Where is the good in Goodbye?

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Der Kindergarten Abschied kommt in Raten, aber er kommt. Vor einer Woche tröstete mich Emil noch mit den Worten: Wenn es mir im neuen Kindergarten nicht gefällt, dann geh ich eben in den alten zurück.

Heute hat er verstanden, dass das wirklich nicht geht. Das andere Menschen in die Räume ziehen werden, dass die Spielsachen verschwinden und mit ihnen auch seine Freunde. Aber: wir wähnten uns ja im Glück den begehrten Kindergartenplatz in der Schanze bekommen zu haben. Den Namen nenne ich nicht. So wie es aussieht gibt es eine lange Warteliste, und natürlich diverse Eltern, die ihre Kinder dort aus Überzeugung und wahrscheinlich auch guten Gründen abgegeben haben. Und weil er so hochgelobt war und ist, liegt der Vertrag bei uns auf dem Tisch. Und Emil, Ida und ich wagen uns zu einer Info Stunde.

In mir ist es kalt und in dem Kindergarten auch. Emil kullert ein Auto hin und her während uns alles erklärt wird. Ida verschwindet. Wie immer. Nach einiger Zeit sehe ich sie durchs Fenster im Garten. Immerhin kann ich mir sicher sein, dass sie aus diesem Hochsicherheitstrakt nicht hinaus kommt. Wir werden gebeten Plastik Tüten über unsere Schuhe zu ziehen, ich werde bombardiert mit Schildern. Absolutes Handy Verbot. Foto Verbot. Sicherheitsregeln, diverse Tür-Codes. Ich schleiche mit Emil hinter den anderen Interessenten her. „Ich finde es hier nicht schön,“ flüstert Emil.

Auf 200qm passiert erstaunlich wenig. Ich suche gemütliche Holzregale, Puppenecken, Körbchen mit Bastelartikeln. Wenn ich von den frisch gepflückten Blumen in unserem Kindergarten erzähle, werde ich schon ausgelacht. Paradiesische Vorstellungen. Meine Ansprüche sind zu hoch. Ich versuche sie runter zu schrauben. Emil möchte hinter eine kleine Puppenbühne gucken. Ein Zweijähriger versperrt ihm den Zutritt. „Ich mag hier nicht sein,“ flüstert er mir zu. „Die anderen Kinder lassen mich nicht mitspielen.“

Ich würde gerne gehen, aber das ist a) unhöflich und b) komme ich aus dem Hochsicherheitstrakt gar nicht ohne Hilfe raus. „Wenn ich hier mal ganz traurig bin,“ fährt Emil fort. „Dann kann ich mich ja an die Ida kuscheln.“ Oh, wieder eine Information nicht zu ihm durchgesickert. „Emil, die Ida bleibt erst mal in ihrem Kindergarten. Für Ida haben die keinen Platz hier.“ Emil kämpft mit den Tränen.

„Kann ich nicht mit Nils in einen Kindergarten?“ fragt Emil, als wir endlich draussen sind. „Oder mit Greta? Oder mit Ida zusammen irgendwo hin?“

Ja und nein, denke ich. Seitdem wir nicht mehr im Grindelviertel wohnen brauche ich eine Stunde um die Kinder zu Kindergarten a) dann zu Kindergarten b) zu bringen und dann ins Büro zu radeln. Das gleiche auf dem Weg zurück. Zwei Stunden, jeden Tag. Jetzt ist meine Chance daran etwas zu ändern. Aber das geht nur, wenn ich Emil von Greta trenne. Und von Nils. Und von all seinen alten Freunden. Eine Chance für ihn endlich in unserem neuen Viertel Fuß zu fassen. Freunde zu finden, die in unserer unmittelbaren Nachbarschaft wohnen. Mit denen er vielleicht auch irgendwann zur Schule gehen wird.

Aber schöne-neue-Hamburg-Welt, du bist voll mit Möglichkeiten. ich beklage mich nicht. Aber ich beschäftige mich mit Dingen, mit denen meine Mutter keine Probleme hatte. Es gab zwei Kindergärten und zwei Grundschulen. Man ging ganz einfach jeweils in die dichtere. Hier gibt es Hunderte Kindergärten und diverse Schulformen. Alle können irgendetwas, alle haben neue, innovative, reformpädagogische Konzepte. Will ich die verstehen, muss ich mich damit beschäftigen. Will ich die Kindergärten kennen lernen, muss ich sie mir ansehen. Das glänzende Internet präsentiert mir zig wunderbare Kindergärten in unserer unmittelbaren Nähe.

Emil ist grade mal vier und wir haben ihn bereits an mehreren Schulen angemeldet. Hätte ich es nicht selbst getan, ich hätte mich ausgelacht. Aber dann purzelt man da rein in diesen Strudel aus Alternativen. Vorschule ja oder nein? Wie ist das jeweilige Vorschulkonzept das in den Kindergärten integriert ist? Wann ist Emil unterfordert? Und wie lange schaffe ich es ihn wirklich einfach nur Kind sein zu lassen?

Und dann entscheide ich immer über Idas Kopf hinweg. Die Entscheidung steht und fällt mit Emil. Das furchtbare Los der Zweitgeborenen. Dabei hat Paul zu Recht bemerkt: „Müssen wir nicht eigentlich viel eher entscheiden, wo es für Ida besser ist? Immerhin geht die noch viel länger in den Kindergarten als Emil.“

Ich verbringe einen Abend damit Kindergärten und Kinderläden anzuschreiben. Plane Besichtigungstermine und Probe-Tage. Zuhause stapeln sich die nicht versandten nicht bearbeiteten Foto Aufträge. Prioritäten setzen? Ja. Die Kinder. Aber mache ich es mir schwerer als es ist?

Idas wunderbare Tagesmutter bemerkte heute:“Vielleicht findet Emil es aber auch überall doof, weil er eigentlich nur doof findet wechseln zu müssen?“ Das stimmt. Es ist kein Geheimnis: Das große, komplexe Problem sehen nur wir Mütter. Emil wird seinen Weg finden, Ida wird ihren Weg finden. Und ich werde die nächsten beiden Wochen trotzdem durch diverse Kindergärten Info Stunden schwanken.

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5 thoughts

  1. Das was du über deine Mama schreibst habe ich auch schon oft gesagt: es ist Fluch und Segen diese Auswahl – genau das gleiche beim Thema Fußball/Turnen etc. wir hatten alle die Familienmitgliedschaft im TuS und ein „voll“ gab es beim Fußball nicht….

    Wir hatten auch einen Platz in einer privaten Schule für Wurstfred ab Sommer – aber als ich beim Elterabend der staatlichen Schule war, in deren Gebiet wir wohnen, traf ich auf all die anderen lässigen Eltern, die wir aus der besten Kita der Welt (und im Viertel) schon kennen und wusste, dass ich genau das will: Wursti soll einfach nach der Schule mit zu X, Y oder Z gehen, weil sie sich schon seit 5 Jahren kennen oder zu A, weil die sich seit kurzem kennen und ich habe – sorry – keine Lust ihm im „Achtung Vorturteile“ Lacoste Polo aus Blankenese abzuholen… Und wenn es nur die Blundstones sind…

    Liebe Grüße von der Hafengeburtstagsflucht aus der alten Heimat 😂

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    1. Ja, unsere Mütter, die hatten es gut! Vielleicht sollten wir zurück ziehen? 🙂 Aber jetzt, meine Liebe, kommt es noch viel erstaunlicheres: WIR gehen heute zum Hafengeburtstag! Ja, jetzt kommst du. Kein Interesse mehr an progressiven Thees Uhlmann Bildern. Ich geh jetzt Mainstream! Aber mehr dazu im nächsten BLOG Beitrag. (Sollte es keinen geben, haben wir uns doch nicht getraut….)

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  2. bei uns in der provinz ist es noch so, dass eigentlich nur eine grundschule in frage kommt, kindergärten haben wir in unmittelbarer umgebung zwei.
    das nimmt mir auf der einen seite die entscheidung weitestgehend ab. auf der anderen seite würd ich mir für mein kind auch eher alternative pädagogische konzepte wünschen als die „alte schule“ die man hier so oft findet.
    tja, die medaille hat immer zwei seiten 🙂 und ich glaube mit einem überangebot wär ich, trotz der vielen vorteile, auch einfach überfordert.
    ich drück auf jeden fall die daumen, dass ihr einen kindergarten findet, in dem emil sich wohlfühlt und der euch den wechsel ein klein bisschen erleichtert! 🙂

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    1. Im Grunde muss man einfach aus dem was man hat das Beste machen. Und ich glaube, gute Schulen stehen und fallen mit ihren Lehrern. Wenn ich an der besten Schule aber den unpassendsten Lehrer erwische, hab ich auch Pech. In unserem Freundeskreis sind viele Kinder an bilingualen Kindergärten. Fand ich früher total übertrieben. Aber die sind vier und fünf und sprechen perfekt Englisch. Jetzt bin ich manchmal fast neidisch. Hätte ich ja meinen Kindern auch ermöglichen können.
      Aber am Besten fand ich, was Paul gestern im Auto gesagt hat: Kinder vom Land sind viel kreativer als die aus der Stadt. Wir in der Stadt sind immer ein bißchen mitgelaufen und irgendwas hat sich schon ergeben. Kinder vom Land MUSSTEn sich aufraffen und die Dinge selber in die Hand nehmen. In welche Stadt sie gehen, wie sie sich da alleine durchkämpfen und so. Da sind sie den Stadtkindern viel weiter voraus!
      Und ich finde, er hat Recht 🙂

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      1. da is schon was dran. selbst ein dorf-wald-und-wiesen kind bin ich ein großer freund konstruktiver, kreativ machender langeweile 🙂 aber wenn man ehrlich ist, hat naturkundemuseum, bilingualer montessori-kindergarten und kinder-yoga schon auch was für sich 🙂
        stadtkinder erwerben halt andere kompetenzen als kinder vom land, wie dein emil zb im straßenverkehr, das ist für ihn einfach das normalste auf der welt. mein kind indess bestaunt jedes vorbeifahrende auto. in dem fall muss der spruch „wie man es macht, macht man es verkehrt“ vielleicht anders lauten. „wie man es macht, macht man es richtig“, das kind kann wohl aus jeder (gesunden und liebevollen) lebenswelt profitieren.

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