Wenn alles daran scheitert, dass man nicht alleine über die Straße darf

Nach mehreren Tagen Regen decke ich um kurz nach acht den Fahradanhänger auf und versuche mir den feuchten Boden selber schön zu reden. Als ich mich darauf lehne, schwappt mir Zentimeter hoch Wasser entgegen. „Das ist zu nass.“ Konstatiert Emil. Ich hänge meine Tasche mit dem Mac, meinen Notizbüchern und eine weitere mit diversen Ladekabeln über den gußeisernen Gartenzaun. „Nein,“ sage ich. „Das kann man trocknen.“ Ich glaube mir selber nicht. Ich renne zurück in die Wohnung und hole ein altes Handtuch. Weil ich Emil gebeten hatte derweil aufzupassen, dass Ida nicht auf die Strase rennt, finde ich ihn mit einer kreischenden Ida im Arm wieder. „Du solltest sie eigentlich nur festhalten, wenn sie zur Straße läuft.“ erkläre ich, aber im Grunde hat er nur versucht alles richtig zu machen. Das Handtuch saugt sich voll. Bei dem Versuch etwas in den Kofferraum zu stellen, begegnet mir ein kleiner Strunk vergammelter Weintrauben und ein Teppich aus Schimmel. Zeitdruck. Und ich renne wieder rein und hole neue Tücher. Jetzt aber ganz schnell die Kinder anschnallen, Rad aufschließen, los fahren. Tasche am Zaun vergessen. Umdrehen, Tasche runter reissen, in den schimmeligen Kofferraum schmeißen. Geht jetzt nicht anders. Und los.

Emil hat die Angewohnheit mir immer dann extrem viel zu erzählen, wenn ich zwischen HVV Bussen, SUVs und anderen lauten Verkehrsteilnehmern versuche mir einen Weg zu bahnen. Ich höre nur Bruchstücke. „…, oder Mama?“ und „Findest du nicht, Mama?“ und „Mama, guck mal!“ Ich trete und komme dennoch irgendwie nie vorwärts. An Idas Kindergarten ist eine Baustelle. Wir parken den Anhänger und das Rad an der Hauptstrasse und gehen das letzte Stück zu Fuß. Die beiden Taschen schleppe ich sicherheitshalber mit, Ida läuft in die falsche Richtung, Emil redet ununterbrochen. Mir rutscht immer eine der beiden Taschen die Schulter runter.

Bei Ida im Fach sind keine Windeln mehr. Ich werde freundlich darauf hingewiesen und weiß schon in dem Moment wo ich schuldbewusst „oh, ich denk dran“ murmele, dass ich es sowieso morgen wieder vergessen habe.

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Weiter zum nächsten Kindergarten. „Fahr, Mama, fahr!“ ruft Emil und rennt die Straße lang. „Ich darf nicht,“ sage ich. „Auf dieser Seite des Fußweges darf ich nicht fahren.“ Emil rennt trotzdem weiter und er ist verdammt schnell. Irgendwo aus der Ferne des Abatons höre ich Emil laut „Mama!“ rufen. Eine ältere Dame beugt sich besorgt zu ihm runter. „Hast du deine Mama verloren?“ „Nein.“ Sagt Emil. „ Die ist nur sehr langsam.“

Vor einem kleinen Laden liegt ein goldenes Armband auf dem Gehweg. „Oh!“ ruft Emil und hebt es hoch wie einen Schatz. „Das hat bestimmt jemand verloren, der jetzt sehr traurig ist,“ sage ich. „Komm, wir legen es auf die Stufen. Wenn jemand es sucht, kann er es hier besser sehen.“

Emil überlegt einen Moment. „Ich glaube, dass es einem Mann gehörte,“ beginnt er nachdenklich. „Der eine Frau liebt. Aber die Frau ist tot. Und der Mann jetzt furchtbar traurig.“ Er nimmt das Armband und legt es auf einen Sockel neben der Ladentür. „Ich lege es besser hier hin,“ erklärt er. „Damit die Frau im Himmel es besser sehen kann. Damit sie weiß, dass der Mann sie sehr geliebt hat.“ Er legt das Armband ab und geht weiter. Ich bin kurz sprachlos und folge ihm.

Im Kindergarten herscht wildes Durcheinander. Ungefähr Hundert mal sage ich: „Zieh deine Hausschuhe an, Emil.“ Ich habe keine Ahnung, ob mir jemand zuhört. Emil jedenfalls nicht. Dan ist auch da, wir teilen uns das Büro. Er winkt schnell und ruft: Bis gleich! Aber gleich ist relativ.

Es ist schön ins Büro zu kommen wenn schon jemand da ist. Und Kaffee gekocht hat. Ich versuche mit dem Stapel Aufträgen fertig zu werden, aber als ich etwas in DROPBOX hochladen will, sagt mein Computer: verbleibende Lade-Zeit noch 19 Stunden. So lange hatte ich eigentlich nicht vor zu bleiben. Durch die bodentiefen Scheiben beobachte ich nicht nur betreten und fast ein wenig beschämt, dass aus der Garage gegenüber jemand tritt, der dort definitiv nicht nur genächtigt hat sondern dort lebt und parallel dazu den Obdachlosen, der jeden morgen in unserem Treppenhaus verschwindet. Meinetwegen kann er das gerne machen, er kann auch gerne in der Sonne im Hinterhof schlafen oder unsere Toilette gegenüber benutzen, wenn er sich Mühe gibt sie sauber zu hinterlassen, aber er macht nichts anderes als jedes mal ungefähr 15 Minuten direkt vor unserer Bürotür zu verweilen und mehrmals dort auf den Boden zu spucken. Das wiederum missfällt mir.

Ich nutze die Zeit und rufe bei diversen Kindergärten an. Ich werde ständig vetröstet bitte eine Mail zu schreiben, und wenn ich das mache, antwortet mir keiner. Mittags verzichte ich aufs Essen und laufe schnell zum Spielzeugladen an der Ecke um ein Geschenk für Gretas kleinen Bruder Caspar zu besorgen. Der wird heute eins und wir sind seine Gäste.

Im Büro gibt es einen ominösen Praktikanten der allem Anschein nach im Keller sein Dasein fristet. Dan und ich finden ihn höchst amüsant. Er schafft es immer nur bis zur Kellertür. Wir sehen ihn nie. Dann kommuniziert er mit Chris, unserem weiteren Büro Teilhaber und verschwindet wieder. Den Keller teilt er sich im übrigen mit Revolverheld. Wir sind demnach mal wieder höchst vernetzt mit der lokalen Prominenz.

Kein Kindergarten meldet sich zurück und ich sage zum Ersten mal in meinem Fotografen-Dasein Aufträge ab. Es geht nicht mehr weiter. Die alten Aufträge stapeln sich und ich kann nicht immer arbeiten wenn Paul mal da ist. Wir sehen uns kaum noch. Ich steige aufs Rad es ist viel wärmer als gedacht aber an mir hängen schon zwei volle Taschen und für die Strickjacke ist wirklich kein Platz mehr. Und jetzt hab ich Hunger. Stattdessen schnell zur Bank. Ich schulde Idas Tagesmutter noch Geld.

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Ich lasse das Rad bei Gretas Wohnung stehen und gehe zu Fuß zu Idas Kindergarten. Der Anhänger steht bei Emils Kindergarten und ich schaffe es nicht die diversen Taschen, das Rad UND Ida zu managen. Ida will selber laufen und zwar NIEMALS vorwärts. Außerdem muss sie auf JEDER Kante, jeder Stufe und jedem Schaufenstersims sich einmal hinsetzen. Das kostet Zeit. Ich schwitze unter der Strickjacke. In zehn Minuten schließt Emils Kindergarten.

Emil, Greta und der Rest der jeweiligen Familien machen sich auf den Weg in Gretas neue Wohnung. Die steht noch leer, aber der Garten ist bereits nutzbar. Wir essen Kuchen, im hohen Gras des Gartens toben die Kinder herum, die Sonne scheint –wenngleich auch nicht direkt in den Garten. Schön ist es trotzdem.

Als wir aufbrechen wollen beschließt Emil, dass er aber lieber bei Greta schlafen möchte. Ich sage, ja gerne irgendwann mal, aber nicht heute. Der Emil-Wutausbruch ist somit in Gang gesetzt.

Zuerst schreit Emil lange und inbrünstig im Treppenhaus.

Dann schreit Emil auf der Straße. Dann setze ich Emil in den Fahrradanhänger aber auf dem Campus hat er sich bereits befreit. Er brüllt und zittert vor Wut und sagt, er bliebe jetzt dort sitzen, denn über kurz oder lang käme Greta mit ihren Eltern vorbei und dann könnten sie ihn mitnehmen. Alle Sätze die ich beginne, beginnt Emil mit einem weiteren Geschrei. Ich gehe in Zeitlupe weiter. Ida fängt an zu quengeln. Sie ist müde und weiß nicht, wieso hier so viel geschrien wird. Um nachzusehen schält auch sie sich erst mal aus dem Anschnallgurt. Ich setze sie wieder rein. Sie schreit und windet sich. Na gut, dann eben raus. Es geht grade ja eh nicht weiter. Und das Fahrrad steht dummerweise ja immer noch an der alten Wohnung von Greta.

Nach zwanzig Minuten Geschrei werde ich wütend. Das merkt auch Emil. „Ich würde ja weglaufen!“ schreit er böse. „Aber da ist eine Straße. Und ich darf nicht alleine über eine Strasse!“ schreit er weiter. Ich finde ihn furchtbar und rührend zugleich.Eine Dreiviertelstunde später – und das auch nur, weil ich körperlich nicht in der Lage bin Emil in den Hänger zu bekommen, ohne dass er furchtbar nach der neben ihm sitzenden Ida tritt sage ich (Gott, wie ich es hasse): „Gut, dann gehe ich jetzt alleine.“ Und die Quittung folgt sofort. Emil macht auch Ernst und läuft in die entgegennesetzte Richtung. Ida läuft Richtung Campus Kindergarten und der Anhänger mit meinem ganzen Geld, dem Mac Book und diversen anderen Dingen bleibt alleine auf dem Campus zurück. Ich versuche hinter Emil herzurennen, aber der merkt das und rennt auch los. Ida oder Emil einfangen? Ich fange Ida und heule. Ein Student dreht kurzerhand mit dem Rad um und fährt hinter Emil her. Bei aller Angst, die ich habe, Emil ist nicht dumm. Er geht nicht alleine über die Straße, auch nicht wenn er es androht. Er sitzt auf einem Stein an der Straße. Und ich schreie. Ich bin so voller Wut, weil ich seit einer Stunde Zuhause sein wollte und weil ich keine Lust mehr habe und Gepäck trage und Ida trage und ihn undankbar finde. Und alles, was einem so völlig Irrationales durch den Kopf geht, wenn man mit einem Vierjährigen streitet. Und andere Kindergarteneltern passieren zufällig unseren Weg und ich bin froh, dass ich eine Sonnenbrille trage und niemand sieht, dass ich heule. Nur die freundliche Spanierin mit ihrem Sohn. Sie steht auf und stellt sich kurz neben mich. „So sind Kinder,“ sagt sie freundlich. „So sind sie alle. Nicht ärgern lassen.“ Ich würde sie gerne umarmen aber auf meinem Arm sitzt ja schon die Ida.

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Als wir endlich zu Hause sind ist Ida hundemüde und weint beim Essen, Emil möchte gar nichts essen. Wickeln, Zähne putzen, Vorlesen, Fläschchen geben. Zum Glück ist Paul da. Wir essen erst um halb neun und Paul geht direkt zum Sport. „Aber nur, wenn das wirklich okay ist?“ Fragt er ein letztes mal. „Total okay.“ Sage ich. „Aber ich muss Dir einmal die Geschichte von Emil und einem gefundenen Armband heute morgen erzählen.“ Sage ich. Und wir sehen uns an und denken beide: Mein Gott, das bisschen Geschrei manchmal, im Grunde platzen wir vor Liebe und vor Glück – das ganze Glück was sie in unser Leben gebracht haben. Und dann fange ich an zu arbeiten.

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5 thoughts

  1. „aber da ist eine straße. und ich darf nicht alleine über eine straße!“ aaaaaaaww ❤
    glaub dir aber gern, dass man in so einer situation die nerven verliert.

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  2. Hallo Miriam!

    Ich lese noch immer mit und freue mich, wenn es Neues von dir zu lesen gibt 🙂
    Du hast in den letzten Tagen geschrieben, dass es immer mal Kritik gab – und als ich deinen Text heute las, ging mir das durch den Kopf.
    Ein Blog vermittelt doch immer die eigene Meinung, eigene Erlebnisse, Gefühle und Sichtweisen. Du schreibst in und aus deinem ganz speziellen Kontext heraus.
    Kritik ist gut, sie regt zum Nachdenken an, auch dazu, Abstand zu der eigenen Sichtweise zu gewinnen und andere Aspekte zu sehen. Und auf einem Blog ist Austausch wichtig, das macht ihn lebendig.
    Schade finde ich es, wenn Kritik nicht mehr in angemessener Form geäußert wird. Manchmal scheint es, als würden einige Menschen vergessen, dass Meinungen aus einem Kontext heraus entstehen (wie zum Beispiel deine Sorgen, nun den passenden Kindergarten zu finden. Das mag vielleicht ein. “ Luxusproblem“ sein, bereitet dir aber in deiner Situation und im richtigen Kontext verständliche Sorgen).

    Ich hoffe, du schreibst trotz allem weiterhin so persönlich von deinen Gedanken und Gefühlen!

    Liebe Grüße,
    Maren

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  3. Ach, das kenne ich nur zu gut! Erst letzte Woche: der Große ist endlich zur Schule los (die ist zum Glück nur in der Nebenstraße), der Kleine ist müde und muss nochmal auf Klo und ich bin definitiv zu spät dran. Wir beide endlich 6 Stockwerke runter geschafft, mein Auto steht gegenüber. Ich laufe schon vor, schließe Karosse auf und was passiert?! Der Zwerg kriegt einen Heulanfall, weil er ja nicht alleine über die Straße darf… Obwohl ich dabei bin und ihm sage er darf!!! 10 Minuten Diskussion. Er hat ja auch Recht, aber ich bin doch dabei! … Da hab ich auch vor Wut und Entnervtheit geheult und Abends hab ich ihn wieder voller Liebe in den Schlaf gestreichelt.

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    1. Ich weiß gar nicht, worüber ich grade mehr staune, über den Wutanfall oder darüber, dass du SECHS Stockwerke nach unten musst. Musst du die auch rauf??? Ich hoffe ihr habt einen Fahrstuhl. Nach sechs Stockwerken wäre meine Laune nämlich im Keller 🙂

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