Glücksmomente 15

Nach drei Wochen in denen Paul nur zwei Tage Teil unseres Familienlebens war, merke ich, dass mir das glücklich sein von Tag zu Tag etwas schwerer fällt. Es ist nicht so, dass es nicht präsent wäre, das Glück, aber es wird immer öfter vom unglücklich sein, vom genervt und ungeduldig sein dominiert. IMG_4278

Ich stehe mit den Kindern auf, ich friere und suche dennoch Unterhosen, Socken und Kleider zusammen, fange schlechte Laune ab, weil es die falschen Socken, Kleider und Unterhosen sind. Wühle im Trockner nach Alternativen, ärgere mich selber darüber. Wische Marmelade von Händen, vom Tisch, vom Küchenboden. Ziehe noch mal um, weil verschüttetes Wasser auf der Jeans ist, wische noch mal, räume Frühstück weg, ärgere mich über Zeitprobleme, Jacken an, Schuhe nicht auffindbar, Zahnpaste in Gesichtern. Finde den Anhänger zu schwer oder meine Beine zu schwach, finde Autofahrer rücksichtslos, das Wetter zu kalt, Ida zu langsam und Emil zu schnell. Ziehe Schuhe und Jacken wieder aus, hebe runtergefallene Taschen auf, führe kurze Gespräche, bin immer noch zu spät, fordere Emil ständig auf schneller zu gehen, ärgere mich noch mehr über mich selbst.

Komme im Büro nicht vorwärts, das kleine Mac Book völlig überlastet, bin ungeduldig, schiebe Aufträge hin und her, sage welche ab, entschuldige mich ständig. Radeln wieder los, ein Kind heult eins will nicht in den Anhänger, eins hat Hunger, eins hat Durst, eins will keine Schuhe anziehen, eins will lieber zu Freunden und schreit. Zuhause herrscht Chaos, wenn zwei Menschen arbeiten fehlt irgendwie die Zeit für Ordnung, drei Körbe saubere Wäsche, die Kinder streiten um Spielzeug, alle Kissen im Garten sind durchgeregnet, Ida heult und will nur auf den Arm.

Ich koche irgendwas, es ist sowieso verkehrt. Ida heult, Emil ist bockig, weil er nicht „Shaun das Schaf“ gucken darf. Ich räume ab, aber Ida hängt an meinem Bein und heult. Ich versuche vorzulesen, aber Ida hört nicht zu und Emil ist genervt. Ida schreit sich in Hysterie beim zu Bett bringen, Emil ruft in einer Tour, warum ich nicht endlich zu ihm komme. Ida schreit über eine Stunde. Ich versuche Emil vorzulesen, gehe alle paar Minuten zu Ida zurück, denke, ich könnte gleich durchdrehen. Als Ida endlich die Augen zu fallen kommt die Katze und maunzt als gäbe es kein Morgen mehr. Ida setzt sich auf und sagt :Katze!

Gefühlt sieht so jeder Tag der letzten drei Wochen aus. Denke ich. Aber natürlich stimmt das gar nicht. Denn das eine bedingt das andere und das ist kein Geheimnis. Je genervter und angestrengter ich im Laufe der Wochen werde, desto mehr werden das auch die Kinder.

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Eigentlich war es eine schöne Woche. Voller Dinge, die mich glücklich machen. Eine meiner liebsten Freundinnen zieht von München zurück nach Hamburg. Ich habe mich tierisch darüber gefreut. Ida entwickelt ein Gespür für Empathie – wenn Emil weint geht sie hin und streichelt seine Haare. (Meistens weint er allerdings, weil sie ihn zuvor gekniffen, gebissen oder geschubst hat). Im Garten wird es paradiesisch grün, Paul schenkt mir einen neuen Computer und ich schaffe es, all das für das ich in der letzten Woche mindestens drei Tage gebraucht habe, jetzt an einem Vormittag abzuarbeiten. Am 13. Mai ist mein BLOG in diesem Monat allein 100 000 mal gelesen worden – wenn einen das nicht glücklich macht, weiß ich auch nicht.

Wir fahren Himmelfahrt aufs Land und treffen uns mit meinen Eltern und meinem Bruder und seiner Familie. Es ist kalt aber schön, die Kinder streifen durchs Unterholz, alles fühlt sich richtig an. Als ich zurück nach Hamburg komme schlafen beide Kinder im Auto. Irgendwie war ich fest davon ausgegangen, dass Paul gegen neun längst Zuhause sein müsste. Ist er aber nicht. Ich trage Kind eins rein, dann Kind zwei und freue mich zumindest, dass das geklappt hat, ohne das einer der beiden aufwacht.

Gut, Ida schläft Nachts nicht mehr – mindestens zwei, wenn nicht drei Stunden, ist sie zur Zeit wieder jede Nacht wach. Ich hingegen bin jeden Tag immer müder. Den ganzen Freitag toben vier Kinder durch die Wohnung. Im ersten Moment denke ich müde wie ich bin: oh man. IMG_7002Dann denke ich mir, egal, und lasse sie einfach machen. Sie toben durch die Wohnung, durch alle Zimmer, durch den Garten hinter dem Haus und den vor dem Haus. Gegen Abend sitze ich mit einer Freundin in der Sonne auf dem Balkon. Die Kinder schieben Holzpuppenwagen zwischen den Tulpen und den hohen Farnen durch und wir trinken Wein. Es wird der entspannteste Tag der Woche. In dem Moment, wo man aufhört zu reglementieren, wo man aufhört mitzuspielen, hinterher zu räumen, ständig Dinge zu verbieten (Kippt bitte nicht alles aus! Lasst bitte den Sand in der Sandkiste! Tretet nicht auf die Blumen!) da läuft der Tag einfach. Ja, zwei Blumen sind zerknickt und der Sand ist zum Teil nicht mehr in der Sandkiste. Aber der Tag war schön. „Kinderzeit,“ haben wir das genannt. „Wisst ihr was, heute ist Kinderzeit,“ haben wir gesagt und in erwartungsvolle Gesichter gesehen. „Das heißt, wir lassen euch völlig in Ruhe. Und ihr lasst uns in Ruhe.“ Die Kinder waren stolz wie Oscar. Kinderzeit! Juhu!

Paul hat Samstag und Sonntag frei und ich fahre das Wochenende für ein Fotoshootings weg. Langsam muss das ein Ende haben. Die Zeit gemeinsam kommt ganz schön zu kurz.

Wer Lust hat mehr Glücksmomente anderer Blogger zu lesen, kann das hier http://www.daily-pia.de/2015/05/18/gluecksmomente-212015/

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9 thoughts

  1. Danke für diesen tollen Beitrag, er spricht mir aus der Seele!
    Ich habe die gleiche Kinderkombination wie du und auch wir sind beide stark eingebunden im Job.
    Ein kleines Tränchen musste ich gerade verdrücken als ich den Beitrag las, so sehr hält er mir den Spiegel vor.
    Es helfen manchmal nur Phrasen um es erträglich zu machen:
    1) geteiltes Leid ist halbes Leid!
    2) es ist alles ein Phase!
    3) alles hat seine Zeit! (die gemeinsame gehört gerade nicht üppig dazu)
    Eine große Portion Kraft sende ich in den Norden! Der tägliche Wahnsinn ist es was es erst so richtig spannend macht.

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    1. Oh, ja, wie Recht du hast! Manchmal sehe ich selbst den wütenden, nervenden Kindern zu und denke mir: oh, aber nur noch ein paar Jahre und dann sind sie schon groß. Und das finde ich dann extrem schade. Dann lieber mal ein bißsschen bockig sein 🙂

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  2. kinderzeit, das ist ja ne super idee 🙂 kann meiner vom sinn grad noch nich wirklich erfassen (knapp ein jahr alt) aber wenn’s soweit ist, denk ich bestimmt mal dankbar an deinen einfall 🙂
    ich wünsch dir gute nerven und dass du das glück auch im stressigen alltag immer mal wieder findest!

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  3. Liebe Miriam,

    schreib weniger im Blog – einmal pro Woche genügt, um Deine ebenso vielbeschäftigten Fans zu füttern – und Du wirst mehr Zeit und Kraft haben, in Dich hinein zu hören und vielleicht Deinem Mann sagen: „Ehrlich, Du kannst gerne zum Sport gehen, von mir aus kein Problem, aber schöner wäre es doch, wenn Du mich nicht frägst, ob Du darfst, sondern wenn Du von Dir aus selbst sagen würdest, nee, ich könnte zum Sport gehen, ich könnte aber auch zu Hause bleiben, und mit meiner Frau Zeit verbringen, dann kann sie mir erzählen, was alles so los war heute bei ihr und den Kindern.“

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    1. Das stimmt, aber alles in allem liebe ich es tatsächlich Abends noch zu arbeiten und selten ist es am Blog. Natürlich kommt die Zeit zusammen häufig zu kurz. Aber wir hatten es nie anders. Seitdem wir zusammen sind wissen wir, wie viel, wie passioniert und auch wie gerne der jeweils andere arbeitet. Und haben sowohl unsere Beziehung als auch unser Familienleben immer eher danach ausgerichtet, die Zeit, die wir zusammen haben wirklich zu nutzen, zu genießen und zu etwas besonderem zu machen. Vielleicht ist das für uns die Essenz, die unsere Liebe am Leben hält und wachsen lässt. Ich glaube, Paul hat ein gutes Gespür dafür, ob ich am Abend gerne in Ruhe noch arbeiten würde oder mir im Stillen wünsche, dass er Zuhause bleibt.
      Nur beim Kinder ins Bett bringen, da wünsche ich mir jeden Abend Hilfe zu haben… Aber auch das kriegt man ja irgendwie hin. Man wächst mit seinen Aufgaben 🙂
      Liebe Grüße!

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      1. Lass sie in einem Zimmer schlafen, dann löst sich das Problem allein zwei Kinder zu Bett bringen schlagartig auf, weil man nicht mehr zwischen den Zimmer oszillieren muss, sondern entspannt beide gemeinsam fertig machen kann. Mir hilft das immens wenn ich abends beide sehr oft allein ins Bett bringe

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      2. Ja, das haben wir auch schon die ganze Zeit überlegt. Allerdings geht Ida um sieben und Emil um acht schlafen. Und Emil liebt es vorgelesen zu bekommen und ich liebe das auch. Das fällt natürlich weg, wenn beide zusammen sind. Emil möchte Bücher für fünf oder sechsjährige vorgelesen bekommen und Ida hat keine Geduld dafür. Wir spielen aber trotzdem noch mit dem Gedanken. Müssen dafür aber auch die Zimmer erst mal umstrukturieren. Unter Emils Kleinkind-Hochbett passt kein weiteres Bett und woanders ist auch kein Platz. Aber das ist natürlich ein Luxus Problem und nur eine Frage der Aufteilung. Ich werde berichten!
        Vielen Dank!!

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      3. Einfach Lattenrost darunter und Matratze drauf, so haben wir es hier. Die kleine Dame (1,5 Jahre) schläft unten, der Herr (4 Jahre) oben – nächster Vorteil, man muss Nachts keinen holen, die kleine Frau kommt alleine ins Schlafzimmer gelaufen um sich in unser Bett zu kuscheln und keiner muss aufstehen.

        Ich bin gespannt, bei uns geht das ganz gut und auch wenn es Nachts mal Geschrei gibt, schläft meist das jeweils andere Kind weiter.

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      4. Oh, das klingt gut! Der einzige Nachtteil ist, dass unsere Rutsche parallel zum Bett verläuft. Aber Kinder finden das ja meistens ganz gemütlich, wenn sie hinter diversen Dingen ganz höhlenartige Kuschelplätze haben. Diese Woche hat Paul Nachtdienst und kann jeden Abend zumindest noch Ida ins Bett bringen, aber ab nächste Woche probiere ich das aus! Bis dahin kann ich es Ida auch noch richtig gemütlich machen und vielleicht einige der Piratenhochbett-Totenkopf-Motive entfernen 🙂

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