht gelernt habe, zu streiten. Das Streit für mich Brüche und Verlust bedeutet. Das ich mir nicht vorstellen konnte, dass sich – wer streitet – immer noch genauso lieben kann.

Ich musste das Streiten lernen und auch die damit einhergehende Sicherheit. Und ich musste lernen, dass auch Tage voller schlechter Laune nicht immer verborgen gehören. Meine Kinder sollen das auch lernen. Man darf schlechte Laune haben. Man darf wütend sein. Aber auch, dass man sich dann vielleicht zurück zieht. Das man schlechte Laune kommunizieren muss, damit die anderen vorgewarnt sind. Und vielleicht auch um Strategien zu entwerfen, die einem manchmal aus der schlechten Laune auch wieder heraus helfen.

Man darf auch seine Mama mal blöd finden. Und ganz ehrlich: man darf auch sein Kind mal blöd finden. Wichtig ist zu wissen, dass man sich weiterhin liebt. Das man sich bedingungslos liebt. Das diese Sicherheit aus Liebe niemals zerbricht. Weil sie unzerstörbar ist. Die gute Laune von Mama hingegen ist auch mal zerstörbar. Auch das muss man akzeptieren.

Und Abends, wenn Ruhe ist und alle Gedanken wieder den richtigen Weg finden, kann man sich sagen: Heute war Emil echt anstrengend, zumindest in diesen drei völlig eskalierten (und damit meine ich nicht die genannten, sondern tatsächlich eskalierende) Momente. Aber wie viele Stunden war er nicht anstrengend? Wie viele Momente hat er mich berührt, verzaubert, zum Lachen gebracht? Und wie viele Momente war ich unaufmerksam? Habe mich mehr um Ida als um ihn gekümmert? Haben wir Dinge, die ihm wichtige waren, abgebrochen, weil Ida keine Hilfe beim pflanzen, basteln, ausschneiden und klettern war?

Aber am nächsten Tag ist alles wieder auf Null. Und wir haben alle die Chance das Beste daraus zu machen.

Als Emil mit dem Geschrei im Garten nicht aufgehört hat, bin als Konsequenz im übrigen ich dann mit Ida reingegangen. Nach einigen Minuten kann Emil nach. „Wieso machst du denn so was?“ frage ich ihn. „Ich habe dich drei mal gebeten etwas leiser zu sein und du machst trotzdem weiter so einen Krach. Mit Absicht.“ Er nestelt ein bisschen an seinem T-Shirt. „Ich weiß es nicht,“ murmelte er dann. „Manchmal macht mein Mund das dann ganz von alleine. Der will ärgern, aber ich will das nicht.“

Am nächsten Tag gehe ich in unseren Lieblingsbuchladen und kaufe wie immer einen Stapel Bücher. (Seitdem die Kinder in einem Zimmer schlafen bekomme ich so viel kostbare Zeit zum lesen geschenkt. Sie liegen in ihren Betten und wühlen und tuscheln und ich sitze auf dem Sofa bis sie endgültig eingeschlafen sind. Und lese.) Emil und Ida bekommen auch Bücher. Und eines ist nur für Emil alleine. Mein Blick fällt darauf und ich weiß, dass es Dinge auf den Punkt bringt die uns grade beschäftigen. „Mama ich mag dich…“ steht auf dem Cover.
Am Abend lese ich es ihm vor. Ein kleiner Hasenjunge, der sich über viele banale Dinge ärgert, die seine Mutter tut. Die so banal und für ihn doch so verletzend und unverständlich sind. Kurz vor dem Ende knallt er die Tür zu und geht. Emil ist nachdenklich. Erst als er zurück kommt wird genau das auf den Punkt gebracht, was die Basis unseres Zusammenlebens ist. Es ist egal, wie doof man sich mal findet. Wie unverständlich man vieles erachtet. Wie genervt man manchmal ist. Die Liebe zueinander ist viel größer als das.

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5 thoughts

  1. Liebe Miriam, ich verfolge deinen Blog schon eine ganze Weile. Oft bin ich berührt oder erstaunt und immer wieder finde ich mich in den Fragen, die du selbst aufwirfst wieder, dann denke ich genau so hätte ich das auch fragen können. Deinen Brief an Emil hab ich praktisch meiner ganzen Familie vorgelesen und wir alle waren sehr gerührt vom kleinen Emil, aber auch von seiner Mama. Ich habe eine kleine Tochter, die bald ein Jahr wird und ich musste schon nach kurzer Zeit zugeben, dass ich den Job völlig unterschätzt habe. Ich komme selbst aus einer großen Familie und habe Pädagogik studiert, kurze Zeit habe ich auch in einem Kinderheim gearbeitet… Beste Voraussetzungen sollte man denken und doch bringt meine Tochter Gefühle in mir hervor, die ich in der Intensität vorher nicht gekannt habe. Professionelles Handeln am eigenen Kind, ist nicht möglich und ich glaube auch nicht wünschenswert für unsere Kinder. Wir dürfen manchmal diffus sein und schlechte Laune haben… Das macht uns ja auch zu Menschen und das möchte ich meiner Tochter gerne mitgeben… Mit Menschen zurecht zu kommen 😉 Wieder ein wundervoller Beitrag von dir. Ich freue mich immer wenn du blogst. Liebe Grüße aus Münster, Steffi mit Antonia

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    1. Liebe Steffi, ein halbes Leben lang ohne Kind hab ich mir ständig im Beisein anderer Eltern gedacht: oh man, das mache ich aber später besser. Und natürlich auch völlig anders als all die anderen. Denn ich werde ständig entspannt und mitfühlend sein und voller Liebe und Geduld und ganz vieler innovativer Ideen im Umgang mit meinen Kindern. Manchmal bin ich das auch. Aber vor allem habe ich festgestellt, dass ich ganz viele Gefühle wieder entdecke, die ich lange vergessen hatte. Nicht nur diese unbändige Liebe, und die Verlust Angst und die Sorge – sondern eben auch so was wie Wut, richtige Wut. Und absolute Erschöpfung. Und manchmal auch Hilflosigkeit. Einmal hab ich meine beste Freundin angerufen und furchtbar geschluchzt und geheult und konnte nur noch sagen: Du musst kommen und Emil nehmen. Ich kann nicht mehr.
      Wir lernen also auch eine ganze Menge über uns. Und das ist ja erst der Anfang. Ich bin schon gespannt auf die Pubertät 🙂
      Liebe Grüße!!

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  2. Liebe Miriam,
    ich lese Deinen Blog sehr gerne und man bekommt das Gefühl, Euch zu kennen und lernt euch zu mögen.
    Wenn meine Kleine sich mal (auch sehr selten) hemmungslos entgegen meiner Vorstellung/Erwartung/Wunsch verhält und ich merke, wie ich die Geduld verliere, mache ich gedanklich einen Schritt zurück, schaue sie mir an und sehe ein wunderschönes Lebewesen, von dem ich nicht glauben kann, dass es mein Kind ist, und wenn ich mich dann frage, ja, bewusst frage, warum macht sie das? Muss sie das jetzt wirklich machen? Dann schlage ich mir gedanklich mit der Hand an den Kopf: Natürlich muss sie das, sie ist 4 Jahre alt! Und es macht wahnsinnig Spass, die Sau raus zu lassen. Uns Erwachsenen macht es ja auch Spass, sich mal gehen zu lassen.
    Meine beiden sind in Deinem Alter und verhalten sich wahnsinnig und ich meine wahnsinnig brav, aber eben nicht immer und dann auch mal gerne wahnsinnig wahnsinnig nicht brav. Wie Du es selbst zwischen Deinen Zeilen schon selbst beschrieben hast, Luxusprobleme hast Du (ich jedenfalls schon), die meiste Zeit über ist Emil wahnsinnig brav. Wenn er dann mal „die Sau raus läst“, dann muss man es ihm auch lassen.

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  3. Liebe Miriam!
    Ich lese Deinen Blog sooooo gerne. Er ist so voller Wärme. Das finde ich toll. Finde uns auch sehr oft wieder. Dieser Eintrag hat mich besonders berührt. Mir geht es auch sehr oft so. Dann bin ich ungeduldig. Genervt. Obwohl ich das eigentlich nicht möchte. Ich habe auch nie streiten gelernt. In unserer Familie wurde nicht gestritten. Da war man nie böse. Höchstens enttäuscht. Daher lerne ich gerade mit meiner Wut besser umzugehen. Sie als Gefühl zu akzeptieren. Mein Mann und ich streiten auch nicht oft. Aber am Anfang hatte ich dann immer Angst, er verlässt mich. Aber das ist schon viel besser geworden. Und mit Kind fängt man ja noch mal ganz anders an zu lernen. Vielen Dank für Deinen tollen Blog, mach weiter so, ich bin sehr gerne hier ❤

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