Nur noch kurz die Welt retten

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Bevor ich Kinder hatte, hatte ich mich bereits satt gehört an dem ewigen Argument: In SO eine Welt wollt ihr Kinder setzen?

Ja, möchte ich. Sogar sehr gerne. Denn bitte, die Schönheit springt einem ja regelrecht ins Auge. Wir leben in einer Gesellschaft, die uns weder verhungern noch foltern lässt. Wir haben Regeln für jeden Blödsinn, unsere Kinder werden nicht verschleppt, dürfen in eine Schule gehen und wir trennen den Müll. So eine schlechte Welt ist das gar nicht, die uns jeden Tag vor unserer Haustür empfängt.

Und dennoch, wenn ich kleine Menschen diese Welt erfahren lasse, dann reicht der Gedanke: „Nach mir Sintflut“ nicht mehr. Es geht nicht mehr um mich, es geht um sie. Um ihre Zukunft.

Es gab immer Dinge, für die ich bereit war meine Meinung vehement zu vertreten. Ich habe als Schülerin auf den Bahnschienen nach Gorleben gesessen, ich habe mich mit Viva con Agua für Trinkwasserprojekte in Afrika eingesetzt. Ich habe während des Studiums in einem Bio Laden gearbeitet und auf einmal nur noch Bio gegessen. Ich fahre mit dem Fahrrad – egal wohin.

Und mindestens genauso viele Dinge mache ich hinsichtlich des Gutmenschentums völlig verkehrt. Ich habe früher Volvic Wasser gekauft und andere furchtbare Nestle´ Produkte. Ich fliege ständig irgendwo hin ohne den Emissionsausgleich zu zahlen. Ich gebe immer nur dem ersten Obdachlosen auf meinem Weg Geld, ich kaufe die „Hinz und Kunzt“ und lese sie gar nicht. Ich produziere unendlich viel Müll. Ich bin weder Veganerin noch Vegetarierin – aber immerhin esse ich nur Bio Fleisch.

Und wenn wir uns umsehen, dann machen alle irgendetwas richtig und diverses falsch. Und „Hand aufs Herz“ niemand kann alles richtig machen und das sollte auch nicht das Ziel sein. Wir sind alle in einer Gesellschaft gross geworden, die uns geprägt hat. Die uns immerhin Möglichkeiten und Alternativen bietet. Wir haben alle gelernt Dinge mal zu hinterfragen, aber genauso haben wir wahnsinnig viele Dinge übernommen, weil sie einfach immer so waren. Meine Eltern waren nie Veganer. Und um mich herum kaufen jeden Tag hunderte Menschen Nestlé Produkte. Wir können nicht alles richtig machen und auch nicht alles wissen. Wenn wir wissen, dass H&M Kleidung von Kindern in Bangladesch anfertigen lässt, woher soll ich wissen, dass Zara, Esprit und Petite Bateau das nicht genauso machen?

Ich kann ständig alles nachlesen. Mich informieren. Aber alles was mir jeden Tag vor die Füße kommt, alles was mich anlacht, von Werbeplakaten, in den Läden, in Cafés. Ich kann nicht alles wissen und hinterfragen. Aber ich würde gern.

In meinem Freundeskreis bewegt sich viel. Und das ist gut so. Menschen, die sich hinstellen und sagen: Ich mache es anders. Das kostet Mut und Passion und sehr viel Eigeninitiative. Und nur so entstehen Ideen. Ideen, die ich selber nicht hatte. Und für die ich dankbar bin.

Noch bin ich es, die die Welt für Emil und Ida ändern kann. Und sei es nur ein kleines bisschen. Es geht niemals darum alles richtig zu machen. Aber darum anzufangen. Wir müssen uns ändern, wenn wir die Welt ändern wollen. Denn die kleinen Füße unserer Kinder hinterlassen auch noch Spuren wenn sie gross sind. Und was wir ihnen vorleben, dass werden sie weitertragen.

Sie hinterfragen noch nicht. Deshalb müssen wir es für sie tun. Weil es in unseren Händen liegt sie für das zu begeistern, was uns wichtig ist. Weil wir ihnen Werte wie Rücksicht und Fairness beibringen können. Weil wir sie jetzt, wo sie klein sind, noch stark machen können gegenüber Mobbing und Fremdenhass. Weil wir die Möglichkeit haben, die Welt durch sie zu verändern. Und ein kleines bisschen besser zu machen. Weil wir ihnen erklären können, warum Fleisch unmöglich nur 1,90 Euro kosten kann. Das Dinge einen Wert haben. Das dieser nur dann gerecht ist, wenn die Menschen die produzieren dafür fair bezahlt werden.

Wir haben uns so an all das billige, günstige und den ganzen Überfluss gewöhnt. Aber was ist der Preis dafür? Haben wir nicht die Chance, den Dingen wieder einen Wert zu geben, der angemessen ist. Vielleicht werden unsere Kinder sich niemals wundern, warum ein T-Shirt so viel kostet, wie es angemessen wäre. Und vielleicht den Kopf schütteln über unsere Generation, die sich so lange nicht gewundert hat, warum ein T-Shirt 4,90 Euro kosten kann. Vielleicht brauchen wir nicht Kistenweise Spielzeug? Und einen ganzen Schrank voller T-Shirts? Und jeden Tag ein Gericht mit Fleisch?

Wir selber können uns ändern. Und Vorbilder sein. Aber vor allem legen wir mit unseren Kindern einen Grundstein für eine bessere Welt. Wir machen alle Fehler und wir haben viele Fehler aus der Generation vor uns und der davor übernommen. Aber wir haben auch alle die Chance es besser zu machen. Und keine ist motivierender und nachhaltiger, als unseren Kindern etwas mit auf den Weg zu geben.

Ab jetzt verbessern Emil und Ida ein bisschen die Welt – und alle anderen Kinder dieser Welt auch.

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4 thoughts

  1. wir leben in einer welt, in der man sich alles informieren KANN wenn man möchte, hintergründe recherchieren usw und das hat unendlich viele vorteile.
    und doch, manchmal finde ich diese möglichkeit ein wenig erdrückend, weil damit auch die verantwortung steigt, es irgendwie richtig zu machen.
    dann hab ich nich bloß verantwortung dafür, dinge richtig zu machen, von denen ich die hintergründe kenne, sondern auch für die, von denen ich noch nichts weiß, weil ich mich ja einfach informieren könnte. weißt du was ich mein?
    finde ich bisweilen ein bisschen anstrengend und ich bin dankbar für jeden anstoß, jeden gedanken, den sich auch andere machen um das bild vom großen ganzen zu vervollständigen.
    also wenn du dich mit fairen unternehmen, umweltschutz-projekten ect beschäftigst, fänd ich super, wenn du das weiterhin mit uns teilst 🙂
    liebe grüße! 🙂

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    1. Ja, das war auch das Ziel. Ich bin nämlich selbst ganz dankbar, wenn mich jemand auf etwas hinweist, was mir vorher nicht klar war. Und ich glaube, Eltern sind tatsächlich sehr empfänglich für dieses Thema, und manchmal sind es ja Kleinigkeiten, die man ändern kann.
      Liebe Grüße!

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  2. Danke für deinen Eintrag.
    Er ist sehr gut geschrieben und zeigt auch, dass wir nicht alles in unserem Leben richtig machen können.
    Es gibt mittlerweile sogar eine Hochschule in den Niederlanden, die einen Studiengang mit Spezialisierung auf Fair Trade Management anbietet.
    Genau das ist mein Plan. Danke, dass du das so perfekt formuliert und auf den Punkt gebracht hast.
    Liebe Grüße.

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