Glücksmomente 16

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Kann das Glück in Dingen stecken? In etwas materiellen? Muss Glück nicht aus uns heraus kommen? Oder aus der Natur?

Unser Glück liegt in der Hängematte. Sie ist vielleicht etwas materielles, aber sie hat einen Mehrwert. Sie bündelt Zeit und Glück und Liebe. Emil hatte die Idee. Und Pfingsten lagen wir da. Emil, Ida und ich.IMG_1184 Im Schatten einer Fichte, umringt von frisch gepflanzten Farnen (oder wie Emil sagen würde: Eine Fahne pflanze ich hierhin!). Ein eigener kleiner Dschungel. Ein Eichhörnchen, dass uns von seinem Ast aus neugierig betrachtet und Vögel Gezwitscher. Ansonsten Ruhe. Ganz Hamburg scheint ausgeflogen, nur wir nicht. Einsam schaukeln wir im Garten, die Zeit vergeht, wir lesen und erfinden Geschichten von schaukelnden Booten und Haien unter uns. Emil kuschelt. Ida kuschelt.

Jeden morgen kriechen wir in der ersten Morgensonne in die Hängematte und verbringen die erste Stunde des Tages da. Keiner hat das Bedürfnis sie zu verlassen. Im Bett klappt das nie. Nach einigen Minuten fangen Emil und Ida an zu wühlen, fordern Getränke oder ein Picknick, wollen lesen, wühlen, Höhlen bauen. In der Hängematte herrscht Ruhe und Nähe. Ich genieße das. Paul arbeitet das ganze Wochenende und stille Momente sind rar. Am Abend kriechen wir wieder in die Hängematte. Es dämmert und warm ist es nicht. Wir liegen da und sehen in den Himmel. „Seitdem wir die Hängematte haben, lieben wir uns alle noch ein bisschen mehr als vorher,“ flüstert Emil.

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Die Woche war voll, die Tage zu kurz. An mehreren Tagen nehmen wir John und seinen älteren Bruder mit. Die Mutter muss arbeiten. Bei uns Zuhause bricht das Chaos aus. Überall wird getobt, geräumt, auf- und selten etwas abgebaut. Ida immer dazwischen. Bis ich sie fürchterlich im Flur weinen höre. Der Verdacht auf die drei Jungs verfällt, als ich diese im Wohnzimmer entdecke. Ida steht am anderen Ende des Flures und weint bitterlich. Arme, kleine Ida. „Was ist denn los?“ frage ich. Entsetzt deutet Ida auf die Waschmaschine. „Bobo.“ In den Fluten der Waschmaschine, umringt von weißem Schaum dreht ihr Schäfchen Bobo grade seine Runden. Nachdem er auf diversen Spielplätzen durch den Sand geschleift worden war, im Kindergarten mitgegessen hat und neuerdings bei voller Fahrt gerne mal aus dem Fahrradanhänger gehalten wird, wurde es Zeit ihm seine ursprüngliche Fellfarbe zurückzugeben. Banale Dinge können einem so in der Seele weh tun. „Bobo nass,“ stellt sie fest, als wir ihn endlich aus der Waschtrommel befreien. Sie wickelt ihn in ein Handtuch und zieht von dannen.

Abends wird es spät. Nachtdienste bieten sich hervorragend an um Freundinnen zu treffen – wenngleich auch nur bei uns Zuhause. Und dann erreicht mich Mitte der Woche ein alles verändernder BLOG Kommentar von Stadtgartenkinder. Um einen Ausweg aus dem andauernden Zu-Bett-Geh Drama zu finden solle ich doch beide Kinder in einem Zimmer schlafen lassen. Gut, die Idee hatten wir auch schon öfter. Haben sie aber nicht umgesetzt. Und auf einmal dachte ich: warum machen wir das nicht?

Komplette Kinderzimmer umräumen ohne Paul ist nicht die klügste Idee. Kleiderschrank, Sofa, Kommoden, Bücherregale. Schleppt sich alles mit Hilfe eines vierjährigen nicht so wirklich gut. Einiges bleibt auf der Strecke, im wahrsten Sinne des Wortes, und kann erst Abends mit Hilfe von Paul seinen Standort wechseln. Den Rest machen wir alleine. Zwei Tage lang räumen wir herum sortieren Spielzeug um und tragen 80 Kinderbücher von Emils in Idas Zimmer. Bauen ein Kinderbett auf, dass Emil gehörte, bevor er ins Hochbett zog. Wir schieben, tragen, putzen. Und dann stehen wir endlich vor dem Ergebnis. Ein gemeinsames Schlafzimmer. Ein kleines Paradies in weiß grau tönen. Kisten mit Emils Lieblingsspielzeug unter dem Hochbett, der Rest im Spielzimmer nebenan. Am Abend liegen sie glücklich in ihren Betten. Als ich nach zehn Minuten zurück komme ist Ida eingeschlafen, Und Emil aus dem Hochbett geklettert und liegt auf dem Sofa neben Idas Bett. „Dann bin ich dichter an ihr dran,“ murmelt er müde. Liebe Stadtgartenmutti, vielen, vielen Dank für die letzte Motivation, die ich brauchte, das Projekt endlich umzusetzen!

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Da Paul in dieser Woche und Pfingsten kaum Teil unseres Familienlebens ist, fahren wir zu Oma und Opa aufs Land. Meine Brüder sind da, meine Cousine aus Holland, meine Tante. Alle scharen sich um die Kinder. Und das Leben zeigt sich von seiner natürlichsten Seite. Überall ist Liebe. Sind Generationen, die aufeinander achten. Überall ist Lachen. Und überall ist Natur. „Ich möchte auch gerne für immer bei Oma und Opa leben,“ sagt Emil. „Weiß du,“ beginnt mein älterer Bruder. „Deine Mama und ich haben hier als Kinder ja auch gelebt. Und wir haben das sehr geliebt. Gut, die einen mehr und die anderen weniger.“ Aber das stimmt nicht. Ich habe es genauso geliebt. Genauso genossen. Aber ich bin kein Kind mehr. Und seitdem das so ist, kann ich mir ein Leben dort nicht vorstellen. Aber das kleine bisschen schlechtes Gewissen bleibt. Kann ich meinen Kindern etwas so paradiesisches vorenthalten?

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Aber wir kommen immer hier her zurück. Und es befreit mich zu sehen, wie die beiden sich in dieser Welt bewegen, die einmal die Welt meiner Kindheit war. „Erzählst du mir was von früher?“ ist Emils liebste Frage wenn wir bei meinen Eltern sind. Am See und durch die Wälder streifen. Wenn mir gar nichts mehr einfällt sagt Emil: „Aber ich kann dir nichts von früher erzählen. In meinem Leben gibt es noch kein früher.“

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Ach Emil, du bist so ein schlaues, kleines Kerlchen. Als wir uns auf den Heimweg machen schläft Ida direkt im Auto ein. Aber Emil ist erstaunlich wach. „Wo ist überall Krieg?“ fragt er unvermittelt. „Im Irak und im Iran,“ fange ich an. „Oh,“ sagt er erleichtert. „Im Iran waren wir ja grade. Gut dass wir rechtzeitig wieder weg sind.“ Ich muss lächeln. „Nein, wir waren in Meran“ beruhige ich ihn. „Das ist woanders.“ Emil will wissen, wie Kriege entstehen. Und ob alle kämpfen müssen. Auch Kinder und Mütter? Manchmal, sage ich. „Aber dafür gibt es Menschen, die versuchen das zu verhindern. Die fahren da hin und versuchen zu vermitteln. So wie im Kindergarten, wenn sich zwei streiten.“ Emil denkt einen Moment nach. „Ich glaube nicht, dass das häufig klappt,“ sagt er dann. „In einem Krieg ist es sehr laut, wenn die alle schießen. Ich glaube nicht, dass die die Menschen gut hören können, die versuchen den Krieg zu verhindern.“ Ja, denke ich. Vielleicht ist es tatsächlich ein bisschen so. Nur, dass sie nicht hören wollen.

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2 thoughts

  1. Oh wie schön, das du es spontan umgesetzt hast und das es so toll geklappt hat!

    Genießt den Frühling auf dem Land, saugt sie ein die reine, klare Luft und nehmt ein Stück der heilen Welt am Ende mit zurück in die Stadt.
    In spätestens 10 Jahren werden sie es dir danken, dass sie ihre Freunde allein mit dem Fahrrad besuchen können, dass sie die Vereine alleine besuchen können und du wirst wissen es war richtig, da du nicht mit dem Auto den ganzen Tag Taxi spielen musst.

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  2. Hier schlafen auch beide Mädchen im gleichen Zimmer und es klappt hervorragend. Meine Große schläft seitdem deutlich besser. Und die Kleine fühlt sich auch sehr geborgen. Manchmal kuscheln sie. Alles Liebe

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